Vorklinik Reloaded: Folge 437638563598

Heute: O Bio mio!

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Der Tag war, wie für den vorklinischen Abschnitt üblich, etwas frustrierend. Ab 8 Uhr s.t. in Chemie irgendwelche Rechenaufgaben bewältigt, in der Anatomie-Vorlesung allerlei Sulci, Facies und Tuberositates kennengelernt, und in Biologie immer wieder mit den Basallaminae konfrontiert. Nach der Mensa ging es in die Bib, um das Gehörte zu verinnerlichen. Die Zeit reichte lediglich für Chemie und nun bis 18 Uhr noch der Kursus Biologie für Mediziner.

Während der Dozent, der sichtlich wenig Lust hat, die doofen Mediziner zwei Stunden lang zu bespaßen, laut und deutlich erklärt, was heute auf dem Programm steht, lässt bei mir die Wirkung des letzten Kaffees nach. Es ist Freitagnachmittag und ich werde gegen meinen Willen in einem Raum mit 50 anderen Personen festgehalten, wogegen ich mich nicht einmal wehren kann, will ich jemals den Biologie-Schein in Händen halten. Ich habe noch nicht fertig überlegt, wo ich das Geld für einen guten Anwalt auftreibe, da ist der Dozent mit seiner Einführung in den heutigen Kurstag auch schon fertig.

Hilfesuchend wende ich mich an eine strebsame Kommilitonin: „Was müssen wir machen?“ Prompt kommt die Antwort: „Aus dem gelben Kasten Präparat 56 mikroskopieren, aus dem blauen Kasten Nr. 35, aus dem grünen Kasten Nr. 67 und aus dem roten Kasten Nr. 47.“ Diese Information war zu viel und zu schnell für Freitag 16h47.

Als der Großteil meiner Mitstudenten seine Präparate ergattert hat, komme ich endlich an die Kästen. Blauer Kasten, Präparat 35 scheint vergriffen, ebenso die 47 aus dem roten Kasten. Was war das andere nochmal? Nummer 56, aber welcher Kasten? Grün oder gelb? Ich entscheide mich für grün, zum einen, weil es noch vorhanden ist, zum anderen ist grün die Farbe der Hoffnung.

Mit meiner fetten Beute geht es an meinem Platz in der letzten Reihe. Sogleich liegt das Präparat auf dem Objekttisch. Scheinwerfer an und Objektiv scharf! Was ich da sehe, beunruhigt mich. Vorsichtig schiele ich zur Kommilitonin rechts von mir, die bereits fleißig das zweite Präparat zeichnet. „Äh, Mitose-Stadien zeichnen lautet der Auftrag, oder?“ Meine Nachbarin sieht mich etwas fragend an, um mir dann beruhigend mitzuteilen, ich solle zeichnen, was ich wolle, es würde doch niemanden interessieren. Ein kluger Satz, tatsächlich.

Ich entscheide mich also herauszufinden, was ich da wohl mikroskopiere. Eine schlechte Idee, denn der Dozent scheint auf mich aufmerksam geworden zu sein und steht plötzlich vor mir: „Wo ist ihr Heft? Wo sind ihre Zeichnungen?“ Gerade noch darin vertieft, meinem Präparat alle Geheimnisse der Biologie zu entlocken, hole ich erschrocken mein Heft aus der Tasche. „Ich bin noch beim Mikroskopieren.“ sage ich und hoffe, der Dozent schaut nicht durchs Objektiv. „Dann machen sie mal!“ grummelt er und zieht kopfschüttelnd von dannen.

Die Nachbarin schmunzelt und zuckt die Achseln, übergibt mir freundlicherweise ihre Präparate und holt die nächsten aus dem grünen und roten Kasten. Ah, tatsächlich, das sieht ganz anders aus. Fröhlich zeichne ich Prophase, Anaphase, Telophase und überhaupt alle Phasen auf mein Papier, als der Dozent abermals vor mir steht: „Das sind doch keine wissenschaftlichen Zeichnungen!“ Wie so oft in der Vorklinik erscheint dieses riesige Fragezeichen über meinem Kopf. Verdutzt schaue ich auf meine Zeichnungen. „Sie sollen keine 1:1 Zeichnung anfertigen, sondern mit einer Zeichnung das ganze Blatt ausfüllen!“ bekomme ich zu hören und sehe ihn abermals kopfschüttelnd fortgehen. Endlich 18 Uhr, vorbei der Spuk. Resümee des Tages: am Wochenende Anatomie büffeln!

Am Freitag darauf befinde ich mich während der Vorbesprechung in einer ähnlichen Situation: Die Wirkung des Kaffees ist verflogen, die Kluft zwischen Gehörtem und Gelerntem wurde größer, und ich erinnere mich wieder an den Anwalt. Vielleicht sollte ich eine Annonce aufgeben: Stud. med. sucht Anwalt, der mal Medizin studierte und an Biologie scheiterte für Solidarisierungszwecke. Die Formulierung scheint mir jedoch unvorteilhaft und während ich grüble, wie man es besser ausdrücken könnte, ist der Dozent mit der Einführung in sein heutiges Kursprogramm schon wieder fertig. Verdammt!

Egal, erst mal sehen, was die anderen so machen. Aha, ein Tröpfchen auf den Objektivträger. Nach dieser leichten Übung begebe ich mich an meinen Platz und mikroskopiere. Etwas großes Schwarzes taucht auf. Ne, ist nur Dreck. Mal gespannt, was es sonst noch gibt. Pantoffeltierchen! Ach, na sieh mal an. Guter Dinge zeichne ich drauf los. Ein überdimensionales Pantoffeltierchen entsteht nach und nach in meinem Heft. Doch nicht lange und der Dozent steht wieder auf der Matte. Heute kommt er von hinten und schaut mir über die Schulter. „Was machen Sie denn da?“, ertönt wie aus dem Nichts eine mir bereits unlieb gewordene Stimme. „Wissenschaftliche Zeichnungen anfertigen!“ lautet meine unsichere Antwort. „Da fehlt doch die Hälfte!“ entgegnet der Dozent sogleich mit gewohnt fester Stimme. Nun haue ich den einzigen Satz heraus, den ich von der Vorbesprechung noch mitbekommen habe: „Wir sollen doch das zeichnen, was wir sehen?“ Der Dozent färbt die Gesichtsfarbe chamäleonartig rot: „So kann das nicht bleiben! Dann müssen Sie eben ein paar Sachen aus dem Gedächtnis ergänzen!“ Worauf er wieder kopfschüttelnd das Feld räumt.

Als er weg ist, beugt sich die Nachbarin zu mir und lässt mich wissen, dass er eigentlich immer nur zu mir käme. Ich bin mir nicht ganz im Klaren darüber, ob ich diesen Einzelunterricht gut finden soll, hole aber trotzdem das Skript hervor, da ich mit Pantoffeltierchen nun nicht ganz so vertraut bin, dass ich die genaue Lage der Nebenschilddrüse kennen würde und vervollständige meine Zeichnung.

Am Freitag darauf wieder das gleiche Spiel. Der Kaffee muss entcoffeiniert gewesen sein, denn ich merke gar nichts. Der Stoff hat sich gefühlt verzehnfacht und gelernt wird eigentlich nur noch Anatomie, da das erste Testat schon im Nacken sitzt. Allerdings auch das einzig interessante Fach zur Zeit. Der Einführung zum heutigen Kurstag sollte ich endlich mal aufmerksam folgen. Klappt auch, zumindest für zwei Minuten, als mir plötzlich wieder der Anwalt einfällt. Ach was, wozu Anwalt! Die Sache sollte man bei Amnesty International melden. In Gedanken habe ich gerade die Rede vor der UNO begonnen, als der Dozent uns auch schon beauftragt, ans Werk zu gehen.

Heute bin ich mit allen Wassern gewaschen. Die Bleistifte gespitzt, den Leberegel in- und auswendig gelernt, sogar mit Nebenhoden, Appendix veriformis und Epiphyse. Selbstsicher, ja nahezu triumphierend hole ich das Präparat, befestige es am Objekttisch, tue so, als müsste ich mir erst einen Überblick verschaffen, wohl wissend ich werde beobachtet, und beginne nach und nach zu zeichnen, natürlich ohne zu vergessen, immer wieder einen Blick durchs Objektiv zu werfen. Nicht lange und es geschieht, worauf ich heute schon gewartet habe und mich fast schon freue: der Dozent steht vor mir: „Das haben Sie so aber nicht gesehen!“ faucht er fast boshaft. Er überrascht mich doch immer wieder und das Fragezeichen über meinem Kopf verschwindet schon gar nicht mehr, nicht einmal nachts im Traum. „Was denn?“ will ich etwas genervt von ihm wissen. Er deutet auf die exakt gezeichneten Nebenhoden. „Das seh ja nicht einmal ich unterm Mikroskop!“ Dieser Satz ist eigentlich eine Steilvorlage für einen verbalen Konter, aber ich will das zarte Band unserer Freundschaft nicht unnötig strapazieren. „Soll ich´s wegradieren?“ frage ich, und sehe auch schon den Rücken des Dozenten, und darauf ein sich gewohnheitsmäßig schüttelnder Kopf.

Immerhin: die Tischnachbarin amüsiert sich inzwischen jedes Mal köstlich, und dieses Lachen ist fast mehr wert als jeder Ärger über einen Dozenten, der einfach Freude an der Lehre zu haben scheint. Die Gewissheit, eigentlich tun zu können, was man will, um letztlich doch Kritik zu ernten, bestärkt einen fast schon wieder. Resümee des Kurses: am Ende zählt der Schein.

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