Famulatur in Großbritannien: Mein Erfahrungsbericht

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Da ich gerne mein Englisch verbessern und ein anderes medizinisches System kennenlernen wollte, habe ich mich für die Sommersemesterferien im September 2013 für eine Famulatur auf einer nephrologischen Station in einem Krankenhaus in der Nähe von Leeds in Nordengland beworben.

Es war leider nicht ganz einfach, überhaupt einen Famulaturplatz zu bekommen, da das Studium an englischen Unis komplett anders aufgebaut ist und die Engländer deshalb mit dem Begriff „Famulant“ nichts anfangen können. Nachdem ich dann eine Zusage der Personalabteilung hatte, wurde mir mitgeteilt, dass ich vor Ort eine ausführliche medizinische Untersuchung machen sollte, die mich insgesamt 200 Pfund kosten sollte. Gott sei Dank war es möglich, zumindest einige Untersuchungen auch vom Betriebsarzt meiner Uni schon in Deutschland durchzuführen, sodass ich letztendlich „nur“ die Hälfte bezahlen musste.

In England angekommen war vor allem der Kleidungsstil der Ärzte, an den man sich auch als Student anpassen musste, etwas ungewohnt: Turnschuhe oder Jeanshosen sind ein absolutes No-Go. Es wird erwartet, dass man sich eher elegant kleidet. Sprich schicke Schuhe, Rock und Bluse oder schickere Hose bzw. als Mann Anzugshose und Hemd. Arztkittel wurden im Krankenhaus eigentlich nicht getragen. Meine Arbeitszeiten waren montags bis freitags von neun bis siebzehn Uhr. Allerdings konnte ich häufiger auch schon um sechszehn Uhr gehen. Am Wochenende hatte ich dann Zeit, mit dem Auto die umliegenden Städte zu erkunden.

Das medizinische System in England ist völlig anders organisiert als in Deutschland: Die NHS (National Health System) wird staatlich durch Steuergelder finanziert und nicht wie bei uns über die Sozialversicherung, und ist zuständig für die ambulante und stationäre Versorgung. Dementsprechend gibt es nur relativ wenig Spielraum was die medizinische Behandlung angeht, da die NHS praktisch „von oben“ Richtlinien festlegt. Ein anderer Unterschied zu Deutschland besteht darin, dass es kein strenges hierarchisches System, und somit auch keinen Chefarzt, Oberarzt oder Assistenzarzt, gibt. Als englischer Student im fünften Jahr arbeitet man bereits mit auf der Station und bekommt auch schon ein Gehalt. Hat man dann das Studium abgeschlossen, arbeitet man als „Postgraduate“. Als Facharzt kann man sich dann auf eine Stelle als „Consultant“ bewerben. Als Consultant betreut man zwar neben der Ambulanz („clinics“) auch Stationen, allerdings eher tageweise. Das heißt, dass innerhalb einer Woche jeden Tag ein anderer Consultant für die Versorgung der Patienten zuständig ist, was meiner Meinung nach nicht so viel Sinn macht, da die Patienten immer mit unterschiedlichen Ärzten zu tun haben.

Das Krankenhaus
Das Krankenhaus

Als Famulantin durfte ich zwar leider selbst außer Blutentnahmen nicht so viel auf Station mithelfen, allerdings bekam ich mehrmals die Woche gemeinsam mit anderen Studenten in einer kleinen Gruppe von einem Consultant Unterricht am Patientenbett. Außerdem durfte ich frei aussuchen, in welche „clinics“ (z.B. Patienten nach einer Transplantation oder Dialysepatienten) ich mitgehe. So hatte ich die Möglichkeit, einen Consultant einen kompletten Vor- oder Nachmittag zu begleiten und extrem viele Patienten zu sehen. Nach Absprache durfte ich einen Postgraduate- Arzt auch bei einem Nachtdienst begleiten, was extrem spannend war. Zweimal die Woche fand eine Fortbildung statt, bei der man mit leckeren englischen Sandwiches und British Tea versorgt wurde.

Mit der Sprache hatte ich anfänglich doch etwas Probleme, da mir die medizinischen Begriffe nicht alle ganz geläufig waren, allerdings habe ich am Ende der vier Wochen nicht nur sprachlich, sondern vor allem inhaltlich sehr viel mitnehmen können. Abschließend kann ich sagen, dass mir die Famulatur in England sehr gut gefallen hat und ich jedem nur empfehlen kann, eine Famulatur im englischsprachigen Ausland zu machen.

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