Vorklinik Folge 6547395609878

Heute: Genie und Wahnsinn

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Bisher war mir die Nähe des Unicampus zum Bezirksklinikum nie so bewusst gewesen, doch heute sollte eine Art Bewusstseinserweiterung stattfinden. Man kennt ja die „Kommilitonen“ aus dem Klinikum von nebenan: der Typ mit dem Tick, der mit ständig kreisenden Kopfbewegungen in der letzten Reihe der geisteswissenschaftlichen Bibliothek sitzt, und die letzten zwei Jahre stets einen aufgeschlagenen Atlas vor sich liegen hatte. Inzwischen scheint sich der Herr der Analysis zu widmen. Wo dieses Buch im Philosophicum zu finden ist, entzieht sich bis jetzt noch zur Gänze meiner Kenntnis. Dann der schnarchende Herr, ganz in Jeans gekleidet, der immer des Nachmittags über seiner Zeitung einzuschlafen pflegt, um die Zentralbibliothek mit seiner laut swingenden Uvula zu beglücken. Auch er scheint ein neues Hobby gefunden zu haben. Er verfolgt jetzt unauffällig Frauen zwischen Zentralbibliothek und Philosophicum, was ihn anscheinend durchgehend wach hält. Die Dame mit etwas schütterem Haar, die Tag für Tag, sogar am Wochenende, vor einem Rechner sitzend alle Singleseiten im deutschsprachigen Raum durchforstet, hat Raum und Rechner gewechselt, und treibt sich nicht mehr auf rosafarbenen Singleplattformen mit Riesenherzen herum. Einzig mein Freund, der sich sofort hinter einer Säule versteckt, sobald er mich sieht, scheint tatsächlich Semesterferien zu haben. Er ward zumindest nicht gesehen. Doch die Kommilitonen um mich herum scheinen kurz vor dem Physikum ebenfalls Wesensveränderungen an den Tag zu legen. Kurz vor zwölf erreicht mich eine sms: „Futter?“ Die Kollegen aus dem Eigenstudium wollen Mittagspause machen. Also eile ich zur Mensa. Die Stimmung in ihren Reihen ist eher seltsam. Blicke zwischen Resignation und einer unendlichen Müdigkeit paaren sich intervallartig zu Gesichtsausdrücken, bei denen man kurz davor ist, einen Rollstuhl zu organisieren, um den Betreffenden schnell ins Bezirksklinikum rüber zu schieben. Kollege Janosch dachte darüber nach, die Kapitel im Lehrbuch zu lesen, die sein Prüfer, dem er in nicht einmal einer Woche gegenüber sitzen wird, geschrieben hat. Doch das sind annähernd 200 Seiten, wodurch die anderen zu lernenden Kapitel sowie zwei weitere Fächer schwer zu leiden hätten. Irgendwie fühle ich mich gezwungen die gedrückte Stimmung etwas aufzulockern: „Ach! Das schafft man in einer Nacht!“ antworte ich. Dieser vorklinische Schenkelklopfer scheint gar nicht gut anzukommen. Mehr als ein erzwungenes Lächeln kommt nicht, von keinem. Na gut! Dann hilft nur über Dozenten ablästern. Einzig ein Kommilitone zeigt sich begeistert, die anderen drum herum machen eher den Eindruck, als stellten sie sich vor, wie der gerade erwähnte Dozent sie während des Physikums in Grund und Boden fragt. Wenig später begegnet mir Tiffy. Sie schwankt irgendwo zwischen Heulkrampf und verzweifeltem Lachanfall. Es scheint als wohne sie bereits im Klinikum nebenan. Sie beklagt den Zeitmangel bis zum Mündlichen. Da ich so ziemlich jede Wiederholungsklausur mitgeschrieben habe, mache ich Tiffy einen nahezu unwiderstehlichen Vorschlag: „Soll ich Dich briefen? Ich coach Dich durch´s Physikum!“ schlage ich ihr begeistert vor und finde es wohl als einziger komisch. Nachdem sie lange genug ungläubig geschaut hat, bekomme ich zur Antwort: „Egal, wo ich bis dahin sein werde, aber wenn Du Physikum schreibst, dann steh´ ich mit Plakaten da und klopfe Sprüche!“ Auch hier wäre es wohl besser gewesen zu schweigen. Zur dritten Kaffeepause an diesem Tag laufen mir der Xare, der Alois und der Sepp über den Weg. „Wo ist denn Janosch?“ will ich von ihnen wissen. „Scho lang dahoam!“ erfahre ich prompt von ihnen. Dies nehme ich gelassen zur Kenntnis und meine achselzuckend: „Na gut! Es ist schließlich sein Physikum! Er ist alt genug, um zu wissen, was er macht.“ Die anschließende Stille in der Männerrunde ist äußerst unangenehm und ich kann zum ersten Mal beobachten, wie bei einem Menschen der Augeninnendruck bei gleichzeitiger Schwellung der Carotiden erheblich ansteigt. Während ich schon Angst bekomme und mir ernsthaft einen Fluchtplan überlege, schallt mir ein Lachen entgegen, das zum ersten Mal an diesem Tag weniger nach Verzweiflung als nach Galgenhumor klingt. Wenig später verrate ich Alois, ich hätte mit dem Professor, den er mündlich in Biochemie hat, über ihn gesprochen, und diesem verraten, der Alois hätte über ihn gesagt, dass er fachlich quasi eine Null sei, was der Professor sehr interessant fand….und tatsächlich, ich werde nicht gedanklich von meinem Gegenüber zu Hackfleisch verarbeitet, keine Fluchtpläne von Nöten und keine schwellenden Carotiden. Doch mein Physikum sollte ich vielleicht doch besser an einem geheimen Ort machen!

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