Plötzlich Ärztin

Auf einmal halte ich meine Approbationsurkunde in der Hand. „Ärztin“ steht da drauf. Nach sechs Jahren Studium ist es endlich geschafft. Wenn ich jetzt zurückblicke, kommt es mir wie gestern vor, dass ich gemeinsam mit 46 anderen mehr oder weniger jungen Menschen mein Medizinstudium an der Universität Oldenburg begonnen habe.

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Photo courtesy of Elsevier / Colourbox

Nun sitze ich hier als „fertige“ Ärztin und frage mich, ob ich durch die vergangenen sechs Jahre nun wirklich optimal auf das, was nun kommt vorbereitet wurde. In weniger als einem Monat werde ich meine erste Stelle als Assistenzärztin in der Inneren Medizin beginnen – einerseits freue ich mich total darauf, das ganze erworbene theoretische Wissen nun endlich praktisch anwenden zu können, andererseits habe ich auch enormen Respekt vor der Verantwortung, die ich jetzt habe. Für das Leben anderer Menschen, in diesem Fall seiner Patienten, verantwortlich zu sein, ist eines der wenigen Dinge, die man meiner Meinung nach im Studium nicht lernt und auch nicht lernen kann. Ich denke mal, zu lernen, mit dieser Verantwortung umzugehen, wird sich mit zunehmender Berufserfahrung entwickeln. Zumindest hoffe ich das. Zum Glück hat man gerade als Berufsanfänger immer die Möglichkeit, Kollegen und Vorgesetzte um Rat zu fragen. Mit Rückblick auf mein eigenes Studium hier ein paar Tipps, wie man möglichst viel aus dem Studium im Hinblick auf die spätere ärztliche Tätigkeit mitnehmen kann.

1. Praktische Erfahrungen sammeln, wann immer sich dazu die Möglichkeit bietet

Bei uns wurde während des gesamten Studiums schon vom ersten Semester an viel Wert auf Patientenkontakt und praktische Fertigkeiten gelegt. In den angebotenen Untersuchungskursen wurden uns Untersuchungstechniken gezeigt, die wir dann gegenseitig an uns üben konnten und am Ende jedes zehnwöchigen Moduls Praktika in allgemeinmedizinischen Praxen und Kliniken anwenden konnten. Hier ist es auch hilfreich, sich privat mit Kommilitonen/innen zum Üben zu treffen!

2. Sei offen für alle Fachrichtungen und versuche, in möglichst viele Bereiche reinzuschnuppern

Hierzu kurz meine eigene Erfahrung: Als ich angefangen habe zu studieren, fand ich Allgemeinmedizin einfach nur langweilig und hätte mir nie vorstellen können, jemals in diesem Bereich arbeiten zu wollen. Chirurgie, das hörte sich für mich toll und spannend an, es stand für mich außer Frage, dass ich Chirurgin werden wollte! Nach einigen Praktika, Famulaturen und schließlich dem PJ-Tertial Chirurgie die Ernüchterung: lange Arbeitszeiten, viel Stress, Nachtschichten, schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Belastungen, keine Vereinbarkeit mit Familien- und Freizeitleben, kaum Kontakt zu wachen Patienten, etc. In den Allgemeinmedizin-Praktika hingegen Zeit für die Patienten, ein breites Spektrum an Erkrankungsbildern und eine langdauernde Begleitung von Patienten. Als PJ-Wahltertial habe ich dann letztendlich Allgemeinmedizin gewählt und ich musste feststellen, dass mir diese Art zu arbeiten deutlich mehr zusagt, als die Erfahrungen aus den Kliniken, sodass ich nun eine Tätigkeit als allgemeinmedizinisch tätige Internistin anstrebe.

3. Nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen

In der Schule hast du immer zu den besten gehört? Immer nur Einsen geschrieben? Nun, wenn du diesen Anspruch auch während des Studiums weiterverfolgst, wirst du sehr schnell sehr unglücklich, frustriert und vor allem einsam sein. Zumal nach den Noten während des Studiums nachher bei Bewerbungen in der Regel keiner mehr fragt… Hier ist höchstens noch, wenn überhaupt, die Note des Staatsexamens relevant. Also, vergiss neben dem Studium das Leben nicht! Soziale Kontakte, Freunde, Familie und Freizeit sind mindestens genauso wichtig wie das Studium und sind vor allem ein guter Ausgleich!

4. Fragen, fragen, fragen!

Es gibt keine dummen Fragen, und als Student/in hast du das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, zu fragen, wenn dir was nicht klar ist. Keine Dozierenden oder Ärzte, mit denen du in den Praktika zu tun hast, werden dich wegen vermeintlich dummer Fragen an den Pranger stellen oder dich für unfähig halten. Fragen zeugen von Interesse und Motivation! Und wenn du ganz mutig bist, traue dich auch durchaus mal, etwas zu hinterfragen. Auch fertige Ärzte haben nicht immer Recht und durch kritisches Hinterfragen konnte ich während einiger Praktika schon den ein oder anderen Anstoß dazu geben, Therapieoptionen oder Diagnosen nochmal zu überdenken…

5. Mache nichts, was deine Kompetenzen übersteigt, lass dich aber auch nicht für unliebsame Tätigkeiten „ausnutzen“

Du bist nicht verpflichtet, alles zu tun, was Ärzte dir im Praktikum „auferlegen“. Wenn du dich dazu noch nicht in der Lage fühlst, frage, ob man dir das nicht vielleicht einmal zeigen kann oder du die Tätigkeit unter Aufsicht machen kannst. Dinge, die dir als Student*in nicht erlaubt sind, kannst du getrost mit ebendieser Begründung ablehnen, das musst du sogar, sonst kannst du, wenn was schief geht, echt in Schwierigkeiten kommen. Besonders Blutabnehmen und Zugänge legen sind gerne delegierte Tätigkeiten. Das solltest du auf jeden Fall nutzen, da es sich hierbei natürlich um ärztliche „Basics“ handelt, die jeder sicher beherrschen sollte. Aber auch hier gilt es, ein gesundes Maß zu finden und im Zweifel auch Grenzen zu setzen. Es kann nicht Sinn der Sache sein, dass Studierende den ganzen Tag mit Blutabnehmen beschäftigt sind, und dadurch nicht bei Visiten, Operationen oder Untersuchungen mitmachen können. Denn auch das ist wichtig zu lernen, auch wenn man da gelegentlich nur als Zuschauer bzw. Zuhörer danebensteht und sich unter Umständen nutzlos und überflüssig fühlt. Aber nur so kann man es lernen!

6. Stell dich mit dem Pflegepersonal gut

Die haben nämlich meist den besten Überblick, wann und welche Untersuchungen bei den Patienten anstehen und sagen den netten Studierenden dann auch gerne mal Bescheid, wenn ein/e Patient*in zu einer Untersuchung oder Operation abgeholt wird. Und wenn man am Ende eines Praktikums dem Ärzteteam zum Dank eine Kleinigkeit ausgibt auch das Pflegepersonal nicht vergessen! Man sieht sich doch recht oft zweimal im Leben und da ist es sinnvoll, positiv in Erinnerung zu bleiben!

Eure Diana

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