Wartezeit überbrücken – auf keinen Fall aufgeben

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Keinen Studienplatz zu bekommen ist frustrierend, anstrengend, entmutigend. Mein Weg kann vielleicht ein Ansporn sein durchzuhalten und auch abseits der Universitäten nach Zwischenstopps auf dem langen Weg zum Arzt zu suchen, das Ziel jedoch fest im Blick!

Meine berufliche Reise begann 2004 nach dem Abitur mit der Erkenntnis, dass ich etwas mit Technik, vielleicht sogar Informatik studieren möchte. Mein Vater brachte mir die Begeisterung für Computer und technische Basteleien bei und meine Nachbarschaftshilfe bestand daher meistens daraus, Computerabstürze zu beheben und Netzwerke einzurichten. Somit war mein Werdegang eigentlich vorgezeichnet.

„Leider“ hatte ich auch noch eine soziale Ader, die ich durch die Betreuung von Jugendgruppen und Zeltlagern ausleben konnte. Einer meiner damaligen Gruppenleiter hatte seinen Zivildienst beim DRK als Rettungssanitäter verbracht und empfand das als sehr lehrreiche Zeit. Drei Mal dürft ihr raten. Er hat danach Medizin studiert.

Davon inspiriert dachte ich mir, dass etwas „Sinnvolles“ vor dem Technikstudium ja nichts schaden kann. Es kam wie es kommen musste, auch ich wurde vom „Medizinervirus“ gepackt.

Die Zeit im Rettungsdienst war für mich als jungen, unerfahrenen Menschen eine so große menschliche Bereicherung, dass für mich klar war: Ich wollte mehr. Ich musste auch Medizin studieren! Die Zusammenarbeit mit den Notärzten hatte mich so beeindruckt, dass ich auch diese Kompetenzen haben wollte. Der Rettungssanitäter war mir zu begrenzt.

Voller Begeisterung für meine neue Idee bewarb ich mich damals bei der ZVS und kassierte, wen wundert es, die erste Absage. Es sollten noch etliche folgen. Mein Abiturschnitt von 2,5 reichte natürlich nicht für den hohen NC des Studiums und schnell wurde mir klar, dass auch die Auswahlverfahren mich nicht retten konnten. Die Wartezeitquote sollte meine einzige echte Hoffnung bleiben.

Von der Realität eingeholt fasste ich also neue Pläne und verwendete mein Geld aus dem Zivildienst für die Ausbildung zum Rettungsassistenten, welchen ich Mitte 2005 mit Prüfung abschließen konnte. Zu dem Zeitpunkt war jedoch schon klar, dass ich auch als Rettungsassistent nicht ewig arbeiten wollte. Was gab es noch? Es fügte sich, dass ich zum Oktober einen Ausbildungsplatz als Gesundheits- und Krankenpfleger bekam. Damit waren wieder drei Jahre sicher, in denen ich Geld und auch Wissen sammeln konnte. Trotz der günstigen Fügungen war ich jedes Semester wieder frustriert, als die Absagen eintrudelten. Irgendwie war es ja klar, dass ich fünf bis sechs Jahre warten musste, gehofft hatten meine Familie und ich aber trotzdem jedes Mal.

Alternative Bewerbungen wie Losverfahren oder Auslandsstudium wurden besprochen, aber immer als unrealistisch verworfen. Das Losverfahren hatte ich ein paar Mal probiert, aber wenn man ehrlich ist, sind die Chancen doch sehr gering. Für das Auslandsstudium fehlten mir einfach das Geld und der Wille. Ich wollte es in Deutschland schaffen!

Die Anforderungen des Medizinstudiums waren für mich zwar immer noch etwas abstrakt, aber ich wusste, dass mich meine Ausbildungen und meine Praxiserfahrung darauf vorbereiten würden. Glücklicherweise behielt ich damit Recht. Den frischen Abiturienten, der jüngste bei uns war 17 Jahre alt, fehlt es meist an Mut und Erfahrung, normal und professionell mit Patienten umzugehen. Dies zeigte sich in vielen Untersuchungskursen und Anamneseübungen. Woher sollten sie es auch besser können. Das sind Erlebnisse, die mich glauben lassen, dass es besser wäre, wenn jeder vor dem Studium ein freiwilliges Jahr in einer sozialen Einrichtung ableisten müsste. Es würde den Menschen und den Studenten sicher nützen. Der Umgang mit Menschen kann an der Uni nicht ausreichend vermittelt werden. Das seltsame, teils arrogante oder cholerische Verhalten einiger Kollegen ist jeden Tag wieder ein Beweis dafür. Nach diesem Schwenk in meine jetzige Gedankenwelt nun wieder zurück zu meinem Werdegang.

Die drei Jahre Krankenpflege brachten mir weiteres Fachwissen und lehrten mich den Umgang mit Menschen. Ich war nach dem Rettungsdienst zu einem blaulichtbegeisterten Retter geworden, der, nett formuliert, wusste, was er konnte. Die Krankenpflege „erdete“ mich und zeigte mir, dass es neben der Notfallmedizin noch weit mehr zu lernen und zu verstehen gibt.

Leider gab es auch im Oktober 2008, nach meinem Examen, noch keinen Studienplatz für mich. Das war sehr bitter, weil ich sehr gehofft hatte, nun endlich beginnen zu können. Ich tröstete mich mit einer Festanstellung in der Uniklinik Bonn auf einer Intensivstation, wo ich glücklicherweise Arbeit bekam. Gerade diese Arbeit auf Intensiv hat mich fachlich und menschlich weiter gebracht und zum WS 2009/10 sollte es dann endlich soweit sein! Ich bekam eine Zulassung über die Wartezeitquote in Bonn. Meine Freude war grenzenlos. All das Warten hatte sich gelohnt. Ich hatte meine Zeit „sinnvoll“ genutzt und konnte sogar etwas Geld für das Studium sparen.

Heute, im nahen WS 2014/15, blicke ich auf die Zeit zurück und denke: „Wahnsinn, wie schnell das ging!“ Ich bin gut durch das Studium gekommen. Im April 2015 ist Examen, dann PJ. Eine spannende Zeit liegt hinter mir, eine spannende Zeit liegt noch vor mir. Ich bereue nichts von dem, was ich getan habe und bin dankbar für alle Menschen, die mir auf meinem Weg geholfen haben.

Ich möchte all denen Mut machen, die vor ähnlichen Problemen stehen. Wenn ihr das wirklich wollt, nutzt die Zeit und lernt den Umgang mit Menschen. Die verständnisvolle, empathische, aber auch zielstrebige Art ist mindestens genauso wichtig für unseren Beruf wie das erlernte Faktenwissen.

Beides muss sich sinnvoll ergänzen. Die Universitäten bemühen sich, Kommunikation und Gesprächsführung zu lehren, aber die Erfahrungen mit den Menschen, die einen prägen, muss man selber machen. Ich bin nicht davon überzeugt, dass noch jüngere Abiturienten, Stichwort G8, die Reife besitzen können, sich selbst und den Patienten gerecht zu werden. Vielleicht ist ja, wie bereits beschrieben, ein soziales Jahr o.ä. eine Verbesserungsmöglichkeit. Was wir jedoch in der Zukunft für Ärzte haben wollen, muss die Gesellschaft und vielleicht auch jeder für sich selbst entscheiden.

Habt also Mut und verwirklicht euren Traum!

Frederik

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