Keine Angst vor dem letzten mündlichen Staatsexamen

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100 Tage Kreuzen, Lernen, Wiederholen und dabei nicht die Nerven verlieren. Nachdem ich das schriftliche zweite Staatsexamen bestanden hatte, dachte ich mir: Jetzt hat diese elendige Lernerei endlich ein Ende. Und das stimmt auch, zumindest teilweise. Auch wenn eine mündliche Prüfung für mich sehr viel mehr Nervenkitzel bedeutet, so erscheint das Lernen für das mündliche Staatsexamen sehr viel sinnvoller. Nicht weniger anstrengend, aber weniger nervig. Zusammenhänge, Abläufe und Verständnis zählten hier viel mehr als einzelne Fakten und Zahlen. Natürlich ist jede mündliche Prüfung sehr viel subjektiver, da sie nicht zuletzt auch von der Gunst und Harmonie der Prüfer abhängt. Ich hatte Glück. Sowohl mit meiner Prüfungsgruppe, meinem zugelostem Fach und auch mit den Prüfern.

Neben Innere und Chirurgie stand auch das dritte Fach schon bei der PJ-Wahl fest. Bei mir war es Radiologie. In diesen Fächern hat man schon ein ganzes Jahr Zeit, sich auf Aufgaben und typische Fragen von Prüfern vorzubereiten. Besonders hilfreich ist es natürlich, wenn man an seinem PJ-Krankenhaus auch geprüft wird und schon vor der Prüfung (zum Beispiel aus dem PJ-Unterricht) weiß, welche Schmankerl der ein oder andere Prüfer gerne aus dem Ärmel zieht. Aber auch wenn man wo anders geprüft wird, hat man nicht verloren. Ich habe alle Tertiale an Lehrkrankenhäusern anderer Universitäten absolviert und kannte daher keinen meiner Prüfer am Uniklinikum meiner Uni.

Vier Wochen vor der Prüfung stand fest, wer uns prüfen würde. Die Prüfer haben wir per Mail oder Telefon kontaktiert und sie um einen Vorstellungstermin gebeten. Alle waren sehr aufgeschlossen und haben uns in dem Gespräch schon den ein oder anderen Tipp gegeben, Themen ausgeschlossen oder darauf hingewiesen, dass ihnen einige Aspekte besonders am Herzen liegen. Wir haben uns Protokolle über alte Prüfungen ausgeliehen und haben die Themen in meiner Prüfungsgruppe nacheinander durchgesprochen. Obwohl ich wirklich kein Gruppenlerner bin, muss ich sagen, dass es die beste Vorbereitung für das mündliche Staatsexamen ist.

An weiterem Lernmaterial haben wir in meiner Prüfungsgruppe das MEX Klinik von Elsevier besonders geschätzt. Außerdem haben wir die relevanten Texte in Amboss noch einmal gelesen und Radiologiebilder der Internetseiten http://e-learning.studmed.unibe.ch/radiosurf und http://radiopaedia.org durchgesprochen. Da unsere Lernphase teilweise während des laufenden Semesters war, konnten wir einige relevante Vorlesungen und Seminare unserer Prüfer noch einmal besuchen. Das war ebenfalls hilfreich.

Insgesamt habe ich sechs Wochen gelernt, wobei ich die ersten zwei Wochen nur Themen angesehen habe, die mir selbst am Herzen lagen und letztendlich nicht in der Prüfung abgefragt wurden. Also fangt nicht zu früh an, euch mit unspezifischen Inhalten zu stressen und wartet darauf, was Eure Prüfer Euch sagen.

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Am ersten Prüfungstag haben wir jeder zunächst einen Patienten der Inneren Medizin zugeteilt bekommen. Mit ihm und seinen Akten durften wir uns zwei Stunden beschäftigen. Das klingt vielleicht lange, war dann allerdings doch keineswegs zu viel Zeit. Am besten überlegt ihr euch vorher schon in welcher Reihenfolge ihr den Patienten vorbereitet und später dann seine Krankengeschichte vortragt. Eine gute Struktur wirkt kompetent. Danach folgte das Gleiche mit unserem Chirurgie Patienten, bevor die „richtige“ Prüfung begann. Jeweils etwa 20 Minuten wurde jeder von uns am Patientenbett geprüft und durfte eine Kleinigkeit voruntersuchen. In der Prüfungszeit der anderen haben wir vor der Tür gewartet und konnten uns ein bisschen sammeln.

Unsere Prüfungsgruppe war ziemlich gut vorbereitet, was die Prüfer erfreut und für eine wirklich angenehme Stimmung gesorgt hat. Am zweiten Tag haben wir dann noch für etwa 30 Minuten ein CT/MRT für die Radiologie Prüfung zur Vorbereitung bekommen. Danach folgte ein Prüfungsgespräch in einem Seminarraum, bei dem wir nacheinander Fragen von den unterschiedlichen Prüfern gestellt bekommen haben. Meine Fragen habe ich nachfolgend einmal aufgeschrieben. So kann man sich vielleicht einen etwas besseren Eindruck machen. Es ist wirklich keine schlimme Situation und die meisten Fragen sind viel einfacher als im schriftlichen Examen. Ich wünsche euch viel Glück im letzten Staatsexamen!

Innere Medizin

Patient: KHK mit stabiler Angina pectoris, neuer Diabetes mellitus, Pyelonephritis aufgrund von Harnsteinen, unklarer Gewichtsverlust

Tag 1: Patient systematisch vorstellen (Grund des aktuellen Aufenthaltes, Klinik, Arbeitsdiagnose, Diagnostik, Therapie), Untersuchung des kardiovaskulären Systems

Tag 2: Thema Diabetes mellitus

–      Bild mit diabetischen Fuß Mikro- und Makroangiopathien aufzählen

–      Definition (Diagnosekriterien, HbA1c erklären), Typen (welche Antikörper)

–      4 Faktoren für Diabetes 2 (Insulinresistenzt, verminderte Insulinausschüttung, verminderte Hemmung der Glukoneogenese und verminderte Inkretinwirkung

–      Behandlungsstufen

–      Insulintherapie: Unterschied zwischen konventionell und intensiviert

–      Ursachen für sekundäre arterielle Hypertonie

Anästhesie (zugelostes Fach)

Tag 1: keine Fragen

Tag 2: Fragen zu meiner Chirurgiepatienten (Trimalleolarfraktur als Fußgängerin)

–      ASA Klassifikation einschätzen

–      Welche Narkoseform? RSI da nicht nüchtern

–      Alternativen falls nüchtern? Spinal, Femoralisblockade, eher nicht peridural da man damit nicht auf Normalstation kann. Peridural wird eher bei Operationen eingesetzt, bei denen postoperativ größere Schmerzen erwartet werden, v.a. größere Bauch-OPs; ich hatte Entbindung vorgeschlagen, damit war er aber nicht einverstanden, weil Frauen seiner Meinung nach vor und nicht nach der Geburt Schmerzen hätten

–      Postoperative Schmerztherapie: Nebenwirkung von Tramal (v.a. Erbrechen), Opiaten (v.a. Atemdepression), Novalgin (allergische Reaktionwie sieht die aus und was mache ich dann und Agranulozytosewann tritt die auf?)

–      OSAS (obstruktives Schlafapnoesyndrom)macht das dem Anästhesisten Sorgen? Ja, weniger intraoperativ, da Beatmung, aber postoperativ v.a. in Verbindung mit Opiaten vermehrt Atemaussetzer mit Hypoxiefolgen, Notwendigkeit einer guten postoperativen Überwachung.

Radiologie (Wahlfach im PJ)

Tag 1: Frage zu meinem Patienten mit Pyelonephritis nach Harnstaugraden im Sono und was Ursachen für kolikartigen Flankenschmerz noch sein können

Tag 2: DSA mit beidseitigem Iliakalverschluss, bereits gestentet, sehr viele Umgehungskreisläufe, Intervention mit erneutem Stent und Ballondilatation

–      Warum wird auf die gesunde Seite auch ein Ballon gelegt? Um sie zu schützen, wenn die Gegenseite aufgedehnt wird

–      Schmetterlingsinfiltrat mit Röntgen

–      Radiuskopffraktur mit Fad Pad Sign

–      Mammographie mit Rundherd präpektoral BIRADS 5, ACR 3-4, weiteres Vorgehen Sono und Feinnadelpunktion

–      Aortenwandhämatom (CT)

–      Kolitis des Transversums (CT) DD entzündlich vs. Tumor

Faire Prüfung, hilft, wenn man nicht weiterkommt, es lohnt sich, in seine PJ-Seminare am Mittwochvormittag um 8:30 im Demoraum der ZIM-Notaufnahme zu gehen. Die meisten Bilder des zweiten Tages entstammen den Vorlesungsfolien.

Chirurgie

Patient: trimalleoläre Luxationsfraktur, Kopfplatzwunde, fragliches Schädel-Hirn-Trauma

Tag 1: Patient vorstellen (Unfallhergang, Diagnose, Therapie, geplantes Procedere)

–      Röntgenbilder erklären (vor uns nach Reposition und mit Fix. Externe)

–      Mögliche primäre und definitive Therapieoptionen (ganz wichtig ist die schnelle Reposition, da es sonst am Unterschenkel bei geringer Weichteildichte sehr schnell zu Hautnekrosen kommen kann, die dann plastisch gedeckt werden müssen)

–      Warum nicht gleich operiert? (Weichteilschwellung erschwert Heilung, Blutsperre im OP)

–      Komplikationen: Kompartment-Syndrom (Klinik, Diagnose, Therapie)

–      Mögliche Ursachen für Erbrechen am Tag nach Unfall und Diagnostik

–      Neurologische Untersuchung der Hirnnerven vorführen und CCT

–      Neutral-0-Methode an der Hand erklären, wie notiert man das richtig

Tag 2: Patient noch einmal vorstellen, ein paar Fragen zu der Fraktur, Klassifikation und Behandlungsoptionen

–      Andere Frakturen bei Sturz aus der Höhe: WS, Kalkaneus (operiert man das?), Tibiaschaft, Tibia-Plateau, Pilon-Tibial

–      Bild mit Radiuskopffraktur erklären, Einteilung nach Mason, Therapieoptionen

–      Therapie von Tibiaschaft-Fx

Angenehme Prüfungssituation, gibt Tipps, wenn man nicht drauf kommt

Ich wünsche Euch ein erfolgreiches letztes Staatsexamen!

Eure Ricarda

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