Hausarztfamulatur

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Da ich bisher nur Krankenhausfamulaturen absolviert hatte, stand für mich in den letzten Semesterferien die Pflichtfamulatur in der hausärztlichen Versorgung auf dem Programm. Wie die meisten Medizinstudenten war ich ehrlich gesagt eher nicht besonders motiviert. Einerseits wird in den meisten Krankenhäusern eher negativ über die Arbeit als Hausarzt gesprochen, andererseits hatten schon einige Kommilitonen vor mir von ihren Erfahrungen beim Hausarzt erzählt: Türen, die einem vor der Nase zugemacht werden, dreißig Tage lang nichts tun und so weiter. Aber nun gut, mir blieb nichts anderes übrig und ich sollte letztendlich eines besseren belehrt werden.

Ich habe mich für eine relativ kleine Hausarztpraxis mit einem Arzt und zwei Arzthelferinnen entschieden. In der Praxis können Echokardiogramme geschrieben und ausgewertet sowie Ultraschalluntersuchungen vorgenommen werden und es wurden natürlich laborchemische Untersuchungen durchgeführt. Direkt am ersten Tag war ich positiv überrascht. Die Arzthelferin wusste sofort, wer ich bin und dass ich den nächsten Monat in der Praxis verbringen würde. Während es in den verschiedenen Krankenhäusern oft hieß „Leg deine Anziehsachen einfach irgendwohin, wo Platz ist“, hatten mir die Arzthelferinnen in der Praxis netterweise ein Fach in ihrem Schrank frei geräumt, wo ich meine Tasche ablegen konnte. Ein Kittel war nicht erforderlich, da der Arzt selbst keinen trägt, also kam ich einfach in weißer Jeans, weißem Oberteil und mit meinem Stethoskop.

Und dann ging es auch direkt los mit dem Arbeitsalltag. Der Arzt stellte mich jedem Patienten vor und fragte, ob sie ein Problem damit hätten, wenn ich bei der Untersuchung dabei wäre und auch mituntersuche. Die meisten verneinten und freuten sich sogar, dass mal „junger Wind“ in die Praxis kommt, was besonders von der älteren Generation zu hören war. Viele wollten auch direkt wissen, ob ich demnächst die Praxis übernehme. Im Herbst ist natürlich Hochsaison der Erkältungskrankheiten, sodass viele Patienten ähnliche Beschwerden hatten: Husten, Schnupfen, Halsweh und Heiserkeit. Zwar wiederholte sich die grundsätzliche körperliche Untersuchung deswegen einige Male, jedoch hatte ich vor der Hausarztfamulatur bisher primär die gesunden Lungen meiner Kommilitonen abgehört, die zum Beispiel auch Atemkommandos selber ausführen und nicht erst extra darauf hingewiesen werden müssen. Es sind viele Kleinigkeiten, die im direkten Patientenkontakt dann doch einen Unterschied machen. Jetzt nach der Famulatur sind es nicht nur einige Lungen mehr, die ich abgehört habe, sondern auch verschiedenen für mich neue Krankheitsbilder: Lungenentzündungen, Tumore, COPD, Bronchitis. Man merkt, wie man von Mal zu Mal besser wird und immer mehr pathologische Geräusche auch selber als solche erkennt. Des Weiteren hatte man häufig sehr gute Vergleiche, da von drei Patienten mit Halsschmerzen beispielsweise nur einer eine eitrige Mandelentzündung hatte. Außerdem konnte ich bei einigen Patienten, die in den dreißig Tagen mehrmals kamen, den Krankheitsverlauf mitverfolgen, was ich sehr spannend fand.

Weitere Krankheitsbilder, die einem immer wieder über den Weg laufen, sind Erbrechen, Durchfall und diverse Herz-Kreislauferkrankungen. Hierbei ist mir selber aufgefallen, wie eingerostet mein Pharmakologiewissen aus dem 5. Semester, also von vor zwei Jahren, ist, besonders im Hinblick auf die Kombinierbarkeit von den verschiedenen Antihypertensiva, was zum täglich Brot in einer internistischen Hausarztpraxis gehört. Auch die verschiedenen Antibiotikaklassen, die auch nicht gerade zu meinen Lieblingsthemen im Studium gehört, muss man hier kennen und anwenden können. Wobei natürlich eine gewisse Routine recht viel ausmacht.

Des Weiteren durfte ich bei den Ultraschalluntersuchungen mit dabei sein. Dabei habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, einen Ultraschallkurs im Studium gemacht zu haben. An meiner Universität werden Ultraschallkurse nur als Wahlpflichtfächer angeboten und sind nicht fest im Curriculum verankert, ich kann es aber nur jedem ans Herz legen, einen solchen Kurs freiwillig zu belegen. Es lohnt sich definitiv!

Über den Patientenkontakt und die reine Medizin hinaus, hat der Arzt mir auch einen Crashkurs über das Abrechnungssystem gegeben, was ich ebenfall interessant fand, da es doch einen größeren Teil der Arbeitszeit ausmacht, als ich vorher gedacht habe.

Mir hat auch gut gefallen, dass man nach der ersten Woche die Routine in der Praxis verstanden hat und mitmachen kann. Zum Beispiel werden immer abends nach Praxisschluss, die abgenommenen Laborwerte vom jeweiligen Morgen durchgesehen und besprochen. Dabei durfte ich mir die Werte vor dem Arzt anschauen und mir so eigenen Gedanken bezüglich der Fragestellung machen und bekam nicht einfach nur die Lösung vorgebetet.

Was mich etwas gestört hat, war die Tatsache, dass in meinen Augen besonders „spannende“ Fälle, wie zum Beispiel unklare Lymphknotenschwellungen oder unerklärliche Schmerzen, natürlich an die verschiedenen Fachärzte weiter überwiesen werden. Der Arzt erhält in der Regel, wobei das laut eigener Aussage auch häufig genug nicht vorkommt, später einen Arztbrief mit den jeweiligen Untersuchungsergebnissen. In der kurzen Zeit, die ich in der Praxis war, wurden die Fälle jedoch nicht mehr aufgelöst, sodass ich nicht mehr mitbekommen habe, was die jeweiligen Patienten letztendlich für eine Krankheit hatten.

Alles in allem kann ich sagen, dass ich in den dreißig Tagen sehr viel gelernt habe und mich in der Praxis mit dem Team ausgesprochen wohl gefühlt habe. Klar, kann man immer Pech haben, an einen unmotivierten oder gestressten Arzt zu gelangen, aber es gibt eben auch viele Ärzte, die sehr viel Spaß daran haben uns Studenten etwas beizubringen und mit auf den Weg zu geben.

Eure Myriam

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