Ein Leben neben dem Schreibtisch

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Neulich bin ich beim Scrollen auf Facebook auf ein Bild gestoßen, was viele als echt lustig angesehen haben. Es war ein fotografierter Notizzettel von einer Medizinstudentin, die den Nachbarn erklärt, warum sie ihre Klingel ausgeschaltet hat und das Haus nicht mehr verlässt: nämlich, weil sie lernen muss. Monatelang. Examensvorbereitung. Ein guter Freund hatte – anders als alle anderen Kommentatoren – eine interessante Frage unter das Bild geschrieben: „Sind das die Ärzte, die wir später haben wollen? Kann ein Studium, dass solche pathologischen Verhaltensmuster erfordert, überhaupt sozialkompetente Ärzte hervorbringen?“

Diese Frage würde wohl jeder mit „Nein“ beantworten. Zeitgleich möchte ich auch zeigen, dass dieses Verhalten nicht notwendig ist. Ich studiere mittlerweile im achten Semester Medizin und nach wie vor in Regelstudienzeit, aber ich habe noch nie, auch nicht vor dem Physikum, meine Klingel und mein Handy abgeschaltet und mein Leben pausiert. Seinen Freundeskreis komplett zu verlieren lässt einen nach dem Studium ziemlich einsam zurück und gerade der Kontakt zu Nicht-Medizinern kann eine wahre Wohltat in Klausurenphasen sein.

Schon vor Beginn meines Studiums war ich ehrenamtlich sehr aktiv in der DLRG und meine Aufgaben dort sind seit Beginn des Studiums sogar mehr geworden. Aufgrund meines Studiums und meiner Erfahrung im Rettungsdienst bin ich dort inzwischen Beauftragte für Medizin. Neben dem Studium organisiere ich dort Kurse im Sanitätswesen und in der Ersten Hilfe und bestelle medizinische Ausrüstung nach. Aber auch die Freizeitaktivitäten des Vereins machen mir riesig Spaß und ich würde eingehen, wenn ich fürs Lernen Aktionen wie das Pfingstlager, große Übungen oder den Stammtisch streichen müsste. Selbst vor dem Physikum war für mich mindestens der wöchentliche Stammtisch absolut Pflicht und Balsam für meine Nerven. Mein Freundeskreis und der Kegelverein sind ebenfalls ein fester Bestandteil meines Kalenders und werden das auch in der Vorbereitung auf das zweite Staatsexamen bleiben.

Meiner Erfahrung nach ist eine totale Fokussierung auf die Medizin nicht besonders gesund und ich möchte ungern, noch bevor ich arbeite, den ersten Burn-Out haben. Das klingt jetzt vielleicht etwas übertrieben, ist es aber gar nicht. Einige Kommilitonen haben Hobbys, Freunde und Familie quasi vollständig aus ihrem Leben gestrichen und gut geht es denen nicht dabei. Übrigens haben die deshalb auch nicht unbedingt bessere Chancen ihre Klausuren zu bestehen. Ein gesunder Schlafrhythmus und Ausgeglichenheit sind nämlich mindestens genauso wichtig für eine erfolgreiche Prüfung, wie umfassendes Faktenwissen.

Sport ist übrigens auch eine hervorragende Ablenkung und ein guter Ausgleich zum Sitzen am PC und vor den Büchern. Also auf gar keinen Fall den seit der Kindheit geliebten Sportverein streichen, solange dieser noch mit Spaß verbunden ist. Manchmal ist es zwar sinnvoll sich aus der ersten Mannschaft streichen zu lassen, um etwas flexibler sein zu können und seine Teamkameraden nicht zu enttäuschen – aber das heißt ja nicht, dass man nicht zum Training gehen kann. Und wer nicht in der Nähe seiner Heimat studiert, tue ich übrigens auch nicht, dessen Familie möchte einen bestimmt auch ab und zu mal sehen.

Um zur Anfangsfrage zurückzukommen: Sozialkompetenz kann man weder in der Uni-Bibliothek noch am PC lernen. Dafür muss man seinen heiligen Schreibtisch doch mal verlassen und mit Menschen reden. Am besten mit nicht-Medizinern. Auch wenn uns das System Studium viel vorgibt und uns zum Lernen zwingt, haben wir die Medizin doch gewählt, weil sie uns Spaß macht. Lasst euch diesen Spaß an der Medizin nicht nehmen. Wir wollen ja schließlich mal gute Ärzte werden und nicht nur wandelnde Lexika.

Zusammengefasst, ja ein Leben neben dem Studium ist möglich. Und notwendig. Vergrabt euch nicht wochenlang in eurem Zimmer, sondern macht auch mal Pausen vom Lernen.

Eure Pia

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