Zwei Tage im Palliativnetz – eine ganz andere Arbeit

Zwei-Tage-im-Palliativnetz-eine-ganz-andere-Arbeit.jpg

In diesen Semesterferien habe ich meine Hausarztfamulatur absolviert und durfte, da mein Hausarzt auch eine Weiterbildung für Palliativmedizin hat, den ambulanten Palliativdienst ein paar Tage begleiten. Davon möchte ich euch gern erzählen.

„Wissen Sie, mein Mann und ich sind jetzt seit 55 Jahren verheiratet und jeden Morgen lesen wir im Bett gemeinsam die Zeitung. Jeder für sich natürlich, dann tauschen wir die Teile aus, trinken ein Tässchen Kaffee. Und wenn ich dann so die Todesanzeigen sehe, wissen Sie, dann sind da doch viel jüngere Jahrgänge dabei als ich. Da muss ich doch froh sein, dass ich bis jetzt so ein schönes Leben gehabt hab.“ Frau M. greift nach der Keksdose, nimmt sich ein mit Schokolade überzogenes Stück Spritzgebäck und schiebt mir auffordernd die Dose über den Tisch hinweg zu. Nachdenklich streicht sie eine kleine Falte glatt, die sich auf der altrosafarbenen Blümchendecke gebildet hat. „Wenn der Zeitpunkt kommt und das wird er, das weiß ich, dann werde ich ihn auch annehmen. Ich hab meine Kinder, meine Enkel, ein Urenkelchen ist auf dem Weg. Die werden sich schon um meinen Mann kümmern, er kommt schon zurecht.“ Frau M. sieht aus dem Fenster in den kleinen Garten, in dem ihr Mann mit einer Flasche Bier sitzt. Ihr Enkelsohn ist zu Besuch, später wollen die drei einen kleinen Spaziergang machen, morgen wollen sie ins Theater, solange es noch geht. Seit ungefähr einer Stunde sitze ich in dem kleinen Wohnzimmer auf einem alten Ohrensessel, trinke Tee aus einer Blümchentasse und lerne Frau M. kennen. Gemeinsam mit der diensthabenden Palliativschwester besuche ich sie heute im Rahmen meiner Hausarztfamulatur. Frau M. wird sterben und das sehr bald. Sie hat ein Pankreaskopfkarzinom, Metastasen im Peritoneum, in Leber, Darm und Knochen. Angefangen hatte es mit Schwäche, Müdigkeit, Bauchschmerzen. Als die 81jährige Dame, die in einer perfekt gebügelten Bluse und einer schwarzen Anzughose jetzt vor mir sitzt, zum Arzt ging und dieser ihr Chemotherapien, Bestrahlungen, Antikörpertherapien und mehr vorschlug, lehnte Frau M. alles dankend ab. „Ich hatte keine Lust, die restlichen Tage meines Lebens im Krankenhaus zu verbringen, in diesen ungemütlichen Betten, der deprimierenden Stimmung und den ganzen Nebenwirkungen dieser tollen Medikamente. Das Ergebnis ändert sich dadurch nicht, das habe ich bei vielen meiner Bekannten mitbekommen.“ Frau M. ist rund 60 Jahre älter als ich. Sie hat viel erlebt, viel gesehen, eine kleine Malerfirma geleitet, drei Kinder großgezogen, über ein halbes Jahrhundert eine erfolgreiche Ehe geführt. Sie sei bereit, sagt sie, wenn der Zeitpunkt denn nun bald komme. Doch Schmerzen, darauf möchte sie wenn möglich verzichten und so nutzt sie die ambulante Palliativversorgung, die durch die Krankenkassen übernommen wird. An sieben Tagen die Woche ist für sie und ihren Mann das Team der Palliativpflege rund um die Uhr abrufbar. Dabei geht es nicht um die Grundpflege, sondern um die Symptombekämpfung und die Begleitung einer finalen chronischen Erkrankung. Bei Schmerzen, Luftnot, Übelkeit oder Unruhe kommen die ausgebildeten Palliativkräfte vorbei, rufen im Hintergrund arbeitende Palliativärzte an, spritzen Morphium, geben Tavor, versuchen es mit Diazepam. Seit zwei Tagen begleite ich die Palliativschwestern und –pfleger bei ihrer Arbeit. Wir fahren durch ein weites Gebiet, mit nur drei Kräften werden viele Städte im Umkreis abgedeckt, neue Patienten werden jeden Tag aufgenommen und zusätzlich die Rufbereitschaft geleistet. Frau M. ist eine bewundernswerte Frau, die ihr Schicksal angenommen hat, vollends zufrieden ist und eine Ruhe ausstrahlt, die ich selten erlebt habe. Doch so geht es nicht allen Patienten. Ich fahre auch zu jüngeren Patienten, sehe Männer und Frauen zwischen 40 und 50 Jahren, die eigentlich noch mitten im Leben standen, kleine Kinder haben und die plötzlich so schwer krank geworden sind, dass auch sie die Hilfe des Palliativnetzes in Anspruch nehmen müssen. Hier sind die Gespräche schwerer, die Stimmung ist gedrückt, das Leben scheint ungerecht, überfordernd, surreal. Nach dem achtstündigen Arbeitstag habe ich eigentlich nur im Auto gesessen, Kaffee getrunken, zugehört und Eindrücke gesammelt.

Doch als ich am Ende des Tages wieder in das Büro des Palliativnetzes komme, bin ich erschöpfter als nach einem ganzen Tag im Krankenhaus. Die Geschichten haben mich berührt, trotz versuchter professioneller Distanz. Im Büro des Palliativnetzes ist eine ganze Wand schwarz gestrichen. An ihr hängen viele gelbe Sterne mit Namen und Sterbedaten, es sind über hundert Stück, die für bereits vom Palliativnetz betreute Patienten stehen, die dieses Jahr verstorben sind. Ich bin sehr dankbar für den kleinen Einblick, den ich an diesen zwei Tagen bekommen durfte. Die Arbeit der Palliativkräfte ist eine ganz Besondere – doch in dieser kurzen Zeit habe ich gelernt, dass es in all der Trauer, der Traurigkeit und der Hilflosigkeit auch immer noch Hoffnung gibt, immer noch etwas Schönes, etwas Beruhigendes. Als ich an diesem Abend nach Hause komme, denke ich noch immer an Frau M., an ihre Geschichte und ihre Familie. An ihre innere Ruhe, ihre Zufriedenheit und ihr vollkommenes Akzeptieren des Lebens werde ich mich noch sehr lange erinnern – auch, wenn ihr Name schon längst an einem kleinen Stern an der Wand des Palliativbüros hängt.

Eure Wibke

Share
Tweet
Share
Share