Bauchgrummeln im Präpsaal

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Als ich mich vor einem Jahr für das Humanmedizinstudium in Berlin eingeschrieben hatte, wusste ich noch nicht so recht, was mich erwarten würde. Nun habe ich bereits mein erstes Jahr abgeschlossen und vor allem meinen ersten Präparierkurs erfolgreich gemeistert. Meinen ersten „Präpkurs“ im dritten Semester hatte ich in der ersten Uni-Woche an einem Mittwoch. Am Montag merkte ich bereits erste Symptome von Nervosität. Das machte sich durch hochfrequente Besuche im Bad, aber auch durch unmotiviertes, orientierungsloses Hin- und Herlaufen in meinen eigenen vier Wänden bemerkbar. So quälte ich mich mit Bauchgrummeln am Mittwochmorgen zum Rudolphi-Saal, unserem Anatomiesaal. Unser studentischer Tutor erwartete uns bereits, aber ausgerechnet an diesem für mich so wichtigen Tag kam unser Anatomieprofessor einige Minuten zu spät.

Geplant? Wollte er uns noch länger zappeln lassen? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber ich war froh, dass er uns nicht nach unserer Stimmungslage fragte, sondern es gleich hieß: „Leiche raus, umgedreht und los!“ Klingt doch ganz einfach, nicht wahr?! Gott sei Dank hatten wir ein, zwei starke Jungen, die uns beim Umdrehen der Leiche halfen. Der Vorgang stellte sich auch als gar nicht so schwer heraus, da die Leiche durch die Formalininjektion und -besprühung bereits eine starre Form angenommen hatte. Bäuchlings lag sie nun vor uns. Unser glänzendes, noch unbenutztes Präparierset sollte nun zum ersten Einsatz kommen. Wir Studenten wurden nun auf die verschiedenen Körperbereiche aufgeteilt: So war mein Part der rechte Unterschenkel und Fuß.

Jetzt wurde es ernst. Wir sollten selbst die Klinge ansetzen. Ich machte mich an die Arbeit, die Haut zu präparieren. Mit Skalpell und Pinzette ausgestattet, zog ich langsam an der Haut, die sich alsbald löste. Ich sah Epidermis, Corium und die darunter liegende, gelbe Schicht der Subkutis. Ab diesem Moment wandelte sich die Nervosität in Konzentration und Interesse. Es war spannend, die verschiedenen Schichten auszumachen, zu benennen und vor allem auch handwerklich tätig zu sein. Nach einer Stunde hatte ich bereits die Hälfte des Unterschenkels freigelegt. Auch die anderen Kommilitonen hatten zum Ende der Stunde ganze Arbeit geleistet. Die Zeit verging für mich wie im Flug und leider viel zu schnell.

Gegen Ende befeuchteten wir unsere präparierten Stellen, deckten die Leiche mit feuchten Tüchern zu und umhüllten sie zu guter Letzt mit einer Plastikhülle, sodass sie vom Austrocknen geschützt war. So kam sie wieder in die Kühlbox bei 10 Grad. Als ich den Saal verließ, fiel mir ein riesengroßer Stein vom Herzen. Ich wusste nun: Du kannst das! Du hast das gepackt! Ich hatte das Gefühl, einen wesentlichen Schritt im Studium weitergekommen zu sein. Letztendlich ging es mir beim Präparieren so wie beim ersten Mal des Blutabnehmens. Wenn man es noch nie gemacht hat, weiß man nicht, was einen erwartet. Man muss es einfach ausprobieren.

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