Chirurgie-PJ in Finnland

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Nach bestandenen Examen ging es im letzten Jahr im November nach Kuopio in Finnland. Kuopio ist eine kleine Stadt in Ostfinnland inmitten der finnischen Seenplatte. Dort begann ich mein Praktisches Jahr mit dem Chirurgie-Tertial. Nach einem kurzen Aufenthalt und einer Tour durch Helsinki war ich dann auch schon im kalten Winterparadies angekommen und wurde direkt von meiner Tutorin Laura am Bahnhof in Empfang genommen. Sie erklärte und zeigte mir alles und ging auch am ersten Tag mit mir auf Station, um mir den Anfang etwas zu erleichtern und dann ging es auch schon los. Ich hatte mir die Viszeralchirurgie für den Anfang ausgesucht und startete direkt in der Frühbesprechung, wo ich erstmal von allen freundlich begrüßt wurde. Dann ging es zur Intensivvisite und schließlich in den OP, wo ich direkt bei einer Stomarückverlagerung assistieren durfte. Und dann war der erste Tag auch schon geschafft. Die folgenden Tage konnte ich mir immer aussuchen, wo ich gerne hingehen wollte. Meistens verbrachte ich die Tage im OP, weil ich dort einfach am meisten sehen und machen konnte. Aber ich war auch in der Endoskopie und bei der Sprechstunde dabei, wo ich allerdings mangels fließender Finnisch Kenntnisse nur zuschauen und untersuchen konnte. Im OP war da etwas mehr zu tun. In Finnland operiert meist, außer bei den großen Operationen, immer nur ein Arzt, so dass ich immer als 1. Assistenz mit an den Tisch durfte und auch am Ende immer ganz selbstverständlich zunähen durfte. Neben den klassischen viszeralchirurgischen OPs wie Cholezystektomien, Appendektomien, Gastrektomien, Leberchirurgie, Darmtumore und Hernien fand ich die Whipple-OPs von denen ich einige sehen konnte, besonders interessant. Ich bekam also einen breiten Überblick über die Viszeralchirurgie und konnte zudem meine Nahtkünste fleißig trainieren.

Für die andere Hälfte meines Chirurgie-Tertials ging es dann in die Orthopädie und Unfallchirurgie, wo ich am ersten Tag ganz begeistert vom Chefarzt empfangen wurde. Dann bekam ich erstmal erklärt, wann welches Meeting wo ist und was ich machen darf. Die einfache Erklärung dazu war „Alles, was Dich interessiert und was Du sehen willst“ das war natürlich schon mal super und so konnte ich mir auch jeden Tag aufs Neue überlegen, was ich gerne machen wollte, so wie es ja auf den anderen Stationen auch schon gewesen war. Oft wurde bei den Knie- und Hüftprothesen eine Assistenz gebraucht, wofür ich immer gefragt wurde und das natürlich auch oft übernahm. Es war jedoch auch nie schlimm, wenn ich an dem Tag gerne was anderes sehen wollte, dann würde eben ein Assistenzarzt verpflichtet ;). Generell war ich sehr viel im OP und durfte bei allen Operationen assistieren. In der Wirbelsäulenchirurgie war ich bei Fusionen, Dekompressionen und Prolapsoperationen dabei. Das Team der Wirbelsäulenorthopädie war echt super und hat viel erklärt und ich durfte auch viel selbst machen, insofern das eben bei den doch etwas schwierigeren OPs möglich ist. Auch bei Knie- und Schulter Arthroskopien konnte ich immer dabei sein und durfte sogar selbst den Umgang mit der Kamera und den Tasthaken üben. Ein Arzt hat sich da besonders viel Zeit genommen und mir nach der eigentlichen OP (natürlich mit Einverständnis des Patienten) das Handling beigebracht und ich durfte unter dem Lachen und Beifall des OP-Personals die Mikrofrakturierungslöcher nachtasten, was gar nicht so einfach ist beim ersten Mal. Beeindruckt hat mich hierbei einmal mehr mit wie viel Ruhe auch die OP-Schwestern mich da üben lassen und sich mit mir freuen, obwohl es für alle Beteiligten die letzte OP an diesem Tag war, ich damit also quasi deren Feierabend verzögert habe. Generell muss ich sagen, dass mir das hier sehr positiv aufgefallen ist. Die OP-Schwestern sind wirklich alle super nett und freuen sich, dass man da ist. Auch merken sie sich deinen Namen und die Handschuhgröße noch wochenlang. So habe ich das leider in Deutschland nicht immer erlebt.

Neben den orthopädischen Operationen gab es natürlich auch die klassische Unfallchirurgie, von Polytraumaversorgung bis hin zu Frakturen jeglicher Art zu sehen. Sogar eine Büroklammer, die quer durch den Zeigefinger steckte, musste entfernt werden. Da fragt man besser nicht so genau nach, wie das passieren konnte 😉 Auch gab es in der Winterzeit natürlich viele Radiusfrakturen und Oberschenkelhalsbrüche und da die Finnen auch sehr sportlich unterwegs sind, gab es auch viele Kreuzbandrisse, Schulterluxationen und Sprunggelenksfrakturen. Also wirklich ein kompletter Überblick über die Wunderwelt der Traumatologie.

Insgesamt hat mir die Zeit in der Klinik in Kuopio sehr gut gefallen. Die Stimmung war deutlich entspannter als ich das so gewohnt war. Man hatte immer Zeit Mittagessen zu gehen, und auch ein Kaffee zwischendurch war immer drin. Die Ärzte und auch die Pflege und alle anderen Mitarbeiter waren sehr nett und hilfsbereit. Teaching fand immer statt, ich konnte immer und überall Fragen stellen und bekam vieles erklärt. Also alles in allem ein gelungenes Tertial 🙂

Neben der Arbeit in der Klinik hatte ich auch noch genug Zeit Finnland zu erkunden. Kuopio selbst ist die achtgrößte Stadt in Finnland und dank mehrerer Universitäten sehr studentisch geprägt. Gerade im Winter hat man viele Möglichkeiten sich sportlich zu betätigen. Mehrere Loipen liefen direkt an meiner Haustür vorbei und ich nutzte die Nachmittage und Wochenende häufig für ausgiebige Langlauftouren. Auch die zahlreichen Seen, die spätestens im Januar freigegeben werden, laden zum Eislaufen, Hundeschlitten fahren und Ski fahren ein. Sogar ein Eismarathon fand auf dem großen Kallavesi- See statt. Es gab Strecken von bis zu 200 km und obwohl meine Kollegen wochenlang versuchten mich von einer Teilnahme zu überzeugen, war ich dann am Ende doch ganz froh, dass ich nur als Zuschauer dort war und mir das Spektakel anschaute. Das Tempo wäre dann vermutlich etwas zu hoch für mich gewesen. Auch die Nordische Ski-WM fand während meines Tertials in Lahti statt. Und da die Finnen ja große Langlauf-Fans sind, wurden sogar Liveschaltungen im OP aufgebaut, also wie Public Viewing bei der Fußball-WM bei uns. Das war etwas irritierend, aber auch ganz schön lustig. Und spiegelt eigentlich auch ganz gut die locker entspannte Stimmung wieder, die in der Klinik herrschte. Natürlich machte ich mich auch mit einer Freundin auf, um die Skispringer bei der WM anzufeuern, was sich ja durchaus gelohnt hat. Auch ließen wir uns von der finnischen Begeisterung für das Langlaufen mitreißen und genossen die gute Auswahl an finnischen Fischspezialitäten. Zum krönenden Abschluss verbrachten wir die Nacht dann in einem typischen finnischen Holzhaus mit Kamin und Ofenheizung, Dusche über den Hof und ohne Internet. Ein wunderbar gemütlicher Abend, wo wir in Ruhe vor dem warmen Kamin auftauen konnten.

Rückblickend kann ich nun sagen, dass sich das Tertial in Finnland in jederlei Hinsicht gelohnt hat und ich kann es nur empfehlen. Finnland ist vielleicht nicht das klassische PJ-Land, aber ein echter Geheimtipp und gerade für Winterliebhaber natürlich ein Traum.

Eure Kerstin

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