"Der nächste bitte." – Pflicht-Famulatur Allgemeinmedizin

Medizinstudierende sind dazu verpflichtet, mindestens eine Famulatur in der hausärztlichen Versorgung zu absolvieren. Der Sinn und Zweck werden noch immer heiß diskutiert, aber das sei in dieser Stelle außen vorgelassen. Für meine Famulatur wählte ich eine Praxis in meinem Studienort, ohne mir vorher Bewertungen im Internet durchzulesen, weil diese oft in emotionalen Momenten verfasst werden. Da es sich bei dieser Famulatur um meine erste ambulante Famulatur handelte, war ich sehr aufgeregt, obwohl ich mich bereits einmal 4 Wochen vor Beginn der Famulatur vorgestellt hatte. Welche Erfahrungen ich während meiner Famulatur gemacht habe, liest du im folgenden Famulaturbericht.

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Einstieg in die Famulatur

Von dem Praxisteam wurde ich sofort voll integriert und habe mich wohlgefühlt, aber eine gewisse Anspannung meinerseits blieb natürlich. Die ersten zwei Wochen bestanden aus ausgiebiger Hospitation, Blutdruckmessungen, Zuckermessungen, Patientendaten erfassen und Blutentnahmen. Ab und an bekam ich Fragen von der Ärztin gestellt, habe mich aber auch aktiv eingebracht, wenn ich etwas nicht wusste und interessiert war. Da ich zu diesem Zeitpunkt erst das erste klinische Jahr beendet hatte, fehlte mir einiges an Wissen, was für meine betreuende Ärztin aber kein Problem darstellte.

Tätigkeiten während meiner Famulatur

In den folgenden zwei Wochen durfte ich vermehrt eigene Anamnesen und Patientenuntersuchungen vornehmen, welche ich anschließend der Ärztin inklusive einer Therapieempfehlung vorstellte. Dabei erwies sich das Vorhandensein von zwei Sprechzimmern deutlich von Vorteil, sodass ich unbeobachtet und ohne Druck arbeiten konnte. Im Anschluss wurde mir der Umgang mit Heilmittelverordnungen nähergebracht und ich durfte diese selbstständig ausfüllen und zur Kontrolle der Ärztin vorgeben. Dadurch musste ich direkt den Umgang mit ICD-10 lernen, die oft gefordert sind.

Besonders gefiel mir, wie abwechslungsreich die Arbeit als Allgemeinmediziner ist. Zwar gibt es die typischen Erkältungskrankheiten oder plötzliche Krankheitsfälle, aber man ist der erste Ansprechpartner für alles und muss sich entscheiden, ob man selbst eine Behandlung vornimmt oder zum Spezialisten überweist. So begegnete ich an einem ganz normalen Tag Patienten mit (i) einem Verdacht auf Herzinfarkt, (ii) Herzrhythmusstörungen, (iii) Erkältungen, (iv) Diarrhö, (v) Migräne, (vi) Herpes Zoster, (vii) Hämorrhoiden, (viii) unklaren Unterbauchschmerzen, (ix) Psoriasis, (x) Hautkrebs, (vi) Zeckenbissen, (vii) Diabetes mellitus sowie (viii) Verstauchungen und Verdacht auf Knochenbruch.

Das Wartezimmer war immer voll und ich habe den Zeitdruck selbst ebenfalls zu spüren bekommen. Manchmal kann es auch vorkommen, dass der Notarzt gerufen werden muss und dann gilt es auch, Teamfähigkeit zu beweisen. Dabei ist es gut, wenn man sich als Studierende zurücknimmt und dafür sorgt, dass im Wartezimmer keine Hektik ausbricht, wenn andere Patienten deswegen länger warten müssen. In so einem Moment stehen nämlich alle Teammitglieder schnell unter Strom. Der Umgang im Team war jedoch trotz allem stets respektvoll und man verließ zufrieden die Praxis. Das lag vor allem daran, dass Probleme direkt angesprochen wurden und ich als Famulantin ebenfalls meine Wünsche und Lernziele äußern durfte.

Zum Ende eurer Famulatur solltet ihr euch unbedingt das Formular der Kassenärztlichen Vereinigung von eurer Ärztin unterschreiben lassen. In manchen Bundesländern müsst ihr bereits vor Antritt der Famulatur Formulare einreichen, damit ihr eine Vergütung nach Absolvierung der 4 Wochen erhaltet.

Kurz und knapp


Pro

  • Verschiedene Krankheitsbilder aus allen Fachgebieten
  • Intensiver Patientenkontakt
  • Umgang mit Formularen erlernbar
  • Möglichkeit, einen Patienten selbst zu betreuen und mehrmals zu untersuchen bei chronischen Krankheiten
  • Einsicht in Unterschiede bei der Krankenhausmedikation und ambulanter Medikation
  • Vergütung je nach Bundesland möglich

Kontra

  • Hoher Zeitdruck durch überlastete Arztpraxen
  • "Zwang"-Famulatur senkt die Eigenmotivation
  • Wenn man bereits eine Fachrichtung für sich gewählt hat, verläuft diese Famulatur in der Allgemeinmedizin eventuell etwas unglücklicher

Fazit

Zwar werde ich kein Allgemeinmediziner werden, aber die Famulatur hat mir sehr viel Freude breitetet. Der intensive Patientenkontakt ist etwas, woran ich mich immer noch gern erinnere. Mein Engagement ist von dem Praxisteam am Ende der Famulatur mit einem schönen Blumenstrauß gewürdigt worden, was mich ziemlich überrascht hat. Aber vor allem hat es mich daran erinnert, dass man neuen Erfahrungen gegenüber offen sein sollte – es könnte besser sein als erwartet! Ich hatte zuvor nämlich auch ziemliche Bedenken gegenüber dieser "erzwungenen" Famulatur… 😉

Eure Nadine

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