Zwei Freisemester für die Forschung – Lohnt es sich?

Viele meiner Kommilitonen haben sich direkt nach dem ersten Staatsexamen darauf gestürzt und sich am Anfang des klinischen Studienabschnitts auf die Suche nach einer Doktormutter oder einem Doktorvater gemacht. Ich wollte es jedoch etwas langsamer angehen lassen und zunächst schauen, was mich überhaupt interessiert und in welchem Bereich ich es mir vorstellen könnte, zu promovieren. Mitten im klinischen Studienabschnitt habe ich ziemlich spontan beschlossen mit ERASMUS für ein Jahr nach Österreich zu gehen und das Thema Doktorarbeit hat sich somit wieder nach hinten verschoben. Nach dem ERASMUS-Jahr stand das zweite Staatsexamen vor der Tür und ich habe somit den Entschluss gefasst, nach dem Examen ein oder zwei Semester freizunehmen, um mich in dieser Zeit auf die Doktorarbeit zu fokussieren. In diesem Artikel möchte ich euch von meinen Doktorarbeit-Erfahrungen berichten.

doktorarbeit-medizinstudium.jpg
Photo from vault.elsevier.com

Welcher Typ Doktorarbeit kommt für mich in Frage?

Lange vor der Bewerbung habe ich mir überlegt, welcher Typ der Doktorarbeit für mich in Frage kommt. Ich hatte keine Lust auf eine retrospektive Arbeit oder eine Literaturarbeit, da ich lieber praktisch arbeiten und meine eigenen Daten erheben wollte. Bei einer klinischen Studie hat man zwar die Möglichkeit sehr eng mit Patienten zusammenzuarbeiten, jedoch dauert solch eine Studie je nach Fragestellung sehr lange und man muss sich oft zeitlich nach den Patienten richten. Ich habe mich im Endeffekt für eine experimentelle Doktorarbeit im Labor entschieden, da ich mir schon immer anschauen wollte, wie es ist, in der Forschung zu arbeiten. Es ist die aufwändigste Form der medizinischen Doktorarbeit, da sie mit einem hohen Zeitaufwand und mit einer großen Frustrationstoleranz verbunden ist. Vor der Bewerbung habe ich mit vielen Kommilitonen gesprochen, die sich für unterschiedliche Typen der Doktorarbeit entschieden haben. Kein einziger hat von seiner Doktorarbeit in der Forschung geschwärmt. „Mach das auf keinen Fall, tu dir das nicht an!“– ein Satz, den ich ziemlich oft gehört habe. Lange Tage im Labor, großer Aufwand, schlechte Betreuung, Experimente klappen nicht – alles Gründe, die mir genannt wurden.

Meine Bewerbung und mein anschließendes „Probepraktikum“

Nichtsdestotrotz habe ich mich im immunologischen Labor der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie beworben. Beim Vorstellungsgespräch wurde mir gleich gesagt, dass für die Durchführbarkeit des geplanten Forschungsprojekts 2 Freisemester und Full Time im Labor Voraussetzungen sind. Ich würde jedem, der eine Arbeit im Labor plant, empfehlen ein paar Tage reinzuschnuppern und mitzulaufen, um sich die Abläufe anzuschauen und eine Vorstellung davon zu bekommen, wie der Laden überhaupt funktioniert. Forschung ist nicht für jeden was und wenn man sich schon Zeit dafür nimmt, sollte es auch Spaß machen. Außerdem ist es wichtig, um zu sehen, ob die Chemie zwischen dem Betreuer, den MTAs und einem selbst stimmt.

Nach meinem zweitägigen „Probepraktikum“ konnte ich starten und wurde zunächst in die verschiedenen Methoden eingearbeitet. Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht und habe es mir alles viel komplizierter vorgestellt, als es in Wirklichkeit ist. Im Labor gibt es meistens für alles ein Protokoll, in dem es step-by-step erklärt wird, wie man das Experiment durchführt. Meine Doktormutter ist Naturwissenschaftlerin und keine Ärztin und dies spiegelt sich meiner Meinung nach enorm in der Betreuung wieder. Dadurch, dass sie selbst ständig im Labor ist, kann ich sie bei Problemen immer sofort um Hilfe und Rat bitten. Sie sieht permanent die Ergebnisse meiner Arbeit und kann gegebenenfalls eingreifen und mir Verbesserungsvorschläge geben. Es ist auf jeden Fall wichtig einen Betreuer zu haben, der immer erreichbar ist!

Eine hohe Frustrationstoleranz ist durchaus von Vorteil

Zwei Freisemester – das klingt erstmal viel und lang, geht aber schneller vorbei, als man denkt! Wie meine Kommilitonen bereits prophezeit haben, ist es auch bei mir gerade am Anfang zu Verzögerungen gekommen. Meine Versuche haben nicht immer geklappt und es hat fast einen Monat gedauert, bis wir rausgefunden haben, woran das Problem lag. Man sollte also auf jeden Fall eine große Frustrationstoleranz mitbringen, da nicht immer alles Bombe läuft, wie man sich das erhofft und vorstellt. Umso schöner ist das Gefühl, wenn man rausfindet, woran der Fehler lag und die Versuche wieder funktionieren!

Ich möchte nichts schönreden und ehrlich sein: auch ich hatte schon mal 12 Stunden Tage im Labor. Gerade vor Kongressen oder wichtigen Präsentationen muss man viel und im Turbotempo arbeiten, um möglichst viele Daten und Ergebnisse in einer kurzen Zeit zu sammeln. Es ist aber ein wirklich tolles Gefühl, wenn man die selbst erhobenen Daten anschließend präsentiert und Lob und Anerkennung für seine Arbeit bekommt!

Fazit

Durch meine Doktorarbeit habe ich eine komplett andere Vorstellung vom wissenschaftlichen Arbeiten bekommen und habe gesehen, wie viel Spaß Forschung eigentlich machen kann! Lasst euch nicht von den Meinungen anderer Kommilitonen beeinflussen und bildet euch eure eigene. Der schönste und beste Weg ist nicht immer unbedingt der einfachste.

Eure Angelina

---

Weitere Artikel von Angelina:

Share
Tweet
Share
Share