Der Medizinstudent als Hypochonder

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Kopfschmerzen…

Meningeom? Astrozytom? Intrakranielle Volumenzunahme? Subarachnoidalblutung?

Gewichtsabnahme…

Bösartige Grunderkrankung? Tuberkulose? Autoimmunerkrankung?

Suspekte Hauteffloreszenz…

Malignes Melanom? Basalzellkarzinom?

Welcher Medizinstudent kennt diese Assoziationen nicht?

Seit dem ersten Semester, wenn nicht gar schon im Pflegepraktikum, schwirren einem sofort mögliche Differenzialdiagnosen schwerwiegendster Erkrankungen im Kopf herum, die einem den Angstschweiß auf die Stirn schwemmen.

Sehr gern wird beim ersten Wahrnehmen einer körperlichen Veränderung als erster Ansprechpartner das eigene Lehrbuch konsultiert, gefolgt von Online-Lernplattformen, Angehörigen – und nicht selten endet die Odyssee mit einem Termin beim Allgemeinmediziner. Manche Hausärzte können inzwischen sogar genau festlegen, in welchem Semester sich der ratsuchende Medizinstudent gerade befindet – allein aufgrund der Symptome, die dieser mit Bedenken und selbstverständlich nach ausführlicher Recherche äußert.

Beispiele für solche Konsultationen finden sich zahlreiche: Aus einer einfachen anatomischen knöchernen Normvariante am Handrücken wird nach zu intensiver Recherche ein Enchondrom oder ein Osteochondrom.

Auch kann ein „Muskelkater“ als beginnende Myalgie einer Polymyositis fehlinterpretiert werden.

Trockene Augen nach intensiver Bildschirmarbeit während der Vorbereitung aufs Staatsexamen oder Arbeit an der Promotion können selbstverständlich als ein Hinweis auf ein Sjögren-Syndrom gewertet werden; mindestens aber auf eine Sicca-Symptomatik hindeuten.

Richtig zufrieden ist man nach der offiziellen Versicherung der Harmlosigkeit der Beschwerden durch den Arzt mitnichten; vor allem nicht, wenn weder eine Laborabnahme oder eine Bildgebung erfolgt ist. Entrüstet stapft der Medizinstudent davon, recherchiert zu Hause oder in der Uni seine Symptome erneut und schläft darüber grübelnd ein, um sich am nächsten Tag im Praktikum oder in der Vorlesung wertvolle Anregungen für die Entwicklung weiterer möglicher Erkrankungen zu holen.

Es gibt unterschiedliche Ausprägungen der hypochondrischen Störung, welche zu den somatoformen Störungen (F45) gezählt wird. Dabei ist der Patient festen Glaubens, an einer schweren (zum Beispiel einer bösartigen) Krankheit zu leiden. Meist liegt die Fokussierung auf einem bestimmten Organsystem, tritt vornehmlich bei eher Jüngeren auf und zeigt keine Geschlechtsspezifität. Diese somatoforme Störung kann in einer Depression münden, sich dem Patienten in Form einer neuartigen, bizarren Körperwahrnehmung darstellen oder dazu führen, dass der Erkrankte zwanghaft befürchtet, aufgrund seiner (vermeintlichen) körperlichen Normabweichungen von Mitmenschen missbilligt zu werden.

Der hypochondrische Wahn, die Überzeugung, an einer schweren Erkrankung zu leiden, stellt wohl als inhaltliche Denkstörung den Gipfel der psychopathologischen Ausprägung dar.

Auf die wenigsten Medizinstudenten wird wohl eine der oben genannten Entitäten zutreffen. Ein gewisses „Sich-Sorgen“ um die Gesundheit steckt wohl in jedem Menschen und ist schützens- und erhaltenswert.

Dem angehenden Mediziner jedoch bietet das zunehmend reifende Wissen über physiologische Körperfunktionen und deren zahlreiche Pathologien einen perfekten Nährboden für hypochondrische Denkstrukturen.

Auch Nicht-Mediziner greifen beherzt zum Laptop und googeln Symptome, bis die Überzeugung, nur noch eine alsbaldige Vorstellung in der örtlichen – chronisch überlasteten – interdisziplinären Notaufnahme könnte Abhilfe schaffen, wie ein schwelendes Unheil im Kopf des Verängstigten spukt.

Die Fokussierung auf das Ziel „Ausschluss der Entität XY“ einer Erkrankung als führende Arbeitsdiagnose begünstigt die Entwicklung, dass Studenten im Studium als erstes an ein malignes Geschehen denken, welches als Damokles-Schwert über der eigenen körperlichen Integrität schwankt und dringend eine rasche medikamentöse, strahlentherapeutische oder operative Therapie benötigte.

So belastet man sich während des Studienalltags selber, in (fast) jeder Vorlesung, auch wenn es am Ende dann Erstgenannte Entdeckungen letztlich doch nur harmlose Symptome waren –

… einer leichten Dehydratation,

… durch zu viel Herumlaufen, stehendes Assistieren in Bleischürze im PJ und keine Zeit für Mittagspausen,

… ein Granulozytom durch Insektenstich.

Eure Jenny-Lou

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