Medizinstudium in Ungarn

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Mein Name ist Hendrik und ich studiere seit September 2012 i n Pécs, Ungarn, Medizin. „Ungarn, wieso in Ungarn?“, ist meistens die erste Frage, die ich gestellt bekomme. Meine häufigste Antwort darauf:„Leider hätte ich auf einen Studienplatz in Deutschland sechs Jahre warten müssen, deswegen habe ich mich zu einem Medizinstudium im Ausland entschlossen.“

2010 habe ich mein Abitur an einem Gymnasium in Gütersloh mit 2,0 abgeschlossen. Daraufhin folgte der Zivildienst bei der Feuerwehr, wo ich zum Rettungssanitäter ausgebildet wurde. Da meine Chancen auf einen Studienplatz sehr gering waren – bei der ZVS wurde ich an Stelle 3265 geführt – bildete ich mich an der Johanniter Akademie in Münster zum Rettungsassistent aus. Durch die Ausbildung erhoffte ich mir bessere Chancen auf einen Studienplatz (bei vielen Universitäten gab es einen Bonus von 0,5 auf die Abiturnote) und mehr praktische Erfahrung und Wissen im Rettungsdienst.

Während meiner Ausbildung erfuhr ich von Freunden von einem möglichen Medizinstudium in Ungarn. Die beiden Freunde studierten in Pécs, eine Stadt 1.300 km von meiner Heimatstadt entfernt, im Süden von Ungarn, nahe der Grenze zu Kroatien. Bei einem Skype-Gespräch erzählte mir mein Freund ein paar Einzelheiten.

Das Studium in Pécs wird in deutscher Sprache angeboten. Semesterbeginn ist immer der 1. September. Auf 14 Wochen Vorlesungszeit, folgen 7 Wochen Prüfungszeit. Während der Vorlesungszeit wird man durch Zwischentestate in Chemie (wöchentliche Labortestate) oder in Anatomie/Histologie (drei Zwischentestate während des Semesters) zu kontinuierlichem Lernen angeregt.

Ein großer Vorteil der Prüfungszeit in Pécs ist das selbständige Festlegen der Einzeltermine in der Prüfungszeit. Natürlich müssen alle erforderlichen Prüfungen bis zum letzten Tag absolviert sein, mit welcher Prüfung man aber beginnt, ist jedem Studenten selbst überlassen. Da ich immer schon meine Probleme mit dem Parallellernen von zwei Fächern hatte, sehe ich dies als großen Vorteil für mich an. Auch die kleinen Lerngruppen, welche besonders in Anatomie sehr sinnvoll sind, überzeugten mich davon, mich in Pécs zu bewerben.

Im Juli 2012 erreichte mich die Zusage aus Pécs. Die Freude, endlich mein Studium in meinem Wunschfach beginnen zu dürfen, war riesig. Da ich zu dieser Zeit noch im Rettungsdienst arbeitete, kümmerte ich mich über das Internet um eine Wohnung. Ich wählte eine WG, da für mich eine Einzelwohnung in einer fremden Stadt nicht in Frage kam. Ein Wohnungsmangel, wie in vielen deutschen Städten, herrscht in Pécs nicht. So gut wie alle Wohnungen hier sind möbliert, sodass ich Ende August nur mit zwei Koffern im Schlepptau von Dortmund nach Budapest flog. Von Budapest aus waren es noch einmal drei Stunden Fahrt mit dem Zug, bis ich in Pécs ankam.

In Pécs habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt. Die Stadt hat mit circa 150.000 Einwohnern eine für mich perfekte Größe, da ich selber nicht aus einer Großstadt komme. Der Stadtkern ist sehr schön, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass Pécs 2010 Kulturhauptstadt Europas war.

Jedes Jahr beginnen in Pécs circa 220 Studenten Medizin auf Deutsch zu studieren. Gleichzeitig beginnt ungefähr die gleiche Anzahl von Studenten jeweils auf Englisch und auf Ungarisch. Dies führt dazu, dass in Pécs über 30.000 Studenten leben, davon ungefähr 3.500 Medizinstudenten, was der Stadt ein besonderes Flair gibt.

Da die meisten Studenten während des Semesters in Pécs bleiben und nicht in ihre Heimat fahren, ist es einfacher, neue Leute kennen zu lernen und gute Freundschaften aufzubauen. Diese haben auch eine besondere Bedeutung, weil Familie und Freunde zu Hause als wichtige Ansprechpartner nicht mehr so verfügbar sind wie früher.

Das Studium in Pécs ist an das Deutsche Studium angeglichen, sodass die Möglichkeit besteht, Scheine in verschiedenen Fächern zu sammeln und sich mit diesen in Deutschland zu bewerben.

In Pécs gibt es am Ende des vierten Semesters keine abschließende Prüfung für das Physikum, sondern man legt die Prüfungen verteilt in den Semestern der Vorklinik ab. Zum Beispiel bekommt man am Ende des zweiten Semesters schon die Scheine in Biologie, Physik und Chemie.

Am Anfang des Studiums wird man einer kleinen Gruppe zugeteilt, mit der man die Seminare zusammen besucht. Die Seminare sind ergänzend zu den Vorlesungen aufgebaut. Besonders in Anatomie und Histologie sind die kleinen Lerngruppen sehr hilfreich.

Die Dozenten sind Ungarn, sprechen zum größten Teil ein sehr gutes Deutsch. Einige Dozenten unterrichten so in drei Sprachen, was ziemlich bemerkenswert ist.

Das erste Semester war für mich aber besonders schwer. Alles war neu und musste erst einmal eingeordnet werden. Vorstellungen vor dem Studium wie „Mit Biologie als Leistungskurs sollte das Fach ziemlich leicht werden“ erwiesen sich als ziemlich falsch. Der Lernstoff in Pécs hatte mit meinem Abiturstoff so gut wie gar nichts zu tun. Auch mit dem monotonen Auswendiglernen in Anatomie hatte ich so meine Probleme. Für mich ist das Studium in Pécs nicht ohne Stress. Dies liegt einmal daran, dass ein Semester mit 6400 Euro eine finanzielle Belastung darstellt, zum anderen bedeutet eine nicht absolvierte Prüfung in der Prüfungsphase automatisch eine Verlängerung des Studiums um ein Jahr.

Die meisten Prüfungen finden mündlich statt. Dies hat den Vorteil, einige Dinge genauer zu lernen, da es in einer mündlichen Prüfung mehr um das Verständnis geht.

Nach nun vier Semestern in Pécs kann ich das Studium durchaus weiterempfehlen. Die Ausbildung hier ist sehr gut und es ist eine der wenigen Möglichkeiten, ein Medizinstudium in deutscher Sprache ohne eine Wartezeit von mehreren Jahren zu beginnen. Über die Chancen eines Wechsels nach Deutschland kann ich bisher leider nicht viel berichten, da ich mich gerade selber erst bewerbe. Da die Universität Pécs mittlerweile aber eine Kooperation mit dem Evangelischen Krankenhaus in Bielefeld führt, würde ich mein Studium höchstwahrscheinlich in Ungarn fortsetzen, falls es mit einem Wechsel nicht klappen sollte.

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