Vom Fach Latein in Patienten-Deutsch – Ein Erlebnisbericht

desk.jpg

Viele Medizinstudentinnen und Medizinstudenten unter euch kennen das sicher: Seit Beginn des Studiums wird man um medizinischen Rat gefragt und nachdem Verwandte und Bekannte bei der Kardiologin oder beim Orthopäden waren, wird man gebeten zu erklären, was eigentlich los ist. Was bedeutet „Nucleus-pulposus-prolaps“? Was bedeutet „Protrusion“ und was bedeutet „Einengung vom Neuroforamen“? Schritt für Schritt erklärte ich einem Bekannten, dass er einen Bandscheibenvorfall hatte, dass sich eine weitere Bandscheibe vorwölbt und dass – hmm, wie erkläre ich denn nun am einfachsten Neuroforamen? Da habe ich gemerkt, dass ich als Medizinstudentin bereits tief in der Fachsprache drin stecke, sodass es mir schwer fällt meinem Bekannten einfach und verständlich bestimmte Begriffe zu erklären. Daran musste ich unbedingt arbeiten. Und dabei hat mir „Was-hab‘ ich?“ sehr geholfen.

Schon zu Beginn meines Studiums hatte ich in der Zeitung von „Was-hab‘ ich?“ gelesen. In den Semesterferien nach meinem ersten klinischen Semester habe ich mich wieder an „Was hab‘ ich?“ erinnert und mich darüber informiert. „Was hab‘ ich?“ ist eine Initiative, wo Medizinstudenten und Medizinstudentinnen online ehrenamtlich Arztbriefe übersetzen. Sprich: Aus dem Fachlatein in verständliches Deutsch. Nach meiner Recherche ließ ich mich auf die Warteliste setzen, denn damit man schon eine gewisse Wissensbasis für das Übersetzen mitbringt, darf man dort ab dem 8. Fachsemester als Übersetzer oder Übersetzerin tätig sein.
Ich kam also ins 8. Fachsemester und eines Tages flatterte eine E-Mail von „Was hab‘ ich?“ in mein Postfach, dass ich mich nun bei Interesse als Übersetzerin anmelden könnte. Genau das tat ich dann auch.

„Wie läuft das dann ab? Melde ich mich an und dann muss ich sofort übersetzen?“, fragen sich sicher einige von euch. Nein, man wird nicht sofort ins kalte Wasser geschmissen. Bei mir war das so: Es gab zunächst ein Video-Tutorial, wo „Was hab‘ ich?“ sich vorstellte und die Plattform genau erklärt wurde. Anschließend rief eine nette Ärztin oder ein netter Arzt der Organisation an, um grundlegende Dinge zu erklären und Fragen zu klären. Und nun durfte ich den ersten Befund übersetzen. Es handelte sich aber zunächst um einen kurzen Übungsbefund. Nachdem ich mich durch den Übungsbefund durchgearbeitet hatte, gab es eine telefonische Supervision. Danach folgt ein weiterer Übungsbefund mit anschließender Supervision. Und dann war es soweit: Ich durfte den ersten richtigen Patientenbrief übersetzen! Auch nach dieser Übersetzung gab es eine Supervision. Insgesamt gab es mehrere Supervisionen, bis ich als Übersetzerin in die Freiheit entlassen wurde und ohne supervisorische Stützräder Patientenbriefe selbstständig übersetzen durfte.

Was ist sehr wichtig? Ich darf die Befunde nur übersetzen und nicht interpretieren. Bei Unklarheiten ist es wichtig, dass ich als Übersetzerin an den behandelnden Arzt verweise. Manchmal ist das gar nicht so einfach und trotzdem nötig, schließlich will ich mit meiner Übersetzung ja die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessern und nicht verschlechtern.

Was dürfte sonst noch interessant sein? Wenn man etwas nicht so genau weiß oder Schwierigkeiten hat eine verständliche Formulierung zu finden, gibt es in der Plattform für die Übersetzerinnen und Übersetzer die Möglichkeit ältere Übersetzungen zu durchsuchen und so Hilfe bei bestimmten Formulierungen zu bekommen. Außerdem gibt es die Möglichkeit Fragen zu stellen, die von anderen Übersetzerinnen und Übersetzern oder von Konsiliar-Ärztinnen oder Ärzten beantwortet werden.

Bei so manchen Begriffen und Befunden habe ich mir Unterstützung geholt, indem ich alte Befunde durchforstete oder Fragen stellte. Auf diese Weise habe ich einiges gelernt. Hierfür ein Beispiel: Dank einer MRT-Übersetzung vom Neurocranium weiß ich nun, dass die A. trigemina primitiva ein embryonales Blutgefäß ist, welches sich in der Regel zurückbildet. In seltenen Fällen persistiert es jedoch und übernimmt die Blutversorgung vom Cerebellum und okzipitalen Bereichen vom Gehirn.
Das ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie ich besser nicht übersetzen sollte. Embryonal? Persistiert? Cerebellum? Okzipital? Diese Begriffe würde ich in einer Übersetzung nicht benutzen, weil sie nicht für alle verständlich sind. Stattdessen würde ich es so schreiben: Dieses Blutgefäß kommt bei ungeborenen Kindern im Mutterleib vor. Es ist aber möglich, dass dieses Blutgefäß auch bei Erwachsenen vorhanden ist und Kleinhirn sowie die hinteren Bereiche vom Gehirn mit Blut versorgt.

Vielleicht fragt sich jemand, warum ich überhaupt als Übersetzerin tätig bin. Das hat zwei Hauptgründe: Auf der einen Seite, freue ich mich, dass meine Übersetzung Patientinnen und Patienten hilft ihre Krankheit zu verstehen. Auf der anderen Seite habe ich selbst durch das Übersetzen viel gelernt und lerne immer weiter. Ihr merkt es ja, mein Medizinerherz schlägt für Patientenfreundliche Kommunikation. Und deins?

Eure Ruth

PS: Sollte ich euer Interesse geweckt haben, könnt ihr gerne mal auf https://washabich.de/mitmachen vorbeischauen, um euch genauer zu informieren!

Share
Tweet
Share
Share