Famulatur in Sibirien

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Da ich in Moskau geboren wurde und Russisch meine Muttersprache ist, habe ich mir letztes Jahr gedacht: „Warum nicht den Vorteil ausnutzen und in Russland famulieren?“ Ein guter Freund meines Vaters arbeitet als Chirurg in einem Krankenhaus in Krasnojarsk (Sibirien) und hat bei der Vermittlung geholfen. Er hat mir die Kontaktdaten der Ansprechperson, die für die Praktika zuständig ist, gegeben und so konnte ich die Famulaturplanung starten. Ich habe mir die Stadt Krasnojarsk als Zielort ausgesucht, da ich dort Freunde habe, bei denen ich während der Famulatur wohnen konnte. Außerdem habe ich einen großen Teil meiner Kindheit in Sibirien verbracht und der sibirische Winter mit den -40°C Temperaturen hat mich nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Ich habe mich endlich auf Schnee an Weihnachten gefreut.

Die Kommunikation mit dem zuständigen Ansprechpartner in Russland erfolgte per Email und Telefon und ging problemlos und schnell. Der Mann war sehr freundlich und versicherte gleich, dass ein Praktikum möglich ist. Da das russische Medizinstudium wohl ganz anders aufgebaut ist, sollte ich eine genaue Beschreibung der Famulatur einreichen, da er sich zunächst darunter nichts vorstellen konnte. Der größte Horror war die Menge der Atteste, die ich vorweisen musste. Vor dem Antritt der Famulatur musste ich mich ungefähr von jedem Facharzt durchchecken lassen, um zu beweisen, dass ich weder psychische noch andere gesundheitliche Störungen habe, die eventuell gegen das Absolvieren der Famulatur sprechen würden. Ich musste mich zum Beispiel beim Dermatologen, Gynäkologen, Neurologen, Psychiater, Radiologen und meinem Hausarzt vorstellen. Ich fand es zwar etwas übertrieben, aber dafür wusste ich dann wenigstens am Ende, dass ich zu 100 % gesund bin! J All diese Atteste musste der Hausarzt am Ende in eine einzige Bescheinigung packen, die anschließend von einem Dolmetscher ins Russische übersetzt wurde.

An meinem ersten Famulaturtag habe ich mich zunächst beim Praktikumskoordinator vorgestellt und alle Bescheinigungen vorgelegt. Ich durfte mir dann eine Abteilung aussuchen und habe mich für 2 Wochen Gefäßchirurgie entschieden. Während der anderen 2,5 Wochen bin ich durch verschiedene Abteilungen rotiert und habe mir unterschiedliche Fachbereiche angeschaut.

Nachdem mich die Chefärztin der Gefäßchirurgie auf Station empfangen hat, hat sie mich Ihren Kollegen vorgestellt. Einer der Kollegen hat mich durch die Patientenzimmer geführt und etwas über die Krankheitsbilder erzählt, mit denen sie es dort zu tun hatten. Grundsätzlich muss man sagen, dass ich auf Station die ganzen zwei Wochen wirklich nichts zu tun hatte, ich fand es sehr schade. Die Blutabnahme gehört in Russland zu den Aufgaben der Schwestern und eine Visite hat auch nicht wirklich stattgefunden. Jedoch gab es jeden Morgen eine Frühbesprechung unter allen chirurgischen Fachrichtungen, zu der mich die Chefärztin immer mitgenommen hat. Dort wurden die schwierigen Fälle und die Neuaufnahmen vorgestellt. Außerdem durfte ich bei fast allen OPs assistieren. Ich habe hauptsächlich Hacken gehalten, manchmal geknotet und auch Blutungen gestillt. Die OP-Räume im Krankenhaus waren nicht so modern ausgestattet, trotzdem waren alle nötigen Instrumente und Geräte da. Direkt bei der ersten OP ist mir etwas wirklich Peinliches passiert. Ich habe der Chefärztin und einem Oberarzt bei einer Thrombendarteriektomie assistiert und als wir mit der OP schon fast fertig waren, wurde mir richtig schwarz vor Augen. Mit tief Luft holen wurde es jedoch nicht besser. Natürlich habe ich direkt Bescheid gesagt und musste abtreten, bin schließlich zu Boden gefallen und der Anästhesist und ein Pfleger haben mich aus dem OP-Raum rausgetragen und auf ein Bett neben einem offenen Fenster gelegt. Ich kam direkt wieder zu mir, aber mir war es natürlich super unangenehm! Die Chefärztin hat mich jedoch beruhigt und gesagt, dass auch Männer schon in Ohnmacht gefallen sind. Das liegt daran, dass die Klimaanlage im OP-Raum nicht richtig funktioniert. Deshalb operieren sie zwar alle mit Mundschutz, ziehen diesen aber leicht runter, um durch die Nase atmen zu können, was natürlich nicht so toll ist.

Die restlichen 2,5 Wochen habe ich auf der Verbrennungsintensiv, in der Orthopädie, in der septischen Chirurgie und in der Thoraxchirurgie verbracht. Die Ganzkörperverbrennungen zu sehen hat mich sehr schockiert aber auch gleichzeitig für die plastische Chirurgie begeistert. Die Wundversorgung wurde zum Teil in Narkose durchgeführt. Auch in dieser Fachabteilung durfte ich bei OPs assistieren und sogar meine erste kleine OP fast alleine durchführen. Bei der Patientin, die ich operiert habe, ist das Chemotherapeutikum para gelaufen, das Wundgewebe musste entfernt werden und mit einem Meshgraft, welches ich vom Oberarm entnommen habe, versorgt werden. Ich war super aufgeregt und die Entnahme des Hauttransplantats ist mir zunächst nicht ganz gelungen. Genau in diesem Moment kam natürlich der Chefarzt der plastischen Chirurgie in den OP-Saal haha J Aber beim zweiten Mal hat dann alles super funktioniert.

Ein weiteres Highlight-Erlebnis habe ich in der Thoraxchirurgie gehabt. Der Assistenzarzt, mit dem ich unterwegs war, wurde auf die Intensivstation zu einem Patienten mit beidseitigem Pleuraerguss und Atemnot gerufen. Der Assistenzarzt schaute mich an und fragte, ob ich schon mal eine Pleurapunktion durchgeführt habe. Ich war so aufgeregt und habe mich gleichzeitig aber total gefreut, als er gesagt hat, dass er zuerst auf einer Seite punktieren wird und ich anschließend auf der anderen. Ich hatte solche Angst die Lunge zu schädigen, weil ich „blind“ nur mithilfe der Perkussion und ohne Ultraschallkontrolle punktiert habe. Es hat aber super funktioniert! Auf der septischen Chirurgie wurde ich einmal von der OP-Schwester aus dem Zimmer rausgeworfen, in dem immer der Verbandswechsel stattgefunden hat, da ich keine OP Haube und keinen Mundschutz anhatte. Dort ist es halt nicht selbstverständlich, dass überall auf den Gängen und in den Zimmern Desinfektionsmittel, Hauben, Handschuhe und Mundschutz zur Verfügung stehen. Viele bringen ihre eigenen Sachen mit ins Krankenhaus. So musste ich mich erst mal auf die Suche nach einer Haube und einem Mundschutz machen, bevor ich dann wieder ins Zimmer zum Verbandswechsel konnte.

Abschließend kann ich sagen, dass ich sehr froh darüber bin, in Russland famuliert zu haben. Ich finde man sollte sich auf jeden Fall auch andere Gesundheitssysteme anschauen, um zu sehen, wie die Gesundheitsversorgung in den anderen Ländern funktioniert. Es war eine super Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Eure Angelina

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