Wahlfach Alpin- und Höhenmedizin der Universitätsklinik Göttingen

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Tourenski fahren?

In den Alpen?

Als Wahlfach?

Als ich – damals noch Studentin im vorklinischen Studienabschnitt – von der Möglichkeit erfuhr, am Wahlfach „Alpin- und Höhenmedizin“ der Universitätsklinik teilzunehmen, bewarb ich mich sofort um einen der wenigen Plätze und hatte Glück: Im Februar 2012 machten wir uns als eine heterogene Gruppe von Ärzten und Medizinstudenten auf den Weg nach Namlos ins österreichische Lechtal.

Das Örtchen Namlos ist eine sehr kleine, pittoreske Gemeinde mit wenigen Dutzend Einwohnern. Es bietet dank Schneesicherheit und zahlreicher umgebender Gipfel mit weit über 2000 m Höhe über NN (Normal Null), beispielsweise die Hintere Steinkarspitze, Tschachaun, Namloser Wetterspitze, Gramaiser Schafkar und Elmer Muttekopf, ideale Bedingungen zum Skitourengehen. Der Gasthof Kreuz beherbergte uns während der einwöchigen Exkursion.

Voraussetzung für die Teilnahme am Wahlfach waren Sicherheit beim Skifahren im Gelände und eine gute Kondition für Aufstiege bis 1000 Höhenmeter pro Tag.

Als Leistungsnachweise galten hingegen benotete Referate. Mögliche Themen waren die Patho(physio)logie des kardiovaskulären sowie des zentralen und peripheren Nervensystems, Elektrolytstörungen, Vorgehen nach Exposition gegenüber Gefahren im Gebirge, schädlichen Umwelteinflüssen und deren Folgen, Wundreaktion, Wundheilung und Epidemiologie.

Zur Vorbereitung dienten – neben Konditionstraining für den sportlichen Teil im Allgemeinen – einige Treffen im Vorfeld zur Planung der Exkursion und Ausarbeitung der Referate in Kleingruppen. Da sowohl Vorkliniker als auch Kliniker an dem Wahlfach teilnehmen durften, war der Wissensunterschied bezüglich physiologischer Zusammenhänge teils erheblich ausgeprägt. Durch passende Zuteilung der Studenten untereinander wurden diese Unterschiede weitgehend nivelliert.

Die Skitouren an sich waren einerseits eine sportliche Herausforderung und andererseits eine tolle Erfahrung mit zwei erfahrenen Bergführern des Anbieters ALTISSIMO. Unter anderem bestiegen wir den Gipfel der Namloser Wetterspitze. Insgesamt machten wir je eine Tour an fünf Tagen.

Zur Ausrüstung gehörte neben den Skistöcken und Skiern mit Fellen (respektive Snowboard samt Schneeschuhen) und spezieller Bindung ein Lawinen-Pieper, eine Schaufel und eine Sonde für jeden Teilnehmer nebst Verpflegung und Sonnenprotektion.

Am ersten Tag in den Alpen erfolgte vor dem ersten Gipfelgang eine ausführliche Einweisung in die spezielle (Aufstiegs-)Technik beim Skitourengehen. Einiges ist dabei zu beachten: Das ordnungsgemäße  Auf- und Abziehen der Felle (die zu meiner Verwunderung nicht wirklich aus Fell waren, sondern aus Kunststoff…), die richtige Einstellung der Bindung abhängig von der Steigung des Geländes und das Aufsteigen und Wenden im „Zickzack“ in steileren Gefilden. Am wichtigsten war jedoch das Vertrauen – das Vertrauen in den Bergführer, in die gesamte Gruppe und die Zuversicht in sich selbst.

Zudem erhielten wir am ersten Tag der Skitourenwoche eine Schulung zur Beurteilung der  Schneesicherheit im Gelände und zur Lawinengefahr. Im alpinen Gelände kann die sogenannte „SnowCard“ des Deutschen Alpenvereins zur Einschätzung des Lawinenlageberichts und der Gefahrensituation anhand der Steilheit helfen. Des Weiteren erklärte uns unser Bergführer die zahlreichen Facetten des Schnees, der in seiner Schichtung ähnlich komplex erscheint wie die geologische Gesteinsentwicklung. Es war sehr faszinierend, wie man aus einer – auf den ersten Blick unscheinbaren – Schneemulde soviel an Information und Gefahrenbewertung extrahieren kann: Wann hat es zum letzten Mal geschneit? Wie viel hat es geschneit? Wann ist der Schnee geschmolzen? Welche Art von Schnee fiel? Man unterscheidet ihn unter anderem nach Dichte, Farbe, Alter, Feuchtigkeit, Ursprung, Größe der Flocken und der Kristallstruktur…

Ein weiterer Aspekt des Einführungsteils bestand im Erlernen des Umgangs mit unseren Lawinen-Piepern und den Sonden. Zu dem Zweck vergruben wir gegenseitig unsere Pieper, versuchten sie aufzuspüren und bargen sie anschließend mit den Schaufeln.

Jede Tour hatte einen anderen Ausgangspunkt, der jeweils per Kleinbus aufgesucht wurde. Die Anstiege dauerten etwa vier bis fünf Stunden mit kleinen Pausen. Da wir täglich bestes Wetter hatten, wurde wirklich jeder Aufgang mit einem wundervollen Ausblick samt Picknick am Berggipfel belohnt . An keinem Tag mussten wir wetterbedingt Einschnitte hinsichtlich der Tourenplanung in Kauf nehmen oder vorzeitig umkehren. Lediglich einmal war es notwendig, eine Schneise von etwa 50 Metern einzeln zu überqueren, da unser Bergführer diese Sicherheitsmaßnahme aufgrund der Schneebedingungen für dringend erforderlich hielt.

Noch schöner als die Rast hoch oben war in jedem Fall die jeweils einstündige Genussabfahrt: Einen selbst bestiegenen Berg in unberührten Tiefschnee-Hängen hinabzufahren ist ein unvergleichliches Ski-Erlebnis in Form des „sanften Tourismus“ …ohne surrend-murrende Lifte, unnötigen Ressourcenverbrauch, verbaute Landschaften, umweltschädliche Waldrodung und langwieriges Anstehen.

Während der abendlichen Referate, der anschließenden Diskussionen und selbstverständlich der Skitouren selbst erlernten wir wichtige physikalische Grundlagen der Höhenphysiologie und den damit verbundenen Körperreaktionen und Anpassungsvorgängen bei längerem Aufenthalt in der Höhe.

Mit zunehmender Höhe über NN ändern sich die Umgebungsfaktoren und physikalischen Kennwerte in erheblichem Ausmaß, die sich auf die physiologischen Funktionen des Körpers auswirken (können): Es verändern sich Luftdruck und -dichte, Sauerstoffpartialdruck, Lufttemperatur, der Wasserdampfdruck der Luft und die Intensität der ultravioletten Strahlung.

Durch den sinkenden Sauerstoffpartialdruck besteht grundsätzlich in der Höhe die Gefahr eines Auftretens einer Gewebshypoxie, welche adäquate reaktive Anpassungsvorgänge des vegetativen Nervensystems erfordert.

Einen Schwerpunkt des Blockwahlfaches stellte die Höhenkrankheit mit dem gefürchteten Lungen- und Hirnödem dar, deren Symptome jedem (nicht nur jedem Mediziner!) beim zu schnellen Aufstieg in große Höhen über 2500 m über NN bewusst sein sollten. Zu diesen möglichen Anzeichen zählen unter anderem Cephalgien, Schlaflosigkeit und Inappetenz. Auch Übelkeit, Erbrechen und Vigilanzstörungen können auftreten und Indiz eines Hirnödems sein. Hervorzuheben sei diesbezüglich, dass auch ein Alpinist in einer sehr guten körperlichen Verfassung eine Höhenkrankheit entwickeln kann.

Auch das Höhentraining und die Leistungsphysiologie in der Höhe wurden ausführlich besprochen. Durch einen längeren Höhenaufenthalt kann die individuelle Ausdauerleistung erheblich gesteigert werden; es kommt zu einer Zunahme der Sauerstoffbindungskapazität des Blutes, einer Steigerung des Atemminutenvolumens sowie einer besseren Perfusion des Muskelgewebes und somit zunehmender Kapillarisierung.

Dem gegenüber stehen Einflüsse, die sich leistungsmindernd auswirken; es nimmt langfristig die Blutviskosität zu und das maximale Herzminutenvolumen ab.

Trotz der körperlichen Anstrengung tagsüber war es nach dem täglich leckeren, warmen  Abendessen sehr interessant und vielfältig, die Referate anzuhören und mitzudiskutieren. Aufgrund der Betreuung durch den Chefarzt der Hämatologie, zwei hämatologische Oberärzte und weiteres ärztliches Personal anderer Disziplinen wurden zahlreiche Aspekte der Alpin- und Höhenmedizin ausgiebig hinterfragt und reflektiert.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich an so einem abwechslungsreichen Wahlfach teilnehmen durfte und wünsche allen zukünftigen Teilnehmern daran eine genauso lehrreiche und schöne Zeit in den Alpen!

Eure Jenny-Lou

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