Willkommen in der Klinik – die White Coat Ceremony

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Es ist kalt in Köln, die Sonne versteckt sich hinter den Wolken und es sieht nach Regen aus. Ich krame meine Winterjacke heraus, die ich bereits ganz optimistisch in den hintersten Ecken meines Schrankes verstaut habe. Das neue Sommersemester beginnt und vor allen Studenten liegen vier Monate voller neuer Fächer, Kurse und Prüfungen. Als ich an diesem Abend mein Fahrrad vor dem Bettenhaus der Uniklinik parke, kommen mir ein paar aufgeregte Erstis entgegen. Wissbegierig suchen sie die Hörsäle und hasten mit einem Lageplan in der Hand durch den Eingang. Ich muss lächeln, nur zu gut kann ich mich an meine ersten Tage an der Uni erinnern – eine neue Stadt, eine neue Wohnung, neue Freunde, ein neuer Abschnitt. Mir ist die Eingangshalle der Uniklinik Köln nur zu gut vertraut. Albert Magnus sitzt als Statue immer noch vor dem großen Gang, vor den Aufzügen warten Besucher mit Ballons und Blumensträußen für ihre kranken Familienangehörigen und eifrig laufen Ärzte hin und her. Fast werde ich von einem Bettentransport überfahren, weil ich melancholisch durch die Gegend schaue – auch das hat sich also nicht geändert. Trotzdem fühle auch ich mich heute ein bisschen wie ein Ersti, denn für mich beginnt das erste klinische Semester. Die wochenlange Vorbereitung auf das Physikum sind vorbei, das Schwitzen vor der mündlichen Prüfung hat sich gelohnt und die zwei Wochen Ferien, die noch geblieben sind, wurden mit Freunden und Besuchen bei der Familie verbracht. Es war eine stressige Zeit, eine Zeit voller Anspannung, voller motivierter und weniger motivierter Phasen, voller langer Abende und zu schlechten Essensgewohnheiten. An der Uni zu Köln wird diese Strapaze nicht nur mit dem wohlverdienten Einzug in den klinischen Abschnitt des Studiums belohnt, sondern auch mit einer besonderen Zeremonie geehrt: Der White Coat Ceremony, die in Amerika ein fester Teil des Studiums ist und nun auch in Deutschland an manchen Unis gefeiert wird.

Jeder Student bekommt an diesem Abend in Anwesenheit von eingeladenen Familienmitgliedern und Freunden feierlich die Physikumsurkunde, sowie einen weißen Kittel mit Emblem der Uniklinik Köln überreicht. Auch ich habe meine Mama und meinen Bruder eingeladen, die schon winkend vor dem anatomischen Institut auf mich warten. Ich sehe meine Kommilitonen, die in Grüppchen zusammenstehen und ihren Familien den Campus zeigen. Manche von ihnen sind bereits in die Hallen der Anatomie gegangen, um sich dort die Sammlung an Präparaten anzusehen. Um 18 Uhr geht es los und Professor Dr. Neugebauer begrüßt im Namen des Dekanats der Medizinischen Fakultät alle Studentinnen und Studenten, die sich im größten Hörsaal auf dem Campus eingefunden haben. Er erzählt, dass der weiße Kittel für uns kein Statussymbol sein soll, sondern vielmehr ein Vertrauen in uns als Medizinstudenten im klinischen Abschnitt darstellt. Jetzt werden wir Patientenkontakt bekommen, auf den Stationen Ärztinnen und Ärzte begleiten dürfen, Praktika und Famulaturen und manche auch eine Doktorarbeit machen. „Klingt ja schon wieder nach Stress“, raunt mir meine Sitznachbarin zu. Tut es, denke ich, aber auf eine aufregende Art.

Auch ein Vertreter der Fachschaft hält eine Rede – er ermahnt uns, nicht im weißen Kittel ins Café gegenüber zu gehen, ihn zu nutzen, um zu Lernen und niemals Berührungsängste gegenüber Patienten zu haben. Und dann ist es endlich so weit, feierlich werden wir alphabetisch aufgerufen und bekommen von einem Vertreter der klinischen Fächer unseren ersten weißen Kittel angezogen. Als mein Name aufgerufen wird, hüpfe ich ein wenig beschwingt die Treppen des Hörsaals hinunter, in dem ich das Physikum in Anatomie und viele weitere Klausuren geschrieben habe. „Herzlichen Glückwunsch und weiterhin viel Erfolg für Sie alle“, sagt der Professor, der mir meinen Kittel anzieht. Ich nehme mein Physikumszeugnis und die Sonnenblume, die er mir gibt und strahle in die Kamera des Fotographen.

Als unser Semestertutor seine Rede hält, lassen wir die letzten vier Semester noch einmal Revue passieren. Chemie, Bio, Physik, Anatomie, Histologie, Physiologie und Biochemie – alles scheint wie im Flug an uns vorbeigezogen zu sein. „Ich wünsche uns auch, dass wir uns immer daran erinnern, wo wir vor vier Semestern angefangen und wie viel wir bereits geschafft haben. Ich finde, darauf können wir stolz sein“, sagt er und wir alle applaudieren. Ich sehe in die lachenden Gesichter meiner Kommilitonen, die längst zu guten Freunden geworden sind, mit denen ich so viel erlebt habe. Und es stimmt, wir alle sind stolz auf diesen Meilenschritt. Es ist schön zu wissen, dass wir alle dasselbe Ziel haben. Es ist schön, gemeinsam voran zu kommen und nicht allein zu sein auf diesem Weg. Es ist schön, Medizin zu studieren. Nach der Veranstaltung trinken wir gemeinsam Sekt, lernen die Eltern der anderen kennen und sehen ein bisschen erwachsener aus, in unseren gebügelten, weißen Kitteln. Es fühlt sich aufregend an, dieser neue Abschnitt, als würde es jetzt tatsächlich losgehen, der Ernst des Lebens und des Studiums. Wir müssen noch eine Zeit lang hineinwachsen in die Kittel, in das Gefühl des klinischen Studienabschnittes, in die Verantwortung, die Risiken, die Herausforderungen.

Als ich am Abend müde und geschafft nach Hause komme, bin ich sehr glücklich über die White Coat Ceremony an der Universität zu Köln. Es war eine schöne Veranstaltung, nur für uns Studenten, um uns wert zu schätzen, uns zu motivieren und in der Klinik zu begrüßen. Ich nehme den Bügel, den meine Winterjacke nun im Schrank freigemacht hat und hänge den neuen Kittel fein säuberlich auf meine Kleiderstange, ganz nach vorn. Und als ich meinen Rucksack für den ersten richtigen Vorlesungstag packe, da bin ich mir sicher: Irgendwann wird es sich nicht mehr anfühlen, als würde ich mich verkleiden und Arzt spielen, wenn ich den Kittel anziehe. Auf diese Zeit und den Weg dorthin freue ich mich schon jetzt.

Eure Wibke

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