Vorklinik: Folge 4654950604452316

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Es wäre ja ein Leichtes, den Anatomieschein mit einer billigen Klausur zu ergattern, bei der 96% der Kommilitonen bestehen. Nein, hier muss man sich ganz einfach mal treu bleiben und mit einem fehlenden Punkt durchfallen.

Wieder einmal hab ich zu spät angefangen Altklausuren zu machen, zumal ich es jedes Mal für eine hinterhältige Lüge halte, wenn es heißt: „Die Klausur orientiert sich an den Altklausuren.“ So wird man also wieder eingeladen in die heimeligen Hallen der Anatomie, um den Professor eben mündlich von seinem Wissen zu überzeugen. Zuvor noch ein Käffchen und aus Versehen eine Gelbwurstsemmel, auf die seit Neuroanatomie eigentlich eher verzichtet wird, aber ist eh schon Wurscht.

Dann ist´s soweit: der schwere Gang in den Panic-Room, in dem man im ersten Semester schon Blut und Wasser geschwitzt hatte und Wortfragmente von bereits geprüften Kommilitonen aufschnappte, von denen man nur eines wusste: man hatte sie bestimmt noch nie zuvor gehört. Eine Symphonie der Düfte aus Formalin, Angst und einem Hauch Bierfahne, woher auch immer. Da steht man also wie schon zuvor, möchte seine Kommilitonen beruhigen, bräuchte aber selber einen Baum, um sich daran zu klammern. An den Wänden bildet man sich ein Kratzspuren zu sehen, womit der Formalingeruch nur noch an zweiter Stelle steht, nach der Angst. Alte Geschichten von Leuten, die durch das Neuro-Nachholtestat geflogen seien, werden ausgegraben, und plötzlich ist der Formalingeruch weg.

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss, die Blicke wandern Richtung Tür. Gott sei Dank, nur der Präparator. Doch keine Sekunde später: Der Prüfer, liebevoll auch Buffalo-Bill genannt, mit finsterer Miene: „Vier Humanmediziner!“ Der Aufruf klingt, als müsste man sich hier zur Körperspende eintragen. Der geübte Vorkliniker weiß: die ersten Sekunden einer mündlichen Prüfung können über Bestehen oder Scheitern entscheiden. Ebenso ist die Tagesform des Prüfers von höchster Bedeutung.

Dank dieser Erfahrung beginne ich die ersten Sekunden gleich mal richtig: „Wir haben hier einen Frontalschnitt durch Telencephalon und Diencephalon vorliegen.“ Buffalo-Bill scheint glücklich: „Einen Frontalschnitt!!“, wiederholt er nickend, worauf ich natürlich gekonnt gleich in das erste Fettnäpfchen trete. Aber die ersten Sekunden entscheiden, und die waren ja bereits überstanden.

Aus der Prüfung endlich draußen, kommt einem das bestandene Knochicum in den Sinn, nach dem man im Freudentaumel einfach mal eine Woche lang bis Weihnachten nichts mehr machte. Aus dieser Fehlhandlung wurde der Strick gedreht, der mich als Rattenschwanz bis ins vierte Semester begleiten sollte. Wann war nochmal OC? 10 Tage? Egal: wie das Knochicum muss auch das heutige Testat begossen werden: einmal fürs Telencephalicum, einmal fürs Diencephalicum, einmal fürs Mesencephalicum, zweimal für die Amygdala,…etc, etc. etc. Prosit!

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