Meine Gedanken über die Zeit nach dem Medizinstudium

Drittes klinisches Jahr, Famulaturen, Blockpraktika, Prüfungen, Vorbereitungen für das Staatsexamen. Der Lerntrott hört gefühlt nie auf und man erhofft sich schnell, endlich in das praktische Jahr zu kommen. Neben finanziellen Schwierigkeiten, da dieses selten fair vergütet wird, beschäftigt man sich intensiver mit den eigenen Zukunftswünschen. In diesem Bericht lest ihr, welche Gedanken ich mir gemacht habe.

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Die Auswahl des Fachgebiets

Oft wurde man bereits in den OP-Sälen oder auf der Station gefragt, was man werden möchte. Chirurgie? Super, perfekt, du bist direkt beliebt bei den Chirurgen. Innere Medizin? Sehr gut, du wählst natürlich auch hier die beste Richtung von allen. Alles andere? Oft folgt Schweigen, vielleicht gibt es noch ein verständnisvolles Nicken.

Egal, wen du auch triffst, nahezu jeder berichtet, dass sein Fach das beste in der gesamten Medizin ist. Leider wird es stets pauschalisiert und verliert die persönliche Note. Selten kommen Erklärungen, warum dieses Fach so toll sein soll. Es bleibt daher die Qual der Wahl.

Diese Aspekte sind mir wichtig

So richtig entschieden habe ich mich noch gar nicht, lediglich eine engere Wahl getroffen. Für mich ist weniger das spätere Fach entscheidend, sondern mein Umgang mit Patienten oder Kollegen. Außerdem interessiere ich mich für Werte, welche die ältere Mediziner-Generation abschrecken:

  • Work-Life-Balance: Ich lebe nicht, um zu arbeiten. Ich schütze mich selbst vor Überarbeitung, um jedem Patienten die beste Behandlung bieten zu können. Übermüdete, erschöpfte oder ausgebrannte und überarbeitete Ärzte machen Fehler, die manchmal unverzeihlich sind.
  • Zeit für Patienten: Wer viel Gesprächsbedarf hat, dem muss die nötige Zuwendung (soweit eben möglich) entgegengebracht werden können. Nur so können Ängste abgemildert werden und eine Behandlung kann bessere Ergebnisse erzielen. Insbesondere in der Allgemeinmedizin.
  • Flache Hierarchien: Der OP-Saal fällt für mich aufgrund starrer Strukturen und dem rauen Umgangston aus. Gegenseitige Wertschätzung, auch gegenüber der Pflege und nicht-medizinischem Personal sorgen meiner Ansicht nach für einen deutlich besseren Team-Zusammenhalt.
  • Faires PJ: Studenten arbeiten 40 h die Woche und bekommen dafür eine monatliche Aufwandsentschädigung, die in der Regel unter dem Gehalt eines Auszubildenden in der Pflege im 1. Jahr liegt – wenn es überhaupt etwas Geld gibt.
  • Shared decision making: Ich möchte den Patienten in alle Entscheidungen einbeziehen, diese mit ihm gemeinsam treffen, mit dem Patienten sprechen, zuhören und empathisch sein, selbst wenn Kollegen mich dafür belächeln sollten.
  • Absicherung: Mit meiner Promotion sichere ich mir alle Möglichkeiten ab. Es steht nicht fest, ob ich mein ganzes Leben an einem Ort bleibe und arbeite, oder nicht doch irgendwann in die Lehre gehe. Ein Doktortitel eröffnet mir Möglichkeiten, die ich vielleicht in einigen Jahren in Betracht ziehe.
  • Prestige: Ansehen in der Gesellschaft steht für mich nicht im Vordergrund. Ich unterscheide mich von anderen lediglich durch ein langes Studium und bin deshalb zwar finanziell abgesichert, aber kein "besserer" Mensch. Ich möchte bodenständig bleiben und hoffe, dass ich keinen Höhenflug bekomme und von Patienten als arrogant wahrgenommen werde.

Wie ich mir meine Zukunft als Ärztin vorstelle

Später möchte ich eine vertrauensvolle und empathische Bezugsperson darstellen, was mir eine enge Arzt-Patienten-Beziehung ermöglicht und letztlich die Compliance der Patienten verbessert.

Ein rein altruistischer Ansatz ist für mich nicht verfolgbar, weil ich selbst ebenfalls ein Mensch bin. Wie meine Patienten habe ich Bedürfnisse, Wünsche, Lebensträume. Wenn ich ein vernünftiges Verhältnis von Arbeit und Freizeit habe, kann ich mich umso besser um meine Patienten kümmern, sodass alle dabei gewinnen.

Eure Nadine


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