Eine Prinzessin wird Pflegehelferin

Glamour, VIPs, roter Teppich – Welten, die wohl kaum mit dem Pflegeberuf in Verbindung gebracht werden. Oder vielleicht doch? Durch Corona hat der Sektor Pflege aktuell mehr denn je international die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich gezogen, und zwar im positiven Sinn. Was einerseits endlich eine schon längst nötige Form der Anerkennung repräsentiert, wird auf der anderen Seite auch gerne für eine gelungene Publicity genutzt. So hat sich beispielsweise Prinzessin Sofia von Schweden während der Corona-Pandemie in einem Crash-Kurs zur Pflegehelferin ausbilden lassen, und hilft in einem schwedischen Krankenhaus aus. Ist das nun doch etwas zu viel des Guten? Oder liegt hier eine wichtige Chance für die Pflege? Die Meinungen gehen auseinander.

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Photo courtesy of Elsevier / Colourbox

Der royale Kasack

Die Designer-Outfits hat die schöne Prinzessin für einige Zeit gegen Kasack und Arbeitshose eingetauscht. Strahlend lässt sich Sofia von Schweden mit weiterem Pflegepersonal in einem schwedischen Krankenhaus von der Presse ablichten. Ein Zeichen ihrerseits dieser Arbeit während der Pandemie Respekt zu zollen, und in Krisenzeiten tatkräftig und selbstlos zu unterstützen. „Selbstlos“ scheint jedoch immer ein etwas schwer anzuwendender Ausdruck zu sein, wenn man in der Öffentlichkeit steht. Geht es nun um wahres Engagement oder doch eher um eine reine PR-Maßnahmen. Und, egal wie hier die Wahrheit aussieht, welche Auswirkungen hat dies auf die Pflege? Sollte man solche Momente als positive Imageverbesserung feiern, oder ist das ganze eher eine Abwertung, wenn es um diesen lebenswichtigen Beruf geht? Die Reaktionen sind unterschiedlich. Gerade erfahrene Pflegefachpersonen, welche seit vielen Jahren dem harten Arbeitsalltag stand halten, fühlen sich durch solche Kampagnen nicht ernst genommen. Die Rede ist unter anderem von „schallenden Ohrfeigen am arbeitenden Volk im Gesundheitswesen“. Eine Pflegefachfrau aus Berlin benennt es wie folgt: „(...) Jetzt erst merken alle, was wir tagtäglich zu leisten und auch zu erdulden haben. Und dann kommt da plötzlich so eine Prinzessin daher und das wird dann schön in den Medien verbreitet. (...) Alte Menschen, kranke Menschen (...) gab es schon vor der Corona-Pandemie. (...) Ich finde das traurig. Denn sobald das alles vorbei ist, sind wir einfach nur wieder empathische Menschen (...)"1.

Dankbar für jedes Mittel zur Imageverbesserung

Auf der anderen Seite werden Stimmen laut, welche gerade solche Aktionen befürworten. Auch, wenn die Arbeit der Prinzessin an sich keine große Unterstützung für die Pflege in diesem Krankenhaus darstellen mag, so sei es gerade diese Form von PR, welche dem Berufsfeld der Pflege fehlt. Wenn Personen, die regelmäßig in der Öffentlichkeit stehen, solche Kampagnen nutzen, und die Bilder in den öffentlichen Medien um die Welt gehen, so habe das klare Auswirkungen, äußert Julia Wagner, Journalistin: „Viele junge Menschen folgen heute auf Social Media Influencern, die im Rampenlicht stehen, so wie Sofia. (...) Wenn auch nur ganz wenige Mädchen oder Jungen, die von einem Leben als Royal träumen, sich jetzt denken, es wäre eine gute Sache, auch mitanzupacken oder sogar später mal einen systemrelevanten Beruf zu ergreifen, dann hat die Prinzessin einen wichtigen Beitrag geleistet.“2.

Promis im Gesundheitswesen

Aber auch fern ab der Corona-Pandemie ist es nicht undenkbar, dass Promis ihren Status gegen ein Leben im Gesundheitswesen tauschen. Der langjährige Moderator Tobi Schlegl machte 2016 auf sich aufmerksam, als er seine Arbeit in der Öffentlichkeit beendete, um eine Ausbildung als Rettungssanitäter zu beginnen. Mit Erfolg. Seine bisherige Tätigkeit hat der junge Mann dennoch nicht ganz aufgegeben und nutzt sie, um auf eine Realität in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, welche viele Menschen nicht sehen möchten. Nämlich Notfallsituationen, die leider nicht immer gut ausgehen sowie verwahrloste Menschen, die alleine in ihren kleinen Wohnungen erkranken, ohne von ihrem Umfeld wahrgenommen zu werden. Und auch auf die Tatsache, dass nicht nur in der Pflege, sondern auch im Rettungsdienst ein erheblicher Personalmangel herrscht, macht Herr Schlegl gerne aufmerksam3.

Fazit

Manche Aktionen geben wohl mehr Anlass eine gekonnte PR-Aktion zu vermuten, als andere. Tatsache ist aber, dass jeder Aufruf in den sozialen Medien Folgen hat. Und wenn diese Folgen einmal mehr bedeuten, dass sich die Bevölkerung über Themen Gedanken macht, welche sonst vielleicht doch eher im Schatten anderer Schlagzeilen untergehen, so darf man dies nicht unterschätzen. Wichtig hierbei sollte die Einsicht bleiben, dass ein Crash-Kurs und ein zeitlich absehbarer Einsatz nicht ansatzweise die Arbeit repräsentieren, welche täglich von Pflegefachpersonen und auch allen weiteren Mitarbeitern im Gesundheitswesen gestemmt wird.


Autor

Sarah Micucci

Sarah Micucci

Sie ist ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin, sowie Pflegepädagogin (B.A.). Zusätzlich arbeitet Sie als Autorin und Textredakteurin für Pflegefachliteratur.

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