Das Pflegepraktikum – ein Chamäleon

Neulich saßen meine Freunde und ich beim Mittagessen in der Mensa und um uns herum herrschte reges Gewusel. Genauso wie es für die ersten Tage nach Semesterstart üblich ist. Auch wenn der Nudelauflauf sehr gut war (Kompliment an unsere Köche!), kam ich nicht drum rum die Gespräche am Nachbartisch mitzuhören. Belauschen wäre übertrieben, nur stehen die Tische sehr eng… Am Tisch vor uns saßen Erstis. Ich erinnere mich an meine ersten Uni-Tage und das Gesprächsthema Nummer 1 in der Mensa: Pflegepraktikum. Und auch hier schien die Rechnung aufzugehen. Die Gruppe unterhielt sich über ihre Erfahrungen. Einer von ihnen fragte begeistert: „Und wie war euer Praktikum so? Hattet ihr spannende Einsätze?“

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Photo courtesy of Elsevier

Pflegepraktikum als Gesprächsthema bei Erstis

Das Mädchen mir direkt gegenüber stocherte mürrisch in ihrer Reispfanne herum und sagte knapp: „Mein einziger Einsatz war Essen verteilen. Ansonsten auf dem Flur warten.“ Betretene Stille. Jetzt wurde es interessant (ab dieser Stelle kann man wohl von belauschen sprechen). Ihr Nachbar erzählte von seiner Zeit. Allem Anschein nach hatte er die gesamte morgendlichen Blutabnahmen eines Bezirks-Krankenhaus erledigt und im OP assistiert. Okay. „Glaub ich dir nicht“, entgegnete ein anderer Ersti. „Das darf man als Praktikant gar nicht. Ich habe das mal nachgelesen…“ Daraufhin entbrannte ein kurzer aber unterhaltsamer Schlagabtausch über die Befugnisse und Aufgaben von Pflegepraktikanten, der damit endete, dass der „Blutabnehmer“ verärgert Kaffee holen ging. Für mich war dieses Gespräch der Beweis: Kein Pflegepraktikum gleicht dem anderen. Klassisches Chamäleon.

Eigene Erfahrungen im Pflegepraktikum

Hier ist meine Geschichte: Ich habe mein Praktikum in zwei Teilen absolviert. Da ich nach der Schule erst 1 Jahr etwas anderes studiert habe und das Medizinstudium daran nahtlos anknüpfte, hatte ich zu Beginn noch kein Praktikum absolviert. Also musste ich alles in den Semesterferien nachholen. Die Leute, die es vorher ganz geschafft haben, hatten es da natürlich entspannter, aber das war auch so gut zu machen. Ich war auf einer chirurgischen Station. Mein Tag begann morgens um 6 mit der Frühbesprechung. Der Arbeitsweg war innerhalb von 10 Minuten mit dem Fahrrad zu absolvieren. Das was sehr angenehm und dementsprechend konnte ich morgens was länger liegen bleiben und das Aufstehen war keine große Überwindung. Ich war ein absoluter Neuling im Krankenhaus. Vorher hatte ich noch nie einen Berührungspunkt damit gehabt. Also gab es am Anfang viel zu entdecken und erleben.

Start ins Pflegepraktikum

Ich weiß noch, dass ich am ersten Tag sehr aufgeregt war. Nachdem ich eine kleine Führung im Haus bekommen hatte, ging es ins erste Patientenzimmer. Es ging also los. Der erste Tag ist mir noch immer in Erinnerung. Die folgenden Wochen wurden zu einer sehr schönen Zeit! Mir wurde viel gezeigt und erklärt. Ich lernte die Grundzüge der Krankenpflege kennen und konnte immer nachfragen, wenn etwas unklar war. Von allen Krankenschwestern und -pflegern erhielt ich bereitwillig Antworten auf meine Fragen und ich fühlte mich schnell wohl im Stations-Alltag. Kontakt mit dem ärztlichen Personal hatte ich nicht, das störte mich aber nicht. Meine Aufgaben spielten sich wirklich alle in der Krankenpflege statt. Das finde ich auch gut so, denn dafür ist das Praktikum ja da.

Die Zeit verging wirklich schnell und ich entschied mich, für die zweite Hälfte des Praktikums in den nächsten Semesterferien wieder zurück auf dieselbe Station zu kommen. Nach dem Semester konnte ich dann schnell wieder an die alte Zeit anknüpfen und diesmal schien alles noch schneller umzugehen.

Pflegepraktikum auf der chirurgischen Station

Eine chirurgische Station kann ich fürs Pflegepraktikum sehr empfehlen. Durch die Wundpflege und zahlreichen Verbandswechsel gibt es immer genug zu tun und ihr erhaltet interessante Einblicke. Und da die chirurgischen Patienten besonders auf Hilfe bei der Körperpflege usw. angewiesen sind, steht man nicht wartend auf dem Flur, so wie die Kollegin am Nachbartisch in der Mensa. Obwohl es mich später nicht in die chirurgische Richtung zieht, ist das meiner Meinung nach ein toller Einstieg in die Medizin. Gerade zu Beginn konnte ich recht wenig mit den internistischen Fällen anfangen, da mir hier das grundlegende Wissen einfach fehlte.

Pflegepraktikum vor Studienstart

Wenn es euch möglich ist, das Praktikum vor dem Studium zu absolvieren: Macht es! Da habt ihr schon gut was weggeschafft und Richtung Physikum habt ihr traumhaft entspannte Semesterferien. Fragt munter eure Team-Kollegen aus! Ich hatte den Eindruck, dass sie sich immer sehr gefreut haben, wenn sie mir Dinge erklären konnten und mir wurden im Gegenzug bewusst interessante Tätigkeiten und Fälle gezeigt. Ehrliches Interesse öffnet viele Türen und ermöglicht eine gute Zeit. Als nach dem Sommer die letzten Tage auf Station anbrachen, war ich ein bisschen wehmütig um ehrlich zu sein. Ich hoffe bei euch wird es genauso sein!

Klassisches Chamäleon

Die Mensagruppe war inzwischen zur nächsten Vorlesung weitergezogen. Daraufhin sprachen auch wir nach langer Zeit mal wieder über unser Praktikum und mussten viel lachen, genau wie in den ersten Tagen unseres Studiums. Als wir uns wieder auf den Weg machten sprach uns eine ältere Dame an: „Ihr seid Erstis, wie schön!“ „Nicht so ganz. Wir sind im 9. Semester“ „Oh, trotzdem viel Spaß!“, entgegnete sie. Das Pflegepraktikum wird euch immer im Gedächtnis bleiben. Egal wie es gelaufen ist, keines gleicht dem anderen. Klassisches Chamäleon eben.

Euer Johannes

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