Wie wird man der Arzt- der man sein will

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Im Kindergarten war alles noch ganz einfach. Auf die Frage: Was möchtest Du denn mal werden? antwortete man einfach: Kosmonaut. Oder: Fußballspieler. Oder: Rentner. Und dann hatte man für die nächsten zehn bis elf Jahre Ruhe. Kurz vor dem Abitur tauchte die Frage wieder auf: Und, was möchtest Du denn machen, wenn die Schule vorbei ist? Hier konnte man sich oft noch mit einem: Erstmal eine Weltreise oder: FSJ oder: Irgendwas mit Medien behelfen. Das dritte Mal kommt die Frage kurz vor dem Staatsexamen und da ist sie am schwierigsten und wichtigsten zugleich: Was für ein Arzt möchtest Du werden? Und da sagt man zuerst: Ein guter Arzt oder: Eine Ärztin. Aber dann kommt gleich: Ha, ha, ja, das meinte ich nicht – was für ein FACHarzt möchtest Du werden? Und dann steht man plötzlich da, mitten auf einer großen Kreuzung, auf der zwanzig Wegweiser in dreißig Richtungen zeigen und wie soll es da nun weitergehen? Woher soll man denn wissen, welcher Arzt man werden will? Und will man überhaupt Arzt werden? Oder doch lieber in die Wirtschaft? Oder Forschung? Medizinjournalismus soll was Tolles sein! Oder vielleicht doch noch acht Semester Philosophie? Oder eine Lehre zum Zimmermann? Der Möglichkeiten sind so viele und warum war das eigentlich früher mit dem Entscheiden viel einfacher?

Wenn man gar nicht weiß, was man tun soll, macht man am besten ein Praktikum. Das ist ein Vorgehen, das so gut wie immer und in allen Lebenslagen funktioniert. Sonntag Abend? Langeweile? Mach ein Praktikum! Stress mit dem Partner oder der besten Freundin? Mach erstmal ein Praktikum! In Medizinerkreisen heißt das Famulatur, aber der Effekt ist derselbe: man kommt mal raus und sieht etwas und hat vier Wochen Zeit, alle Haken, die an jedem Beruf sind, genau zu prüfen. Immerhin geht es ja darum, sich ewig zu binden!

Ich hatte in der Zeit der Vorklinik sehr mit der Medizinischen Psychologie gehadert. Was für ein Unsinn, dachte ich, diese Psychotherapie! Ein Mensch erzählt einem Anderen all das, was man nur allerbesten Freunden erzählt, aber die Beiden sind gar keine Freunde! Schlimmer noch. Der Andere gibt nichts von sich selbst preis, die ganze Beziehung ist schief – undenkbar, dass so etwas Künstliches helfen kann.

Im Psychiatrie-Seminar später lernte ich mit ein paar Kommilitonen eine junge Frau kennen, die sich auf Grund einer Paranoiden Schizophrenie in stationärer Behandlung befand. Und da sah alles schon ganz anders aus. Die Fragen nach Wahrheit und Gefühl, nach Sinn und Befinden, nach Weltsichten und Lebenskonzepten, die ja auch bei mir persönlich obenauf lagen, waren hier plötzlich praxisrelevant.

Eine Famulatur in der Abteilung für Psychiatrie der Uniklinik Leipzig bestätigte diesen Eindruck und es kam ein Geheimnis hinzu, welches meine Neugierde weckte. Als Famulant durfte man zwar Blut abnehmen, Akten durchblättern, an Morgenrunden und Visiten teilnehmen – aber von den „therapeutischen Einzelgesprächen“, die das Herzstück der Heilung zu sein schienen, blieb man ausgeschlossen. Und da wollte ich es wissen und wollte es tun und da stand schon fest: die Psychiatrie muss es werden.

Als Gegenprobe machte ich das dritte Tertial meines Praktischen Jahres in der Anästhesie und Notfallmedizin und schlich doch nach der Arbeit schon heimlich zu den psychiatrischen Kollegen, um mit ihnen das Therapeutische Bogenschießen zu üben: Bogen heben, halten, spannen – Ziel fixieren – Spannung halten – und … loslassen … und dann die Spannung noch ein bisschen halten … . Dann den Bogen senken. Und weil die Scheibe so groß ist, trifft der Pfeil genau dort, wo er treffen soll.

Ansonsten gibt es immer einen zweiten Versuch. Oder einen dritten.

Genau wie bei der Wahl des richtigen Facharztes.

Eure Susanne
Susanne Schulze

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