"Das ist doch das mit den Leichen?" – Famulatur in der Pathologie

So oder ähnlich sind die Reaktionen vieler Kommilitonen im Medizinstudium, wenn man in diesem Bereich eine Famulatur plant oder absolviert hat. Oft kommen Fragen, was man dort den ganzen Tag macht, denn viele besuchen das entsprechende Institut nur während der Pflichtveranstaltungen. Besonders beliebt ist die Pathologie bei vielen Studenten nicht, weil es sich um ein sehr umfangreiches Fach handelt. Mich hat besonders der histologische Anteil interessiert und ich wollte herausfinden, ob ich in diesem Gebiet später arbeiten möchte. Es stand daher schnell fest, dass es eine Famulatur in dem Institut für Pathologie werden würde.

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Tagesablauf meiner Pathologie-Famulatur

Der Morgen fing stets mit einer Frühbesprechung an, in welcher komplizierte oder nicht eindeutige Fälle im Team besprochen und auch mikroskopisch betrachtet wurden. Danach wurde geklärt, ob eine Obduktion für den Tag angesetzt ist und wo diese stattfindet – nicht jedes Krankenhaus in Mecklenburg-Vorpommern hat Pathologen vor Ort. Im Anschluss ging ich meist in ein gut organisiertes Selbststudium. Ich habe von den Assistenzärzten Fälle (histologische Präparate) bekommen und sollte herausfinden, um was es sich handeln könnte. Dadurch hat man sich unter anderem auch mit den unterschiedlichen Färbemethoden der Immunhistochemie auseinandergesetzt. Gegen zehn Uhr ging es meistens in den Zuschnitt oder zur Obduktion.

Zuschnitt und Aufbereitung der Präparate

Im Zuschnitt werden alle Präparate aufbereitet, die vom angeschlossenen Krankenhaus oder externen Ärzten und Chirurgen zur Untersuchung eingesandt wird. Bei einem Universitätsklinikum kommt pro Tag eine ganze Menge zusammen – aus allen Fachrichtungen. Dabei kann es sich um innere Organe, Knochenteile, Biopsien oder Hautsegmente, Amputations- oder Ablationspräpate, aber auch Abortmaterial und Fehlgeburten handeln.

Die Präparate im Zuschnitt werden zunächst genau hinsichtlich ihrer Erscheinung beschrieben, ehe sie für die spätere Orientierung unter dem Mikroskop an den Rändern farblich markiert und anschließend zugeschnitten werden. Dieser Abschnitt ist meiner Meinung nach der spannendste für Studenten. Immerhin darf man jedes Präparat berühren und unter Anleitung vielleicht auch etwas zuschneiden.

Eindruck hinterlassen haben bei mir die teils immensen Tumoren des Ovars und des Brustgewebes, die unterschiedliche Ausprägung von Gallensteinen bis hin zur Porzellangallenblase sowie Tumoren des Darms. Während meiner Famulatur tauchte beispielsweise das ein oder andere Mal auch ein Teratom im Zuschnitt auf. Und es ist eben etwas ganz anderes, wenn man plötzlich Haare, Talg und vielleicht sogar einen Zahn aus einem Ovar zieht als wenn man darüber nur in einem Buch liest.

Auch wenn das Beisein während der Untersuchung amputierter Gliedmaßen, Brustablationen sowie Feten mir anfangs schwer fiel, gewöhnte ich mich recht schnell daran. Durch den ständigen Kontakt wird es eben "Alltag". Ein gewisses Unwohlsein blieb jedoch bei der Untersuchung von Feten, dies schien aber auch erfahrenen Assistenzärzten noch mehr oder weniger nahe zu gehen. Bei einem Fetus wird nämlich ebenfalls eine Obduktion wie beim Erwachsenen durchgeführt und jedes Organ entnommen, begutachtet und gewogen.

Obduktionen gehören zur Pathologie

Für Studenten in Greifswald ist die Teilnahme an Obduktionen spätestens im Blockpraktikum mindestens einmal Pflicht. Während meiner Famulatur war ich öfter dabei und habe unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Die ersten Obduktionen waren für mich kein Problem, weder psychisch, noch was die Gerüche angeht. Ein fauliger Geruch ist während dieser Tätigkeit stets vorhanden. Was mir jedoch sehr zu schaffen gemacht hat, war der Geruch nach Eröffnung des Darms. Und der Darm muss bei einer Obduktion zur Betrachtung der Schleimhaut ausgewaschen werden. Zum Amüsement der eingefleischten Pathologen hatte ich dabei sehr mit der Übelkeit zu kämpfen. Aber das sollte niemanden davon abhalten, in der Pathologie eine Famulatur zu machen, denn das geht jedem anfangs so.

Ich hatte das Glück, dass ich während der Obduktion viel machen durfte. Letztlich präpariert man nach Entnahme jedes Organ und schneidet dieses auf spezielle Art zu, sodass beispielsweise ein Blick in Leber und Milz möglich ist. Besonders oft habe ich Magen, Duodenum, Pankreas und Gallenblase vorbereitet, manchmal durfte ich auch das Herz präparieren.

Die Obduktionen sind so interessant für mich gewesen, weil man zwar die Todesursache auf dem Totenschein gelesen hat, aber manchmal noch etwas vollkommen anderes bei der Obduktion gefunden wird. Beispielsweise ein zuvor nicht entdecktes und nicht behandeltes Tumorleiden. Solche Entdeckungen sind auch für die Kliniker wichtig, die zur Besprechung der Obduktion kommen und auch noch einmal den Krankheitsverlauf schildern. So erfährt man als Student sehr genau, woran der Patient litt, wie er behandelt wurde und warum er leider verstorben ist.

Aber… ist Pathologie etwas für mich?

Der Stellenwert der histologischen Arbeit ist enorm und eng verknüpft mit der Arbeit von Ärzten in der Klinik, also ein interdisziplinäres Fach. Manche Nachweise durch Pathologen können ein Behandlungsschema für den Patienten verändern – wenn ein Tumor zum Beispiel einen bestimmten Proteinbesatz hat. Oder die Nachricht, dass ein Tumor nicht im Ganzen entfernt wurde, kann ein Leben durch eine weitere chirurgische oder chemotherapeutische Intervention retten. Auch als Pathologe kann man letztlich in die Forschung gehen, vor allem in dem Bereich der Molekularpathologie und Krebsforschung.

Ob es für mich in Richtung Pathologie gehen wird, kann ich noch nicht sagen, aber meine Famulatur hat mich trotz der ein oder anderen Schwierigkeit mit fauligen oder fäkalen Gerüchen nicht abgeschreckt. Insgesamt habe ich in der Pathologie zwar die anstrengendste, aber auch beste Famulatur erlebt. Ich habe einen großen Lernzuwachs gehabt, denn es ist nun einmal "die Lehre von den Leiden" und genau damit habe ich mich 4 Wochen intensiv beschäftigt.

Du solltest die Pathologie in Erwägung ziehen, wenn…

  • du dich für Histologie interessierst
  • du dir ein breit gefächertes Fach mit reichlich Abwechslung wünschst
  • du ein hohes Arbeitspensum und intensives Lernen nicht scheust
  • der Gedanke an den Kontakt mit Leichnamen bei dir nicht bereits Übelkeit oder Scheu auslöst
  • oder du dir noch gar nichts darunter vorstellen kannst und dich ausprobieren möchtest!

Eure Nadine

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