Meine erste Famulatur im schweizerischen Luzern

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Für meine erste Famulatur wählte ich das Luzerner Kantonsspital in der Schweiz und tauchte für fünf Wochen in die chirurgischen Tiefen einer sogenannten „Typ-A-Versorgungsklinik“, sprich Hochversorgungsklinik, ein. Die Wahl Luzerns traf ich durch das Durchblättern von traumhaften Landschaftsaufnahmen im Internet und die Worte einer Freundin, dass das Spital sehr fortschrittlich sei.

Meine ersten zwei Wochen führten mich auf die Herz-Thorax-Gefäß-Chirurgie, ein mir bis dahin noch wenig geläufiges Fachgebiet. Der erste Tag auf Station war mehr, als turbulent. Kaum jemand hatte Zeit, mich mit meinen Stationsaufgaben vertraut zu machen, geschweige denn die genutzten Computerprogramme, wie MedFolio, PEP und Notes, zu erklären. „Learning by doing“ war hier die Devise. Die anderen Unterassistenten, 99% von ihnen bereits im PJ, teilten sich auf die anstehenden Operationen auf und hatten auf anderen Stationen Patienten aufzunehmen. So bekam ich von der Stationsärztin nur eine Liste mit den aufzunehmenden Patienten in die Hand gedrückt, mit den Worten: „Hier, das sind deine, die statest du heute.“ Kleine Vokabularhilfe: „staten“ auf schwitzadütsch heißt so viel, wie „aufnehmen“, sprich einen „Status erheben“.

Da ich bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Patienten klinisch selbständig aufgenommen hatte, ging ich voller Neugier und Nervosität zu meinem ersten Patienten. Dank des Untersuchungskurses seit dem ersten Semester, bekam ich, sowohl Anamnese, als auch die klinische Untersuchung, gut über die Bühne. Des Weiteren war ich sehr erleichtert, einer angenehmen, offenen Dame gegenüber zu stehen, deren Dialekt ich Gott-sei-Dank größtenteils verstand. Auch auf sprachliche Nachfragen hin, wiederholte Sie sich langsam und grinste breit. Ich glaube jeder, der zum ersten Mal in der Schweiz war, weiß, wovon ich rede und wie sehr man sich anfangs anstrengen muss, um alles zu verstehen. Immerhin hatte ich bereits zwei Monate Vorsprung, da ich nach meinem ersten Semester, zwei Monate Krankenpflegepraktikum im Bethesda Spital in Basel absolvierte.

Nach der Anamnese und klinischen Untersuchung der Patienten trug ich alles ins Schweizer-SAP, das sogenannte MedFolio, ein und übergab diese an den zuständigen Kardiologen oder den zuständigen chirurgischen Assistenzarzt. Im Laufe der Zeit arbeitete ich glücklicherweise immer routinierter. Auch bei der klinischen Untersuchung hielt ich mich nach und nach an mein eingespieltes Schema, um nichts zu vergessen. Der erste Tag ging durch das Staten zahlreicher Patienten und durch die vielen neuen Eindrücke ruckzuck vorbei.

An den folgenden Tagen standen sehr viele und vor allem lange Operationen an. Darunter waren viele Bypass-, Aortenklappenersatz- und Aneurysma-Operationen. Die doch sehr speziellen, eher angespannten Herzchirurgen prüften mich durch Wissens- und operative Vorgehensfragen täglich und forderten mich, Sachen nachzulesen und am nächsten Tag parat zu haben. Innerhalb von Stunden lernte ich Begriffe, wie Langenbeck, DeBakey, Kocher, Mikulicz, Overholt, Roux-Haken, Nadelhalter nach Mathieu und vieles mehr zuzuordnen. Im „Ops“, wie die Schweizer für OP zu sagen pflegen, durchlebte ich zahlreiche Premieren: so zum Beispiel das Anschließen einer Herz-Lungen-Maschine, pump-off-Herzoperationen und den Einsatz von cell savers und der sogenannten „activated clotting time“ als Verlaufsparameter.

Auf Station durfte ich Thoraxdrainagen und Pacemaker-Kabel ziehen und den zahlreichen, täglichen Visiten und Fortbildungen lauschen. Zum Fortbildungsprogramm zählte auch der tägliche Röntgenrapport um 16:00, bei dem alle neu aufgenommenen Patienten einschließlich ihrer Bildgebung mit einem erfahrenen Radiologen besprochen wurden. In diesem Rahmen war es meine Aufgabe, die täglich aufgenommenen Patienten kurz und bündig vorzustellen. Für mich war das Reden vor einem größeren, medizinisch versierten Publikum eine Premiere.

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