Das Wesen eines Medizinstudenten

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„Gibt man einem Mathematikstudenten, einem Jurahochschüler und einem angehenden Mediziner ein Telefonbuch zum Auswendiglernen, …“

Die Auflösung dieses alten Kalauers dürfte jedem Medizinstudenten bekannt sein, liegt doch nach weitläufiger Ansicht im Bekanntenkreis die wesentliche Aufgabe während des Studiums (und darüber hinaus!) vermeintlich im Auswendiglernen zahlloser Arterienabgänge, Nervenverläufe, biochemischer Strukturformeln, Gewebeformationen, pathophysiologischer Zusammenhänge und vielen anderen Inhalten, deren Auflistung das Format des Blogs sprengen würde.

Man kreuzt für das zweite Staatsexamen schließlich auch noch etwa 8000 Examens-Altfragen, liest hunderte von Lernkarten und markiert Bücher so farbig, dass ganze Seiten komplett bemalt sind, sodass man sich das Anmarkern auch hätte sparen können. Ist das pure Auswendiglernen medizinischer Fakten das Wesen(tliche) eines Medizinstudiums und somit eines Medizinstudierenden? Weit gefehlt!

Der Medizinstudent ist immer auf der Hut, wenn er (oder sie selbstverständlich; im Folgenden wird aufgrund der besseren Lesbarkeit auf gendergerechte Sternchen, Gerundien, Endungen oder Doppelnennungen verzichtet, dies bittet die Autorin zu verzeihen) sich außerhalb der Bibliothek oder des heimischen Studierkämmerchens befindet:

„Beim Einkaufen; der Mann an der Theke, zeigt der nicht ein Duchenne-Hinken?

Oder die Frau dort hinten, mit der auffälligen Effloreszenz am dorsalen Unterschenkel, das sieht doch fast schon maligne aus?

Und wieso rauchen eigentlich so viele Leute noch? Sollte man nicht einmal… in irgendeiner Form intervenieren?“

Vielen Kommilitonen werden solche Gedankengänge bekannt vorkommen. Wahrscheinlich hat sich der ein oder andere schon – im Bekanntenkreis beispielsweise – ertappt, wie eine entschiedene Ansprache vor gesundheitsschädigendem Verhalten aufweisenden Personen mit dem Ziel der Primärprävention einen Keil der Dissonanz in die Runde schlug. Als Medizinstudent macht man sich nicht gerade beliebt, wenn man im Beisein seit jeher Fleischverzehrender während des Sonntagsmahls einen Vortrag über die Gefahren des Konsums roten Fleisches hält. Genauso wenig tragen regelmäßige Warnungen hinsichtlich etwaigen Rauchverhaltens zur Verbesserung des Sozialklimas bei.

Der Medizinstudent jedoch hat häufig den inneren Zwang zur Weltverbesserung. Seine Pedanterie macht es ihm nicht einfacher, Dinge zu akzeptieren, die ihm widersinnig, gesundheitsgefährdend und lebensgefährlich vorkommen. Dabei ist gerade hinsichtlich dessen die Ambivalenz in einem Medizinstudierenden unverkennbar ersichtlich, jedem bekannt und für einen gelungenen Freizeitausgleich unabdingbar:

  • Bestandene Prüfungen und Testate werden selbstverständlich trotz des Wissens um Leberzirrhose, gastrointestinale Erosionen, malnutritive Zustände, Denkstörungen und zahlreiche weitere Folgeerkrankungen des Alkohols gebührend mithilfe Ethanol-haltiger Substanzen gefeiert;
  • zig Zigaretten werden geraucht,
  • es wird täglich ohne Helm in letzter Minute gefährlich schnell zur Vorlesung geradelt,
  • das Motorrad und Auto genutzt,
  • Skigefahren, geritten, sich gesonnt und, und, und…

Diese scheinbare innere Zerrissenheit belastet den Medizinstudenten allerdings nur wenig; treffen sich Medizinstudierende, gehen ihnen nie die Gesprächsthemen oder die munteren Anekdoten aus. Es lässt sich kaum ein Studiengang ausmachen, der so vielfältige Einblicke in das Innere eines Menschen gewährt; der so interessant, spannend und manchmal auch sehr kurios ist. Jeder Tag in der Klinik ist neu, birgt Erfahrungen, Freuden und selbstverständlich auch den Umgang mit sehr ernsten Schicksalen, mit denen der Studierende umzugehen lernen muss.

Der Medizinstudent lernt also nicht nur sehr viele medizinische Fakten und Fächer, sondern tagtäglich mit anderen Mitmenschen und viel über sich selbst. Er hinterfragt zwar nicht, worin der Sinn liegen mag, den Citratzyklus, Triacylglycerinstoffwechsel und die Beta-Oxidation herunterbeten zu können (die man allesamt spätestens ab dem Tag nach dem Physikum in den allermeisten Fällen nicht mehr benötigt). Er ist aber im Grunde gutmütig genug, sich auch noch die kleinste Struktureinheit biochemischer, anatomischer und (patho)physiologischer Kausalitäten ins Gehirn zu zwängen.

All das macht keinen guten angehenden Arzt aus, gewiss nicht – aber warum sonst sollte der Medizinstudent all die Strapazen des langen Wegs zur Approbation auf sich nehmen, wollte er nicht wirklich als (guter) Arzt tätig werden?

Das Wesen eines Medizinstudenten ist nicht der Beruf – es ist seine Berufung, die ihn prägt.

Eure Jenny-Lou

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