25 Jahre Klinikleitfaden

Interview mit Prof. Dr. Jörg Braun, einem der Väter der Reihe

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Prof. Dr.med. Jörg Braun, Chefarzt der Abteilung  für Innere Medizin an der Asklepios Klinik Wandsbek in Hamburg, ist Mitinitiator und Herausgeber der erfolgreichen Reihe Klinikleitfaden, die heuer seit 25 Jahren besteht.

Wie alles anfing...
Wie alles anfing…

ELSEVIER: Die KLF werden 25. Worauf sind Sie besonders stolz? Prof. Dr. Jörg Braun: Als Ulrich Renz, Arne Schäffler und ich noch als Studenten ein Kitteltaschenbuch geplant haben, welches die Nöte und Ängste des Berufsanfängers lindern sollte, konnten wir nicht ahnen, wie erfolgreich diese Idee sein sollte. Die Weiterentwicklung des Buches hat mich mein gesamtes bisheriges Berufsleben begleitet. Auf der einen Seite profitiere ich selber durch die regelmäßige Neubearbeitung, andererseits freue ich mich, wenn ich neu Erlerntes (oder auch praktische Tipps) in das Buch einfließen lassen kann. Ich bin besonders stolz darauf, dass wir bisher nie rechtliche Probleme mit den Informationen unseres Buches bekommen haben, obwohl wir sehr präzise und klare Therapieempfehlungen geben. ELSEVIER: Wie kam es zur Entstehung der Reihe? Wer hatte die Idee? Prof. Dr. Jörg Braun: Aus meiner Erinnerung kamen verschiedene Ideen zusammen, die sich hervorragend ergänzt haben. Ursprünglich wollten wir nur das damals im englischsprachigem Raum sehr weit verbreitete Oxford Medical Handbook übersetzen, welches uns im Rahmen unseres Auslandsstudiums begegnet ist: die Übersetzungsrechte waren aber bereits vergeben. Als wir dies erfahren haben, hatten wir schon so viele eigene Ideen, dass wir einfach selber ein Buch entworfen haben, was an die Verhältnisse des deutschen Medizinsystems angepasst war.

Harte Arbeit
Harte Arbeit

ELSEVIER: Wie entwickelte sich die Zusammenarbeit mit dem Verlag? Prof. Dr. Jörg Braun: Die erste Auflage erschien zunächst im Jungjohann Verlag, der bis dahin auf kommentierte Examensfragen spezialisiert war. Das Risiko war für den Verlag insofern überschaubar, als wir für die ersten Auflagen wirklich alles selber gemacht haben: hierzu zählte der Satz, die Graphiken, der Index und schließlich auch das Drucken: ich erinnere mich noch gut, dass der Ausdruck einer einzigen Seite auf den damaligen Laserdruckern vier Minuten gedauert hat, was mir (zumindest gefühlt) mein erstes Magengeschwür eingebracht hat. ELSEVIER: Was macht die Reihe so erfolgreich? Prof. Dr. Jörg Braun: Das Grundprinzip der ersten Auflage war, dass wir nur Wissen mit uns herumschleppen wollten, das für unsere Tätigkeit am Kranken wirklich relevant war. Hierfür haben wir eine eigene, sehr fokussierte und pointierte Sprache entwickelt. Auch Graphiken und Tabellen sollten in erster Linie komprimierte Information darstellen: eine medizinische Frage sollte innerhalb von 20 – 30 Sekunden beantwortet werden können. Dies war vor der Entwicklung des Klinikleitfadens nicht üblich, damals raubten uns lange Fließtexte, die schlecht strukturiert waren, unsere Zeit. Gerade konkrete Therapieempfehlungen fehlten oft, entweder weil sich die Autoren nicht in die Bedürfnisses des Berufsanfängers hineinversetzen konnten, oder weil die Angst vor der juristischen Keule zu groß war.

Nichts wurde unter den Tisch fallen gelassen.
Nichts wurde unter den Tisch fallen gelassen.

ELSEVIER: Auf welche Schwierigkeiten sind Sie gestoßen? Prof. Dr. Jörg Braun: In den letzten Jahren ist das größte Problem, die Dinge auszusortieren, die vielleicht auch interessant und mitunter auch wichtig wären, die aber das Format sprengen würden. Hier immer wieder eine Begrenzung zu erreichen und zu einem gerechten Ausgleich zwischen den internistischen Teilgebieten zu gelangen, stellt für mich und meinem Herausgeberkollegen Herrn Prof. Dormann heute die größte Herausforderung dar. ELSEVIER: Was hat sich im Berufsalltag in den letzten 25 Jahren verändert? Prof. Dr. Jörg Braun: Schlagworte der Veränderung sind die Ökonomisierung und Industrialisierung der Medizin. Am Ende des Tages geht es aber glücklicherweise immer noch darum, bei dem Kranken die richtige Diagnose zu stellen und diese dann nach den aktuellen Empfehlungen so gut wie möglich zu behandeln. ELSEVIER: Warum passen die Klinikleitfäden auch heute noch auf diese veränderten Bedingungen? Prof. Dr. Jörg Braun: Wir haben in 25 Jahren 11 Neuauflagen veröffentlicht, die allesamt umfangreiche Änderungen enthielten. Diese kontinuierlichen Verbesserungen sind die Voraussetzung dafür, dass der Klinikleitfaden auch heute noch den aktuellen Anforderungen entspricht. ELSEVIER: Was hat sich bei der Informationsbeschaffung im Berufsalltag  verändert  – auch in Bezug auf neue Technologien und Medien? Prof. Dr. Jörg Braun: Die Liegezeiten haben sich verkürzt, die Arbeit wurde dadurch immer stärker komprimiert und intensiviert. Für das Nachfragen und Nachlesen haben wir immer weniger Zeit. Manches suchen wir wegen des vermeintlich schnelleren Zugriffs im Internet, für konkrete und verantwortliche Behandlungsempfehlungen benötigen wir aber immer noch zuverlässige Bücher.

Die Rechner haben sich seitdem sehr verändert.
Die Rechner haben sich seitdem sehr verändert.

ELSEVIER: Was denken Sie: Wie werden Mediziner in 10 Jahren Fachinhalte konsumieren? Wie werden sie lernen/studieren? Prof. Dr. Jörg Braun: Ich hoffe sehr, dass wir einen Weg finden, Informationen im Internet zuverlässiger zu machen und denjenigen, die sich um die Informationsdarstellung bemühen, einen angemessenen Lohn zukommen zu lassen. Es wird eine hohe Transparenz nötig sein, um den Wahrheitsgehalt von Informationen zu überprüfen (Stichwort Pharmasponsoring und andere Formen der Interessen-geleiteten Information). Gleichzeitig werden wir genau prüfen, welches Wissen wir (unter Schmerzen) auf unsere innere „Festplatte“ legen und welche Informationen ausgelagert werden können. ELSEVIER: Was ist Ihre Lieblingsanekdote aus der KLF-Zeit? Prof. Dr. Jörg Braun: Der 2. Band der Klinikleitfadenreihe, den ich als Herausgeber und Autor betreut habe, war der „Klinikleitfaden Intensivmedizin“. Unglücklicherweise erschien dieser Band etwa eine Woche, bevor ich die Rotation auf der Intensivstation begonnen habe. Das brachte mir natürlich (und irgendwie auch zurecht) viel Spott meiner erfahrenen Kollegen ein. Dadurch konnten aber andererseits auch alle Erfahrungen, die ich während der Einarbeitung und dann in der täglichen Arbeit machte, in die 2. Auflage einfließen. Wenn ich heute nach 25 Jahren die ehemaligen WG-Bewohner der Uhlandstr. 14 (in der das Buch entstand) wiedertreffe, so erinnern wir uns gemeinsam v.a. an die vielen Nächte, die wir durchgearbeitet haben: für uns Mitautoren war dies natürlich eine harte Zeit, für die unschuldigen und unbeteiligten Mitbewohner, die durch kontinuierliche Klospülungen (welche Folge des Mischkonsums von Kaffee und Rotwein waren) an den Rand des Wahnsinns getrieben wurden, war es aber nicht minder schwer: dafür, dass dies geduldig ertragen wurde, bin ich immer noch dankbar!

Erschöpfung oder Verzweiflung?
Erschöpfung oder Verzweiflung?

Hamburg, April 2014 Alle Fotos: Prof. Dr. Jörg Braun Wer jetzt Lust auf einen Klinikleitfaden bekommen hat, kann noch an unserem Geburtstags-Gewinnspiel teilnehmen und einen Klinikleitfaden seiner Wahl gewinnen.

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