Plötzlich studieren: Der Kühlschrank füllt sich nicht von allein

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Vor anderthalb Jahren verließ ich den sicheren Heimathafen, um zum Studieren in eine viel größere und vier Stunden Fahrt entfernte Stadt zu ziehen. Auf einmal musste ich mich um alles selbst kümmern: der Kühlschrank musste gefüllt werden und die Wäsche wusch  sich auch nicht von allein. Die typischen Studentenprobleme eben. Ich wusste von klein auf, dass ich Medizin studieren wollte. Deswegen setzte ich auch alles daran, einen Studienplatz zu bekommen. Danach, so dachte ich, würde sich schon alles fügen. Spätestens nach einer Woche war ich ziemlich ernüchtert. Während andere Studiengänge ihre Tage noch mit Stadtralleys und Kneipentouren verbrachten, stürzten wir uns schon in die Prüfungsvorbereitung für das erste mündliche Testat in der 4. Semesterwoche. Zwischendurch rollten Wellen der Panik über mich hinweg, wenn die Zahl der Tage vor dem Prüfungstermin immer weniger wurde oder ich im Präpsaal vor dem Professor stand und mit einem Schlag alle mühsam gelernten Gefäß- und Nervenverläufe aus meinem Gehirn entschwunden waren. Meinen Kommilitonen ging es ähnlich. Wir fühlten uns zeitweise wie in der Achterbahn, Höhenflüge und Loopings inklusive. Die letzteren traten immer dann auf, wenn man eine Prüfung bestanden bzw. überlebt hatte. Dann kannte die Freude kein Halten mehr, es wurde gefeiert, meistens ziemlich exzessiv. Am nächsten Morgen allerdings begann der Zyklus erneut: Pünktlich um 8 Uhr saßen wir verkatert im Hörsaal. Nachmittags wurde die Wohnung geputzt und die Pizzakartons der vorherigen Woche entfernt. Danach erledigte man alles, was vor der Prüfung viel zu kurz gekommen war: Freunde treffen, zuhause anrufen, auch mal ausreichend schlafen. Ab der zweiten Woche begann das intensive Lernen von neuem. In der dritten Woche kam dann die Nervosität hinzu. Hektisch wurden die letzten Tage geplant. Aber ich empfand diejenigen Stunden als schön, in denen ich in der Bibliothek saß und tatsächlich mal keiner aus meinem Jahrgang in Tränen ausbrach. Im Laufe der Zeit normalisierte sich alles ein wenig: Ich wurde gelassener, und mir wurde auch immer wieder bewusst, wie privilegiert ich eigentlich war, dass ich überhaupt studieren konnte. Ich musste mir überlegen, was ich wirklich wollte und wie ich mir mein Leben vorstellte: Was ist mir wichtig? Wie viel kann ich leisten? Wie viel will ich überhaupt leisten? Wofür will ich mich neben der Uni noch einsetzen? Auf der bisherigen Reise durchs Studium habe ich auf jeden Fall viel gelernt und auf viele der Fragen eine Antwort gefunden. Habe das Thema gefunden, für das ich mich engagieren möchte. Weiß jetzt, was ich nach dem Physikum noch unbedingt lernen will. Und weiß, was ich am meisten brauche: Meine Familie und meine Freunde.

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