…was man in den Praktika abgesehen vom medizinischen noch alles lernen kann

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Während des Medizinstudiums werden einem derzeit vier Pflichtfamulaturen vorgegeben. Davon muss man zwei in einem Akutkrankenhaus, eine in einer Arztpraxis oder respektive in einer Ambulanz eines Krankenhauses und eine Hausarztfamulatur ableisten. Während der Krankenhausfamulaturen aber speziell auch während des Praktischen Jahres merkt man bald, dass es während dieser Praktika nicht immer darum geht sich medizinisch weiterzubilden, sondern oft auch das Zwischenmenschliche, sowohl mit den Patienten, als auch mit den Ärztekollegen aber auch mit der Pflege ein wichtiger Faktor darstellt.

Der zwischenmenschliche Aspekt ist prinzipiell immer vorhanden, auch wenn es einem nicht direkt bewusst ist. Auch beim Faktor Mensch bzw. Patient spielt dieser eine große Rolle. Manchmal kommt es vor, dass man sich ein Fach super interessant vorstellt und sich freut auf diese oder jene Station zu kommen und dann ist man total enttäuscht, weil die Stimmung untereinander (sowohl Pflege als auch Ärzte) schlecht ist und sich das auch auf das Arbeitsklima überträgt. Gerade als Student ist man oft in einem Zwiespalt zwischen „bald mit dem Studium fertig und Arzt sein“ und „ich bin ja nur der Student“. Gegenüber den Ärzten erübrigt sich dieser Rollenkonflikt sehr schnell, denn ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie einem sehr schnell zeigen, ob sie einen als zukünftigen Kollegen oder als Student – der die Arbeit machen soll, die sonst niemand machen will – ansehen. Manchmal muss man sich bei den Ärzten die Akzeptanz und das Ansehen durch Leistung erst erarbeiten.

Bei der Pflege verhält es sich genauso, die einen sehen einen als Student, der ohnehin nichts kann und lieber mal lernen soll Blut abzunehmen, die anderen Schwestern und Pfleger kommen bei alltäglichen Fragen auch zu einem und fragen was man in diesem oder jenem Fall machen soll. Gerade diese Vielfalt an Menschen mit denen man tagtäglich bei der Arbeit im Krankenhaus zu tun hat, macht es spannend und verlangt von einem eine gewisse empathische Fähigkeit sich auf die verschiedene Charaktere einzulassen und einzustellen.

Wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle: Als Student möchte man mit dem Notarzt mitfahren und hofft auf interessante Fälle. Man möchte bei einem Schockraum dabei sein, einerseits um aus medizinischer Sicht die Abläufe und das Management kennenzulernen, andererseits natürlich auch weil es Spannung und Action bedeutet. Wenn man es von der anderen Seite betrachtet, bedeutet diese Art von Action aber auch immer, dass es um ein Menschenleben geht und alles was dahinter steckt (Familie, Freunde,…). Ich kann mich an einige Schockräume und Notarzteinsätze erinnern, die ich so schnell nicht vergessen werde.

Die alte Dame zum Beispiel, die eigentlich nur zum Friseur gehen wollte, im Anschluss an den Friseurbesuch die Treppe runterstürzte, eine Hirnblutung hatte, mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde und zur Organspenderin wurde. Der andere Fall war, dass ich zu einer Reanimation in den Schockraum dazugerufen wurde und ich fragte, was ich tun kann. Kurz danach stand ich neben dem Patienten, führte die Herzdruckmassage durch und ging im Kopf nochmal das Schema durch wie man es gelernt hat, damit man in dieser realen Situation nichts falsch macht. Auf einmal wird einem klar, dass da nicht eine Puppe liegt, so wie im Training oder der AINS-Prüfung, sondern ein Mensch mit einer Geschichte. Vielleicht hat er Kinder oder gar Enkelkinder? Man steht da, vergisst die Zeit und hofft bei jeder Rhythmusanalyse, dass das Herz doch wieder anfängt zu schlagen. Dann, nach einiger Zeit und nach einer Absprache im Team, wurde beschlossen die Reanimation zu beenden. Es ist ein komisches Gefühl und man fragt sich, ob man gewisse Sachen anders hätte machen können, um den Ausgang ins Positive zu wenden.

Da sind die Notarzteinsätze, bei denen „leblose Person“ schon auf dem Piepser steht und man sich auf der Fahrt zum Wohnort fragt, was einen nun erwartet. Man sieht die Angehörigen, hilflos und traurig neben dem toten Vater stehend und wünscht sich irgendwas tun zu können. Es sind die Einsätze, die man so schnell nicht vergessen wird und auch wenn wir mit der Zeit die Namen der vielen Patienten vergessen, so bleibt die Geschichte vielleicht doch in Erinnerung.

Dem gegenübergestellt sind die anderen Schicksale, die nicht akuten aber deswegen nicht weniger dramatischen, mit denen man lernen muss umzugehen und teilweise auch den Angehörigen das Richtige im richtigen Moment sagen zu lernen. Zum Beispiel die Frau um die 60, die sich vor einem halben Jahr eine neue Wohnung gekauft hat und der nun beide Unterschenkel amputiert werden mussten. Der Gerüstbauer auf Montage, der aus zehn Metern Höhe auf den Boden stürzt und ab der Hüfte abwärts nun gelähmt ist. Der Frau, die gerade erst in Pension ging und  voller Hoffnung bei neoadjuvant vorbehandeltem Magen-Ca mit guter Histologie zur Magenresektion kommt und im Anschluss über 80 Tage auf der Intensivstation liegt und die Prognose infaust ist. Den vielen alten Menschen auf internistischen Stationen, bei denen man weiß, dass es keine kurative Therapie gibt und man nach einigen Wochen, nachdem man vielleicht schon wieder die Station gewechselt hat, die Todesanzeige in der Zeitung sieht.

In meinen Augen ist die Medizin viel mehr als das was man in der Uni lernt. Es ist der Umgang mit den Patienten und deren Angehörigen den man nicht bewusst lernen kann, aber der einem vielleicht mit der Zeit einfacher erscheint. Es sind die Herausforderungen, die einem jeden Tag begegnen, sowohl medizinisch als auch zwischenmenschlich. Schlussendlich sollten wir in meinen Augen mit den Patienten und deren Angehörigen immer so umgehen, wie wir es selber auch erwarten oder erhoffen würden, wenn wir mal Patient sind oder unsere Eltern, Großeltern oder Geschwister. Ebenfalls ist ein kollegialer Umgang mit den Kollegen, unabhängig vom Dienstgrad oder in welchem Verhältnis sie zu einem stehen, enorm wichtig für ein gutes Arbeitsverhältnis und erleichtert den Alltag ungemein.

Eure Eva

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