Endlich in Neuruppin

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Im Herbst kam tatsächlich eine Antwort auf meine Bewerbung. Glücklicherweise teilte sie mir nicht mit, wie weit ich noch von dem ersehnten Studienplatz entfernt war, sondern sie lud mich zu einem Auswahlgespräch nach Neuruppin ein. Die erste Hürde war genommen und ich bekam eine Chance, mich zu beweisen. Also fuhr ich mit meinen sieben Sachen und nervlicher Unterstützung die A2 entlang gen Osten. In Neuruppin erwartete mich dann ein aufregender und vor allem interessanter Tag. Viele Gespräche und Aufgaben sollten der Uni helfen, die passenden Bewerber zu finden. Ich darf und möchte an dieser Stelle nicht verraten, wie genau die einzelnen Stationen aussahen, aber das erste Mal in meiner Studienplatz-Bewerberzeit wurde nicht als erstes nach meinem NC gefragt, sondern ich bekam die Möglichkeit zu berichten, was mich sonst noch so ausmacht. An diesem Tag lernte ich neben der MHB und der Stadt Neuruppin auch meine zukünftige Mitbewohnerin und Freundin zum Pferdestehlen kennen.

Und dann war es soweit: Anfang Februar während einer einsatzreichen Schicht erhielt ich dann endlich eine lang erwünschte Nachricht. Ich darf Medizin studieren. Und zwar in Deutschland, genauer gesagt in Neuruppin, an der Medizinischen Hochschule Brandenburg.

Ich war erleichtert, überglücklich und zugleich ein wenig ängstlich. Studieren bedeutete auszuziehen, meine Heimat hinter mir zu lassen, 500km von meiner Familie entfernt zu sein, mich in etwas zu stürzen, das komplettes Neuland war. Dass mir Studieren so viel Spaß macht, ich eine Fülle an interessanten und tollen Menschen kennen lerne, unter diesen die Liebe meines Lebens finde, ich so einiges über mich selbst lerne und Student sein eine unglaubliche Freiheit bedeutet, würde ich erst in den nächsten Monaten und Jahren erfahren.

An der MHB erwartete mich vom ersten Tag an praxisorientiertes Lernen. In interdisziplinären Seminaren werden Grundlagenfächer mit der Klinik aus dem Krankenhaus oder der Arztpraxis verknüpft. ÜDTs vermitteln uns von Anfang an in Kleingruppen, wie man Patienten richtig untersucht. Sei es eine ausführliche Anamnese zu erheben oder zum Beispiel Herz und Lunge richtig abzuhören. Jeder kommt an die Reihe und häufig sogar an Patienten mit interessanten Pathologien. Das Rahmenprogramm unseres Studienmodells jedoch bildet PoL – Problemorientiertes Lernen: Am Montag treffen wir uns in Kleingruppen und bekommen einen Patientenfall. Alle Symptome werden zusammengefasst, Unklarheiten beseitigt, Vorwissen aktiviert und durch eine Anamnese weiter Informationen über den Patienten gesammelt. Am Ende erarbeiten wir uns Lernziele über die zugrunde liegende Anatomie und Physiologie, Pathologie und/oder Therapie des geschilderten Patientenfalls. Die gesetzten Lernziele gilt es dann bis Freitag auszuarbeiten. Anhand von Postern, Modellen und diagnostischer Bildgebung erklären wir Studenten uns gegenseitig die gestellten Fragen. Da jeder von uns andere Schwerpunkte in der Ausarbeitung setzt und wir unterschiedliche Quellen nutzen, entsteht am Ende der Woche ein sehr lehrreiches Sammelsurium an Fakten und Fun Facts, die man durch die verschiedenen Darstellungsmöglichkeiten nicht so einfach wieder vergisst.

Des Weiteren gibt es ab dem zweiten Semester den Praxistag. Jede zweite Woche geht es für einen Tag in eine Lehrarztpraxis. So können wir die erlernten Techniken direkt an Patienten anwenden, theoretisch besprochene Krankheitsbilder in live sehen und mit den Ärzten über Therapiemöglichkeiten sprechen. An der MHB gibt es aber auch noch viele andere Lehrformate, die sicherstellen, dass wir sowohl fachlich als auch menschlich vieles lernen, was am Ende einen guten Arzt ausmacht. Da mir dieser Weg der Wissensvermittlung über verschiedene Kanäle sehr gefällt und gut zu meiner Art des Lernens passt, kann ich sagen, dass mir sogar die Vorklinik richtig viel Spaß gemacht hat. Ich glaube, das ist ein Privileg, was leider nicht jeder Medizinstudent hat.

Und nun sitze ich hier, müde und glückselig, bereit für den kommenden Tag meiner ersten Famulatur und bin froh über jede erteilte Absage von hochschulstart.de. Ich bin in Brandenburg angekommen und weiß, dass mein bisheriger Weg unperfekt perfekt war.

Ich bin gespannt auf jeden weiteren Meter.

Eure Lisa

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