Wie findet man die Arbeitsstelle für’s Leben?

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Hamburg war nicht meine Wahl, sondern die meines Freundes, und zum Vorstellungsgespräch in der größten psychiatrischen Klinik der Stadt kam ich dann auch eine halbe Stunde zu spät. Leipziger Übersichtlichkeiten gewöhnt, war das Gelände mit den vielen alten Gebäuden einfach zu groß. Und die Bahn hatte auch Verspätung gehabt. Dennoch lernte ich die oberärztlichen Vertreter aller Abteilungen kennen und wusste sofort: Also Gerontopsychiatrie und Sucht lieber nicht. Psychosen? Vielleicht. Affektive Störungen? Persönlichkeitsstörungen? Forensik? Akutpsychiatrie? Irgendwie klang das alles interessant, aber musste man dafür nicht richtiger Arzt sein? Und was war ich? Ein Kind, gerade so der Schulbank entwachsen, mit Restwissen noch von der Anatomie und der Physiologie und vielleicht auch ein bisschen Innere Medizin und meinetwegen Chirurgie, aber das doch mehr allgemein und theoretisch und jedenfalls sicher nicht geeignet, um damit auf echte Patienten loszugehen …

Etwas erschrocken fuhr ich nach Hause und wartete ab. Üblicherweise sind das die Situationen, in denen erstmal nichts passiert, und so war es dann auch. Warten. Zimmer aufräumen. Lange Spaziergänge machen. Oberschenkel mit Blumenmustern bemalen. Irgendwann dann die Nachricht: freie Stellen gäbe es zur Zeit nur in der Suchtabteilung, bald aber bestimmt auch wieder woanders, ich hatte es eilig. Und mit dem Mut, nein: der Unverschämtheit der Verzweiflung, bat ich den zukünftigen Chef, mir den Posten zu geben, ohne mich dafür nochmal extra nach Hamburg anreisen zu lassen.

Katze-im-Sack für beide Seiten, aber er ließ sich darauf ein. Nicht ohne eine Warnung, die auch wie ein Versprechen klang: „Wenn Sie ein Jahr in der Sucht gearbeitet haben, werden Sie zumindest mit schwierigen Menschen umgehen können“. Und damals dachte ich, er meinte die Patienten. Die Suchtkranken mit ihrem unstillbaren Verlangen nach Alkohol oder einer Droge. Die Menschen, denen sehr früh der Zugang zum Glück verwehrt worden war und deren Ziele in vielen Fällen nicht mit dem, was laut Lehrbuch für sie gut wäre, in Einklang zu bringen war.

Aber vielleicht meinte er auch mich selbst. Kein Ort scheint mir geeigneter, die Arztrolle zu finden, als jener, an dem man sein Selbstverständnis von dem eines Dealers und eines Sozialarbeiters, eines Freundes und eines Richters, eines (gesellschaftlichen) Opfers und eines (gesellschaftlichen) Täters so aktiv abgrenzen muss. In der Suchtklinik kann man all das sein und ein bisschen Kenntnis in den Bereichen Infektiologie und Hepatologie, Wundversorgung und Geburtshilfe ist gewiss von Nutzen.

In den ersten Wochen lernte ich einen Narzissten und zwei Mörder, einen ehemaligen Balletttänzer und etwa dreißig geschiedene Ehefrauen, sechsfache Mütter und Suizidenten, viele Dus und Ichs, Obdachlose, Prostituierte, Angestellte, Musiker und S-Bahn-Fahrer kennen. Und obwohl ich keinen Kittel trug und lieber einmal öfter sagte, dass mir der Doktortitel, den sie mir gaben, nicht zustünde, weil ich doch noch keine Dissertation geschrieben hätte und überhaupt ziemlich neu sei und nicht so genau wüsste, auch selbst keinen Alkohol tränke und nie an einer Zigarette gezogen hätte … trotz offenkundiger Naivität meinerseits, waren diese Menschen bereit, mir ihre Geschichten zu erzählen und die Hilfe, die ich als Repräsentantin einer Suchtklinik anbieten konnte, anzunehmen. Manch einer erklärte mir die Welt, bis ich verstand, was Süchtigsein heißt. Manch einer log mir kühn ins Gesicht: „Nein, ich habe nichts konsumiert!“, noch als ich ihm die Laborwerte vorhielt, die das Gegenteil bewiesen. Manch einer gab mir das wunderbare Gefühl, dass nur ich ihn verstehen und ihm helfen könnte und brach am nächsten Tag die Behandlung ab. Viele gingen in Langzeittherapie. Viele kamen wieder. Einige starben genau dann, wenn sie nicht bei uns waren. Und in den zweieinhalb Jahren, die ich schließlich „in der Sucht“ verbrachte, lernte ich tatsächlich schwierige Menschen in schwierigen Situationen mit ganz erstaunlichen (Über-)Lebensstrategien kennen und schätzen.

Vielleicht ist es so, dass die erste Stelle nach dem Studium immer die ist, die am meisten beeindruckt und in der sich die Weichen für die restlichen vierzig Jahre des Berufslebens stellen. Viele Kollegen berichteten mir später, dass es sie dorthin zurückzöge, wo sie begonnen hatten, obwohl dieser Anfang zunächst ganz zufällig erschienen sei.

Viel falsch machen kann man also nicht, aber im Zweifel …. startet man am besten mit der Sucht!

Eure Susanne

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