Famulaturstipendium in München – jederzeit wieder

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„Ich freue mich, Dir mitteilen zu können, dass nach Abstimmung des Jungen Forums die Famulaturreise des Jungen Forums an dich geht.“ – Ich musste die Zeile dieser E-Mail dreimal lesen bis ich glauben konnte, womit ich eigentlich schon gar nicht mehr gerechnet hatte: ich würde einen Monat in München Großstadtluft schnuppern und dabei von einem der besten Chirurgen dieses Fachs in die Geheimnisse der Schulterchirurgie eingeführt werden.

Voller Vorfreude packte ich im beschaulichen Erlangen meine Koffer und machte mich auf in unsere schöne Landeshauptstadt. Ich war sehr gespannt und hatte hohe Erwartungen. Aber ich hätte nie gedacht, dass sie bei weitem übertroffen werden würden.

Gleich an meinem ersten Tag in der Orthopädischen Chirurgie München wurde ich von den Arzthelferinnen freundlich empfangen. Besonders Tanja und Nadine, die für Prof. Wiedemann die OP-Planung machen, nahmen mich wie große Schwestern unter ihre Fittiche, zeigten mir alles und teilten aufgrund von chronischer Raumnot auch ihren Spind mit mir. Nachdem ich mit einem Poloshirt mit aufgesticktem Praxislogo ausstaffiert worden war, fühlte ich mich gleich dazugehörig und alle meine Bedenken, die ich wegen des ersten Tages so hatte, waren wie weggeblasen.

Prof. Wiedemann gab mir auch von Anfang an das Gefühl, dass ich als „junge Kollegin“ ein Teil des Praxisteams bin und wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut, was vor allem an seiner freundlichen und unkomplizierten Art lag. Neben der hohen fachlichen Professionalität begeisterte mich die lockere Atmosphäre in seinem Team.

Am ersten Tag im OP führte er mich mit viel väterlicher Geduld in die hohe Kunst des „Steril-bleibens“ ein und ließ mich gleich assistieren. So lernte ich Schritt für Schritt den Umgang mit dem Arthroskop und entwickelte nach und nach ein Gefühl für Orientierung im Schultergelenk. Anfangs waren die Dimensionen und Sichtweisen sowie die intraartikuläre Anatomie noch ungewohnt. Nach einigen Tagen fühlte ich mich aber sehr viel sicherer in der Handhabung des Arthroskops und ich konnte die einzelnen Schritte der Operation immer besser nachvollziehen. Prof. Wiedemann traute mir unheimlich viel zu und ermutigte mich dazu, mit Hand anzulegen, sodass ich so manchen operativen Arbeitsschritt unter seiner Aufsicht selbst machen durfte.

So lernte ich, dass Lassos nicht ausschließlich Cowboys vorbehalten sind und meinen ersten selbst gesetzten Fadenanker werde ich auch so schnell nicht vergessen.

Das Highlight der OP-Woche war allerdings der „Prothesen-Tag“. Die offenen Operationen ermöglichten mir einen eindrucksvollen Blick auf die Anatomie der Schulter und beim Setzen der TEPs hatte ich das Gefühl, dass ich mich auch richtig nützlich machen konnte. Ich hatte so viel Spaß dabei, dass die Zeit wie im Flug verging.

Nach einem spannenden Tag im O.P. stand meist noch die Schultersprechstunde in der Praxis auf dem Programm. Von Profisportlern bis hin zu rüstigen Rentnern war hier nahezu alles vertreten, sodass sich die Untersuchungen sehr abwechslungsreich und interessant gestalteten. Ab und zu „verirrte“ sich auch mal ein Ellenbogen zu uns. Für mich war es sehr eindrucksvoll, dem routinierten Arzt bei seiner Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes „über die Schulter zu schauen“.

Trotz des straff organisierten Terminplans nahm Prof. Wiedemann sich sehr viel Zeit, um mir alles, was ich wissen wollte, zu erklären und nachdem ich einige Male zugesehen hatte ermutigte er mich auch dazu, selbst am Patienten Hand anzulegen, um ein Gefühl für die Untersuchungstechniken zu entwickeln. Dabei zeigte er mir die Besonderheiten der verschiedenen Funktionstests für unterschiedlichen Muskeln und Strukturen des Schultergürtels und verriet mir viele seiner Tipps und Tricks. Die anfängliche Scheu, etwas falsch zu machen, wich so schon sehr bald der Freude am Erfolgserlebnis, wenn ich es schaffte, selbstständig auf die richtige Diagnose zu kommen.

Nach der Sprechstunde gingen wir noch auf einen „Visiten-Spaziergang“ in die benachbarte Sana Klinik, wo uns die Patienten des OP-Tages schon wieder putzmunter erwarteten. Auch hier nahm sich Prof. Wiedemann wieder viel Zeit, hörte sich geduldig die Sorgen und Fragen der Patienten an und erklärte mir ausführlich alles Wichtige zu den jeweiligen Krankheitsbildern und Symptomen.

Als besonders eindrucksvoll empfand ich, dass ich die Krankengeschichte vieler Patienten von ihrer ersten Vorstellung in der Sprechstunde, in der sie ihre Beschwerden schilderten, über die Operation bis hin zur postoperativen Nachkontrolle hautnah mitverfolgen konnte. Die rasche Besserung der Beschwerden, die sich nach erfolgreichem Eingriff meist einstellte, empfand ich als ungeheuer motivierend und es bereitete mir große Freude, die unmittelbaren Erfolge der Arbeit sehen zu können.

Damit ich auch in seiner Abwesenheit möglichst viel lernen konnte, ermunterte Prof. Wiedemann auch seine Kollegen im OCM, mich einmal zu ihren jeweiligen Operationen mitzunehmen. So wurde ich Augenzeuge, wie Dr. Hube routiniert seine Hüft-TEPs mit einer „Schnitt-Naht“-Zeit von einer halben Stunde setzte und Prof. Mayr gab mir die Möglichkeit, ihm bei zwei Knie-TEPs zu assistieren.

So konnte ich auch einmal in die anderen Gelenke „reinschnuppern“ und interessante Eindrücke und praktische Erfahrungen sammeln die mich ebenfalls in meinem Wunsch, später einmal im orthopädisch-unfallchirurgischen Fachbereich zu arbeiten, bestätigt haben.

Neben der klinischen ärztlichen Tätigkeit durfte natürlich auch die wissenschaftliche Arbeit nicht zu kurz kommen. Als Prof. Wiedemann einen Vortrag beim Schulterkurs im Klinikum Rechts der Isar hielt, durfte ich mit, um mir einen Überblick über aktuelle Studien und Forschungsergebnisse zu verschaffen. Ich fand die Kongressbeiträge aufgrund des Anwendungsbezugs, den ich jetzt durch die Erfahrungen, die ich während der Famulatur gesammelt hatte, herstellen konnte, umso spannender und freute mich sehr, dass ich von den erfahrenen Fachärzten so freundlich und kollegial aufgenommen wurde.

Auch was den Freizeitausgleich anging wurde ich liebevoll umsorgt, sodass ich mich vom ersten Tag an in München sehr wohl und gleich wie zu Hause fühlte. So bekam ich gleich in meiner ersten Woche eine Einladung zum OCM-Sommerfest, worüber ich mich natürlich sehr gefreut habe. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde noch weiter gestärkt, als Prof. Wiedemann sein Team und mich zu einem geselligen Abend bei einem lauschigen Italiener einlud. Das Highlight war allerdings ein gemeinsamer Besuch des Oktoberfests, das praktischerweise in den Zeitraum meiner Famulatur fiel. Da die meisten Gäste am Tisch Teilnehmer von Prof. Imhoffs Schulterkurs waren, traf ich viele alte Bekannte und lernte auch einige neue Leute kennen. Es war auf jeden Fall eine einmalige Erfahrung für mich als Nicht-Münchnerin und ich hatte eine tolle Zeit.

Besonders gefreut habe ich mich, neben einer Ausgabe des „Codman“ als Abschiedsgeschenk, über das Angebot von Prof. Wiedemann, in den Ferien bei ihm als OP-Assistent arbeiten zu können und für mich steht auf alle Fälle fest, dass ich wieder kommen werde.

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