PJ in Neuseeland – Chirurgie

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Vulkanlandschaften, Regenwald, Geysire, Meer und atemberaubende Berglandschaften lassen mich am Wochenende stets vergessen, dass ich gerade mitten im Chirurgietertial meines Praktischen Jahres bin. Und diesen Luxus gönnen sich hier nicht nur die Studenten. Neuseeländer sind einfach unglaublich aktiv und aufgeschlossen. So beginnt die Woche am Montagmorgen im Krankenhaus in der Regel mit begeisterten Ausflugsberichten. Natürlich erleichtert der, verglichen mit Deutschland, sehr viel lockerer Arbeitsablauf in meinem Krankenhaus in Masterton dies enorm.

Das Krankenhaus ist sehr klein. So gibt es beispielsweise nur drei OP-Säle für alle Fachdisziplinen. Alle? Das sind Pädiatrie, Gynäkologie, Chirurgie, Orthopädie, Anästhesie, Innere Medizin, Notfallmedizin und Rehabilitation. Drei Fachärzte (Sie werden in der Chirurgie ¨Mister¨ und nicht mehr nur ¨Doctor¨ genannt) und zwei Assistenzärzte (house officers) haben mich sehr freundlich im chirurgischen Team begrüßt. Morgens gegen acht visitieren wir zusammen unsere Patienten. Die Anzahl der stationären Patienten variiert zwischen einem und zwölf Patienten. Die Fachärzte führen nach der Visite Operationen durch oder haben Sprechstunden. Ich darf mir meistens aussuchen, was ich angucken möchte. Es gibt aber für alle regelmäßige und großzügige Teepausen und einmal in der Woche eine Fortbildung für alle Mediziner. Nach 16 Uhr sind meistens nur noch die Diensthabenden in der Klinik.

In Neuseeland trägt man lediglich im OP Krankenhauskleidung. Ansonsten laufen alle in Anzug oder sehr schicker Privatkleidung herum. Die praktischen Kitteltaschen werden durch Handtaschen ersetzt. Der Umgangston ist unglaublich höflich und respektvoll. Sowohl zwischen den Mitarbeitern als auch gegenüber den Patienten. Diese verfolgen in großer Mehrheit ein äußerst paternalistisches Medizinmodell. Sie vertrauen den Ratschlägen der Ärzte und beschweren sich nur im Ausnahmefall.

Außer mir gibt es im Krankenhaus noch sechs weitere Medizinstudenten aus unterschiedlichen Studienjahren. Die medizinische Lehre hier ist sehr viel praxisbezogener. So sind die Studenten ab dem vierten Jahr hauptsächlich im Krankenhaus und haben zwischendurch mal eine mehrtägige theoretische Lerneinheit und Prüfungen. Sie übernehmen schon früher Verantwortung als ich das in Deutschland erlebt habe. So kommt es vor, dass einige Patienten in der Notaufnahme gar keinen examinierten Arzt zu Gesicht bekommen. Natürlich berichten die Studenten ihre Anamnese- und Untersuchungsergebnisse sowie den Behandlungsplan einem übergeordneten Arzt und vervollständigen bei Notwendigkeit ihre Behandlung.

Wenn man möchte, kann man schon einiges lernen. In der Chirurgie werden allerdings keine großen Operationen durchgeführt und Patienten mit selteneren oder komplexeren Krankheitsbildern werden oft in das Uniklinikum in Wellington überwiesen. Mein Traumfach würde ich also nicht unbedingt hier absolvieren wollen. Die Strukturen im Krankenhaus sind sehr locker, manchmal erschreckend zu locker oder fraglich existent. Als Student ist das natürlich nicht unbedingt ein Nachteil. Wer neben dem PJ noch andere Pläne hat, findet sicher einen Weg, sie zu erfüllen. Als Patient würde ich mich hingegen in ein deutsches Krankenhaus begeben.

Ich würde jeden ermutigen, einen Teil seines PJs in Neuseeland zu verbringen. Es ist einfach spannend, mal ein ganz anderes Gesundheitssystem kennenzulernen. Und das PJ mit unvergesslichen Naturerlebnissen zu verbinden, gefällt mir auch sehr gut. Allerdings sollte man sich schon etwa 18-24 Monate im Voraus bewerben, um einen Platz zu bekommen. Ich habe mich direkt beim Krankenhaus beworben und konnte so die hohen Studiengebühren umgehen. Damit man in diesem Krankenhaus arbeiten darf, muss man allerdings ein recht ausführliches Gesundheitszeugnis inklusive aktueller Impftiter, negativen MRSA-Abstrichen und Tuberkulosenachweis vorweisen. Wenn man länger als drei Monate in Neuseeland verbringt, benötigt man ein Visum. Ich habe mich für das ¨Working Holiday Visum¨ entschieden, obwohl ich hier kein Geld verdiene. Für ein Studentenvisum hätte ich einen Studiengebührennachweis benötigt.

Obwohl ich noch ein paar Wochen vor mir habe, sehe ich die Zeit nur so dahinschmelzen. Ich würde mich auf jeden Fall wieder in Neuseeland für mein Chirurgietertial bewerben.

Update: Ich habe von Freunden gehört, dass es seit Kurzem wohl eine Neuregelung in den neuseeländischen Krankenhäusern gibt. Und zwar werden Auslandsstudenten nur noch für maximal 4 oder 6 Wochen genommen und Zusagen auch erst dann verteilt, wenn nach den einheimischen Studenten noch Plätze frei sind, also erst relativ kurzfristig…

Eure Ricarda

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