Meine Erfahrungen im Präpkurs

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Bevor der Präparationskurs bei uns an der Uni begann, musste eine Eingangsklausur geschrieben werden, die so genannte Propädeutik. Und die gilt es zu bestehen, schließlich wird einem seit der Erstiwoche eingebläut „egal, was ihr macht, die Propädeutik müsst ihr bestehen“. Also wird die ersten acht Wochen lang jede Woche ein anderes Anatomiethema gelernt – Muskeln, Nerven, Gefäße. Als dann die Klausur bestanden war, habe ich mich natürlich sehr gefreut, aber zeitgleich kam das Grübeln. Jetzt wird es ernst – du musst wirklich in den Präpsaal. Da ich vorher so auf die Klausur fixiert war, hatte ich gar nicht so viel Zeit, um mir groß Gedanken darüber zu machen.

Dies holte ich jedoch bis zum ersten Präptermin nach, auch wenn es bestimmt nicht die beste Idee ist, sich mit einer Freundin gegenseitig noch verrückter zu machen, wer denn nun mehr Bammel davor hat. So ging ich also schon mit reichlich mulmigem Gefühl das allererste Mal in den Saal und suchte meine Gruppe. Zum Glück kannte ich bereits einige der neun Mitpräparanten, mit denen ich einen Großteil der nächsten drei Semester verbracht habe. Nachdem unsere Vorpräparanten, ältere Studenten, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen, uns alle begrüßt hatten, stellten wir uns um den noch verpackten Leichnam auf. Auch wenn vorher extra sehr taktvoll daraufhin gewiesen wurde, dass es normal ist, dass das erste Mal im Präpsaal auch emotional werden kann, hatte ich fest vor, nicht die Fassung zu verlieren. Als die Leiche aufgedeckt wurde, machten sich direkt einige Studenten daran, diese zu inspizieren. Mir jedoch war ein wenig Sicherheitsabstand erst mal lieber. Ich hatte zwar schon im Pflegepraktikum eine Leiche gesehen, aber trotzdem war es für mich nicht dasselbe – diese Leiche hier war schließlich Formalin fixiert, eiskalt und ich konnte meinen Blick nicht von dem Gesicht abwenden.

Während unsere Vorpräparanten uns die richtige Technik erklärten, um die Haut abzutrennen, war mein Kopf voller Gedanken – darüber, was der Mann wohl für ein Leben geführt hatte, was seine Familie davon denkt, dass er seinen Körper der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat und dass ich auf keinen Fall heute auch nur ein Skalpell in die Hand nehmen konnte. Das schlimmste für mich war, als Kommilitonen begannen, sich die Augen näher anzugucken, sprich die Lider nach oben zu ziehen, um zu überprüfen, ob es sich um echte oder Glasaugen handelt.

An dem ersten Tag habe ich tatsächlich nicht geschnitten, wobei wir sowieso nicht so viel Zeit hatten, sodass es nicht weiter auffiel. Ich schaffte es noch bis nach Hause, dann bin ich in Tränen ausgebrochen, es war mir einfach zu viel in dem Moment. Und das ist auch in Ordnung, im Nachhinein habe ich erfahren, dass es einigen Mitstudentinnen ähnlich ging, es aber niemand zugeben wollte, sei es aus Scham oder aus Angst vor blöden Sprüchen. Nachdem ich einige Nächte über die erste Erfahrung im Präpsaal geschlafen hatte, war für mich klar, dass ich so leicht nicht aufgebe. Und schon das zweite Mal war um einiges angenehmer. Ich hatte den Arm zugeteilt bekommen und habe mich anfangs bewusst nur auf den Arm konzentriert, um bloß nicht aus Versehen wieder ins Gesicht zu gucken.

Und was soll ich sagen? Von Mal zu Mal änderten sich die Stimmung und der Umgang mit dem Leichnam. Die ersten paar Wochen herrschte Schweigen – maximal fachliche Fragen wurden gestellt. Doch nachdem man sich daran gewöhnt hatte, vier Nachmittage die Woche mit dem Präparieren zu verbringen, lockerte sich die Stimmung und es wurde über Alltägliches gesprochen und gelacht werden durfte auch. Wiederum etwas gewöhnungsbedürftig war der zweite Teil des Kurses über das Thema Kopf und ZNS, bei dem man einen abgetrennten Kopf im Eimer zum Präparieren bekommt. Doch auch das schafft man, schließlich hat man die Unterstützung seiner Kommilitonen und steht niemals alleine da. Und wenn man etwas „nicht schafft“ kann man immer noch Bescheid sagen und für die Zeit zu einem anderen Präptisch gehen. Ich konnte es zum Beispiel nicht haben, als die Wirbelsäule mit Hammer und Meißel eröffnet wurde, also habe ich mir in der Zeit etwas anderes theoretisch angeschaut oder bin zu anderen Kommilitonen gegangen.

Niemand zwingt euch zu etwas, was ihr nicht wollt, ihr müsst das nur sagen. Mir ist es zu Beginn sehr schwer gefallen, in den Präpsaal zu gehen, doch im Laufe der Zeit nahm auch bei mir das wissenschaftliche Interesse Oberhand, obwohl ich niemals die Ehrfurcht vor unserem Körperspender verloren habe. Ich will die Zeit nicht missen, da ich tolle Freunde im Präparierkurs gefunden habe, dennoch bin ich auch froh, dass ich das Gelernte nun primär an lebenden Menschen üben darf. Bei uns in Düsseldorf wird nach Abschluss des Präparierkurses im dritten Semester eine Gedenkfeier für die Körperspender gehalten, wo auch die Angehörigen anwesend sind. Außerdem legen die Studenten zusammen mit dem Anatomieprofessor einen Kranz auf dem Friedhof nieder, was mir sehr geholfen hat, mit dem Präparationskurs emotional abzuschließen.

Eure Myriam

Myriam Ottersbach
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