Neue Wege in der medizinischen Ausbildung oder der ungeliebte Nachbar

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Seit Ende August tummeln sich nun die ersten Medizinstudenten der Paracelsus Medizinischen Universität auf dem neu geschaffenen Campus in Nürnberg…. nicht ohne Protest der „klassischen“ deutschen Universitäten. Der Dekan der Universität Erlangen lehnt die Ausbildung von medizinischem Nachwuchses am städtischen Klinikum Nürnberg sogar ab. Begründung ist die fehlende Grundlagenforschung. So kamen aus Nürnberg, das bisher nur Lehrkrankenhaus der Uni Erlangen war, vor allem wissenschaftliche, meist klinische, Studien. Der Schwerpunkt lag bisher aber eindeutig auf der primären Patientenversorgung. Doch das soll sich nun ändern. Freilich klingt es zunächst befremdlich, dass man jetzt auf deutschem Boden aber ohne Kontrolle der deutschen Behörden einen österreichischen Abschluss machen kann. Möglich macht dies die Niederlassungsfreiheit in der EU. Wie wird die Qualität der Ausbildung gewährleistet und bietet die neu geschaffene Privatuniversitätsfiliale ein „Schlupfloch“, sich in die Arztausbildung einzukaufen? Das sind nur einige Fragen, die sich stellen. Ein Grund mehr, das ganze einmal näher zu beleuchten.

Vorab, was ist die Paracelsus Medizinische Universität überhaupt?
Die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) ist eine österreichische Privatuniversität in Salzburg. Neben dem Studium der Humanmedizin werden auch weitere Fächer der Gesundheitswissenschaften, insbesondere der Pflegewissenschaften gelehrt. Die Regelstudienzeit für Humanmedizin beträgt fünf Jahre. Die Einteilung in Semester wird nicht vorgenommen und es gibt auch keine längeren Semesterferien. Dafür ist die Ausbildung im Vergleich zum „klassischen“ deutschen Medizinstudium um 1 Jahr verkürzt. Das erste, zweite und dritte Jahr umfasst jeweils 40 Wochen, das vierte und das fünfte Jahr 48 Wochen. Das Forschungstrimester im vierten Jahr ist verpflichtender Bestandteil des Curriculums. Das fünfte Jahr hat 37 Wochen klinische Famulatur. Zur Unterstützung der internationalen Karriere absolvieren die Studierenden die amerikanische Zulassungsprüfung USMLE. Das Studium schließt mit dem international anerkannten Titel Dr. med. univ. ab.

Wie schafft man es, einen der 50 begehrten Studienplätze zu bekommen?
Man bewirbt sich (Frist bis März) mit seinem Lebenslauf, einem Motivationsschreiben und Zeugnissen, wobei die Abiturnote nicht das entscheidende Kriterium sein soll. Eine Bearbeitungsgebühr muss an dieser Stelle bereits gezahlt werden. Es folgt eine Einladung zu einem viereinhalbstündigen Aufnahmetest nach Salzburg. Die besten Absolventen werden zu einem abschließenden Gespräch nach Nürnberg eingeladen.

Was kostet mich das Studium an der Privatuniversität?
Ein Jahr an der PMU kostet 13.500 €. Für die planmäßigen fünf Jahre fallen insgesamt 67.500 € an. Das ist vergleichbar mit den Kosten der Semmelweis-Universität in Budapest, einem in der Vergangenheit sehr beliebten Ausweichort für „NC-Flüchtlinge“. Alternativ kann man 60.000 € davon über den Nürnberger Bildungsfonds Medizin vorstrecken lassen, allerdings muss man dann nach Abschluss 12% des Bruttoeinkommens zurückzahlen – und das für 12 Jahre. Je nachdem, wie viel man also in den 12 Jahren nach Ende Studiums verdient, kann es also durchaus sein, dass man mehr als die „geliehenen“ 60.000 € zurückzahlt.

Wie gestaltet sich die Ausbildung in Nürnberg?
Die PMU bietet in Nürnberg das Diplomstudium der Humanmedizin an. Nach erfolgreichem Abschluss trägt man automatisch den Titel „Dr. med. univ.“. Versprochen werden das Lernen in Kleingruppen sowie ein hoher Praxisbezug von Anfang an. Mit 50 freien Plätzen pro Jahr ist die Studentenzahl gerade mal 1/3 eines klassischen Semesters an der Universität Erlangen. Wie hoch der Anteil an Praxis tatsächlich sein wird kann man sicher erst im Laufe der nächsten Jahre sagen. Allerdings ist es bezeichnend, dass für die frisch gestarteten „Erstis“ bereits jetzt Notfallkurse durch die Unfallchirurgie angeboten werden. Die normale, bei den Studenten oft ungeliebte, vorklinische Basisausbildung in Biochemie, Physik oder Biologie findet durch fachlich ausgewiesene Lehrkräfte der als FH bekannten Technischen Hochschule Georg Simon Ohm statt. Für die Fächer Anatomie und Physiologie sollen neue Professuren geschaffen werden. Bis die erste Studentenkohorte den vorklinischen Teil absolviert hat soll auch die klinische Ausbildung weiter ausgebaut worden sein.

Revolutionär oder zu Recht umstritten? Wie ist das neue Ausbildungsmodell zu bewerten?
Das Medizinstudium ist begehrt und die Plätze begrenzt. Wer kein Spitzenabitur hat, dem bleibt oft nur die Wartezeit von bis zu 6 Jahren (kostet Lebenszeit), der Klageweg (kostet Geld, Erfolg nicht garantiert), die Abwanderung ins Ausland (kostet ebenfalls nicht wenig, nach der Vorklinik muss man entweder nach Deutschland wechseln bzw. warten bis ein deutscher Platz frei ist oder die ausländische Landessprache lernen und die Klinik dort absolvieren) oder das Studium über die Bundeswehr (man bekommt zwar Geld, ist aber für 17 Jahre der Bundeswehr verpflichtet). Ich habe selbst Leute in meinem Freundeskreis, die jeweils einen dieser Wege eingeschlagen haben. Und alles hat auch seine Wehrmutstropfen. Ich bewerte die Möglichkeit, in Deutschland eine Alternative zum NC-Wahnsinn zu schaffen, als durchaus positiv. Aus persönlichen Gesprächen mit Professoren habe ich auch erfahren, dass Bemühungen unternommen werden, eine Grundlagenforschung neben der bereits vorhandenen klinischen Forschung zu etablieren. So wurde beispielsweise ein Anatom der Charité nach Nürnberg geholt, um ein Zellkulturlabor aufzubauen. Und es ist spannend zu sehen, wie sich diese neue Uni-Klinik entwickeln wird. Gerade für junge ambitionierte Ärzte tut sich hier eine Möglichkeit auf, sich aktiv in den Aufbau einzubringen und Lehre und Forschung mit zu gestalten, da es noch ein eingefahrenes Schema gibt. Es ist noch alles im „Werden“. Andererseits ist es natürlich für die Universität Erlangen schade, das große städtische Klinikum Nürnberg als Lehrkrankenhaus „verloren“ zu haben. Ich selbst hatte noch die Möglichkeit, einen Teil meines Innere-Blockpraktikums dort zu absolvieren und war froh, diese Erfahrung machen zu dürfen. Für PJ Studenten war Nürnberg auch oft eine beliebte Alternative zu Erlangen. Auch dies wird jetzt in Zukunft nicht mehr möglich sein.

Ich wünsche auf jeden Fall beiden Universitäten ein friedliches Miteinander. Auch wenn die Herangehensweise an die Lehre unterschiedlich sein mag, so haben sie sich doch beide auf die Fahnen geschrieben den ärztlichen Nachwuchs auszubilden. Und die zukünftigen Ärzte sollten nach ihrem Abschluss Kollegen sein und keine Konkurrenten ?

Kathrin, Erlangen
Kathrin Hoffmann-END

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