Time for change – die Pflegeausbildung im Wandel

An Schlagzeilen mangelte es der Pflege in diesem Jahr nicht. Zu Jahresbeginn ist jedoch mehr passiert, als dass die Pflege als systemrelevanter Beruf durch die Corona-Krise in ein besseres Licht gerückt wurde: die Neuausrichtung der Pflegeausbildung. Der Grund dafür ist das Pflegeberufereformgesetz (kurz: PflBRefG), welches seit Inkrafttreten Anfang des Jahres 2020 für einen enormen Umbruch sorgte.

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Photo courtesy of Elsevier

Aus drei Ausbildungszweigen wird einer

Die bisher bestehenden drei Ausbildungszweige der Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege wurden nun zu einer gemeinsamen Ausbildung zur Pflegefachkraft zusammengefasst. Spätestens 2023 wird es daher erstmals Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner geben. Mit der Generalistik, wie die neue Einheit offiziell heißt, erlebt die Bundesrepublik eine der größten Reformen der Pflegeberufeausbildung. Aber warum ist diese Umstrukturierung nötig? Und welche Neuerungen ergeben sich dadurch für die Pflegeausbildung?

Eine für alle – aber warum?

Krankenpflege, Kinderkrankenpflege oder Altenpflege? Noch im letzten Jahr wurde man noch vor dem Beginn der Ausbildung mit der Frage konfrontiert, welche Ausbildungsrichtung die beste für sich selbst ist – ohne vorab einen vertieften Einblick in die einzelnen Bereiche der Pflege gewinnen zu können.

Künftig greift eine neue, universell angelegte Ausbildungsstruktur: für diejenigen, die ab 2020 eine Ausbildung in der Pflege beginnen, besteht die Möglichkeit, in den ersten beiden Ausbildungsjahren hinsichtlich des Schwerpunktes flexibel zu bleiben. Man kann und soll sich somit während der Ausbildungszeit ausprobieren können und herausfinden, welcher Bereich am meisten gefällt. Und erst ab dem dritten und letzten Ausbildungsjahr muss nach dem Pflegeberufereformgesetz eine Entscheidung getroffen werden, welchen Schwerpunkt man anstrebt - die Pflege alter Menschen, die Versorgung von Kindern und Jugendlichen oder eine generalistische Ausbildung. Ob und inwieweit die Ausbildungsträger überhaupt alle drei Schwerpunkte anbieten können, bleibt abzuwarten oder gar anzuzweifeln.

Die Pflegekraft wird zum Allrounder

Nichtsdestotrotz möchte die generalistische Ausbildung durch die Zusammenlegung der drei Ausbildungszweige am Puls der Zeit bleiben. Dass der demografische Wandel die Basis der Reform ist, liegt auf der Hand. Aufgrund dessen sind die Anforderungen an den Beruf der Pflege komplexer und vielschichtiger geworden. Der Grundgedanke der Generalistik: eine Pflegefachkraft auszubilden, die in allen Bereichen der Pflege über grundlegendes Wissen verfügt – eine solche Pflegefachkraft ist gefragter denn je!          

Neben der universellen Ausbildung sieht die Reform zudem vor, künftig…

  • eine hochwertige, zeitgemäße und zukunftsfähige Pflegeausbildung anzubieten
  • eine Pflegeausbildung zu gestalten, die EU-weit anerkannt ist
  • dem bestehenden Pflegekräftemangel entgegenzuwirken
  • die Löhne in der Branche anzuheben
  • das Image der Pflege(ausbildung) aufzuwerten!

Aus alt mach neu – was wird sich durch die Reform ändern?

Das neue Pflegeberufereformgesetz sieht weiterhin eine dreijährige Ausbildungsdauer vor. Nach zwei Dritteln der Ausbildung wird – und das ist neu - eine verpflichtende Zwischenprüfung durchgeführt. Und das nicht nur, um den Ausbildungsstand der angehenden Pflegefachkräfte zu prüfen, sondern auch um die erworbenen Kompetenzen zu ermitteln. Das Ziel dahinter: wer nach dem zweiten Ausbildungsjahr weder eine Spezialisierung noch die generalistische Ausbildung fortsetzt, wird eine Pflegeassistenz- oder Pflegehelferausbildung anerkannt bekommen. Die dreijährige generalistische Ausbildung schließt, wie bisher auch, mit einer staatlichen Abschlussprüfung zur Pflegefachkraft ab.

Verknüpft mit dem theoretischen Input bleibt die praktische Ausbildung die tragende Säule der Pflegeausbildung. Ein essenzieller Bestandteil des praktischen Teils ist die zu gewährleistende Praxisanleitung. So sieht das Pflegeberufereformgesetz (§ 6 PflBRefG) vor, dass die Auszubildenden mindestens zehn Prozent Praxisanleitung während eines Einsatzes erhalten – und das verpflichtend. Um dem gerecht zu werden bedeutet dies im Umkehrschluss, künftig ausreichend Personal respektive Praxisanleitungen zur Verfügung zu stellen.

Eine weitere Änderung: das Schulgeld entfällt bundesweit für die Pflegeausbildung. Damit profitieren einige Auszubildenden doppelt von der Reform. Einerseits wird das Schulgeld abgeschafft. Zum anderen erhält man eine angemessene Ausbildungsvergütung. Die Finanzierung der Generalistik im Allgemeinen wird künftig über Landesfonds erfolgen.

Neben positiven Entwicklungen hat die Generalistik auch ihre Schattenseiten. Die neue generalistische Pflegeausbildung erfolgt, wie bereits erwähnt, weiterhin mit theoretischen und praktischen Anteilen. Ändern wird sich jedoch, dass die Einsatzgebiete für alle Auszubildenden breiter gefächert sind. Im Pflegeberufereformgesetz (§§ 6, 7 PflBRefG) ist verankert, künftig Pflichteinsätze, Vertiefungseinsätze und weitere Einsätze in der allgemeinen und speziellen Versorgung anzubieten, etwa in der Pädiatrie, Psychiatrie oder einer ambulanten bzw. (teil-)stationären Pflegeeinrichtung.

Ist doch etwas Gutes, oder? Einblick in viele Bereiche der Pflege, Kompetenzerwerb, Wissenszuwachs, etc. Was auf den ersten Blick positiv erscheint, ist für die Ausbildungsträger, Berufsfachschulen und vor allem Altenpflegeschulen eine große Herausforderung. Um die Schultüren ab 2020 nicht komplett schließen zu müssen, wurden (oder mussten) zum Teil neue Kooperationen zwischen den Schulen geschlossen (werden), um die neue Art der praktischen Ausbildung gewährleisten zu können. Nicht allen Pflegeschulen ist dies gleichermaßen gut gelungen. Insbesondere kleinere Träger verfügten nicht über die nötigen Ressourcen und Kooperationsmöglichkeiten, um Nachwuchspflegefachkräfte auszubilden – und die Suche nach Kooperationspartnern gestaltete sich schwierig.

Generalistik als Herausforderung und Chance zugleich.

Was lange währt, wird endlich gut?

Seit dem Beschluss sind viele Gedanken und Arbeitsstunden in die Umsetzung der Pflegeberufereform geflossen. Neben dem Aspekt, dass Netzwerkarbeit nötig war, um den Schulbetrieb auch ab dem Jahr 2020 aufrechterhalten zu können, musste auch der Unterricht nach den neuen Rahmenlehrplänen der Länder konzipiert werden.

Abschließend kann man festhalten, dass die neue Ausbildungsstruktur viele positive Aspekte mit sich bringt. Durch die generalistische Pflegeausbildung eröffnen sich vielfältigere Karrieremöglichkeiten durch Wechsel-, Einsatz- und Aufstiegsmöglichkeiten in allen Bereichen der Pflege. Zudem wurden die lang ersehnten Vorbehaltstätigkeiten für die Pflege definiert und gesetzlich verankert (§ 4 PflBRefG) – ein Meilenstein für die Professionalisierung der Pflegeberufe!

Abzuwarten bleibt nun, ob durch die Generalistik all die positiven Aspekte und schlummernden Chancen künftig eintreten werden. Und ob das Image der Pflege nachhaltig attraktiver gemacht werden kann. Die Reform der Pflegeberufe mit all seinen Facetten gibt Anlass zu hoffen!


Ines Hoffmann ist Pflegepädagogin (B.A.), Gesundheits- und Krankenpflegerin und zertifizierte Beraterin zur Vorsorge und Patientenverfügung. Sie arbeitet als Fachberaterin im Bereich Pflege/Eldercare und  unterstützt pflegende Angehörige bei der Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf.


Weiterführende Links

[1] Bundesministerium für Gesundheit (2018): Pflegeberufegesetz. Online verfügbar unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/pflegeberufegesetz.html (letzter Zugriff: 27.07.2020)

[2] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020): Gesetz zur Reform der Pflegeberufe. Pflegeberufereformgesetz. Online verfügbar unter https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/gesetze/gesetz-zur-reform-der-pflegeberufe--pflegeberufereformgesetz--/119230 (letzter Zugriff: 28.07.2020)

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