Physikum: Erst mal verdrängen dann anpacken – Tag 1

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Physikum. So viele unangenehme Gefühle verbinden sich mit diesem Begriff. Noch bevor überhaupt der allererste Tag als Medizinstudent vorüber ist, kennt jeder schon eine Schauergeschichte über frühere Prüflinge, die sich am Prüfungstag in der Mensa übergeben haben oder von Professoren, die einen in der Prüfung eiskalt ins Messer laufen lassen. Schnell nimmt jedoch der Alltag im Studium seinen Lauf und auch, wenn das Physikum beständig wie ein Damoklesschwert über der Vorklinik hängt, so lassen sich die Gedanken daran in den ersten zwei Semestern doch recht gut verdrängen. Man erstellt in Gedanken ab und zu einen ersten Lernplan, überlegt (vielleicht), in den Semesterferien das bereits Gelernte zu wiederholen und kommt zu Beginn des dritten Semesters in die Uni und denkt sich: Nun gut, ein Jahr habe ich ja noch. Es folgen Biochemie, Physiologie, Neuroanatomie und irgendwie ist auch das dritte Semester schon wieder um und jetzt wird es langsam ernst. In den Semesterferien vor dem vierten Semester versuche ich – ein Semester habe ich ja noch – , die bereits abgeschlossenen Fächer aufzufrischen, Biochemie tiefer gehend zu verstehen (die Betonung liegt auf „versuchen“) und die ganzen Muskelnamen habe ich auch schon wieder vergessen. Mit dem vierten Semester geht das Wie-viele-Monate-habe-ich-noch-Zählen los. Ach ja, und die Prüfungsanmeldung. Geburtsurkunde und Abi-Zeugnis-Kopie müssen organisiert werden. Scheine müssen abgeholt und zum Landesprüfungsamt gebracht werden. Während meine Nervosität nun doch stetig ansteigt und mich immer mehr zum Lernen motiviert, ist „Ich muss fürs Physikum lernen“ meine Standard-Absage geworden. Meine Mutter unterstellt mir zunehmend Prüfungsmacken (Aber hey, zweimal am Tag die Wohnung zu putzen oder seltsames kindliches Verhalten kann auch einfach so auftreten, oder?), und bei anderen stoße ich immer wieder auf Unverständnis wegen der vielen Lernerei und der so prominente, allen Medizinern geläufige Begriff des Physikums, erscheint wunderlicherweise nicht jedem als klare Begründung („Müsst ihr da auch ein Chemikum schreiben?“). Auch sehr motivierend ist der Satz „Das haben doch vor dir schon so viele geschafft!“. Während andere den Sommer zum Baden oder Reisen nutzen, sitze ich auf der Wiese zwischen dicken Büchern, lese zum wiederholten Mal in meinen Aufzeichnungen und wundere mich immer wieder über vielfarbig markierte Stellen, bei denen ich hätte schwören können, sie noch nie gesehen zu haben. Probe-Kreuzen: Die Erkenntnis, dass man vieles für nicht lernenswert hielt, was das IMPP offenbar doch für notwendig hält. Dass „D“ oder die längste Antwort nicht so oft richtig ist, wie die Statistiken vielleicht behaupten. Dass vielfache Verneinungen nicht unwesentlich zum Unverständnis beitragen können. Nach ein paar Stunden sitze ich des Öfteren vor den Fragen und entscheide mich nach Ausschluss von A, C und E für C. Dann wird es ernst. Tag 1, schriftlich, Physik, Chemie, Physiologie, Biochemie. Wir sitzen vor dem uns zugewiesenen Zimmer und warten. Jeder lenkt sich auf seine Weise ab. Einige versuchen, sich ungezwungen zu unterhalten, während sie ihre Prüfungsladung ständig ein- und ausrollen, andere laufen mit Kopfhörern für sich alleine herum, andere sitzen einfach seltsam blass am Rand. Dann dürfen wir hinein. Jeder muss sich ausweisen und setzt sich auf die zugewiesenen Plätze. Stifte und Verpflegung werden ausgepackt, Belehrung, dann werden die Aufgabenhefte ausgeteilt (Wer hat sich denn diese Farben ausgedacht?). Ich schlage mein braunes Heft auf und fange an zu kreuzen. A, B, C, D, E. Zwischen kurzen Resignationsphasen angesichts der Fragen sehe ich der Aufseherin zu, die derweil in einer Fernsehzeitschrift Kreuzworträtsel löst. Zuhause noch vor dem Jacke-Ausziehen schnelles Eintippen der eigenen Antworten, Vergleich mit den Mitstudenten ist online bald möglich – erste Erleichterung, „Aktualisieren“ im Sekunden-Takt, später folgen auch die geprüften Antworten und ich kann halbwegs beruhigt ein bisschen schlafen.

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