Famulatur in Ghana: Gynäkologie und Tropenmedizin

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Ghana, Nsawam Government Hospital (14.08.-12.09.2017)

Meine erste Reise nach Afrika führte mich für meine letzte Famulatur nach Ghana – ein Land, das ich in meinem 5-wöchigen Aufenthalt zu schätzen und lieben gelernt habe. Neben freundlichen aufgeschlossenen Menschen, einer wunderschönen Natur und Tierwelt konnte ich auch im Krankenhaus neue Wege Medizin zu praktizieren kennen lernen.

Mein Ziel – eine englischsprachige Auslandsfamulatur

Bereits zu Beginn meines Studiums war mir klar, dass ich gerne auch Auslandserfahrungen sammeln möchte. Für meine letzte Famulatur (zwischen dem 7. und 8. Semester) wollte ich gerne ein englischsprachiges Land bereisen.

Da auch Afrika schon lange auf meiner „To-Do-Liste“ stand, fiel meine Entscheidung auf Ghana – ein Land in Westafrika gelegen zwischen der Elfenbeinküste, Togo und Burkina Faso an der Küste des Golf von Guineas.

Durch die Empfehlung einer Freundin bin ich auf die Organisation Elective Ghana gestoßen, die Pflegepraktika, Famulaturen und PJ-Tertiale in ganz Ghana für Studenten aus aller Welt organisiert.

Um die „richtige“ afrikanische Medizin kennenzulernen, entschied ich mich letztlich gegen das große Lehrkrankenhaus in Accra, der Hauptstadt von Ghana und für das Nsawam Government Hospital in Nsawam, einer 40.000 Einwohner-Stadt ca. 40km nordwestlich der Hauptstadt.

Organisation und Kosten

Durch die schnelle und einfache Kommunikation mit Sefa, einem Verantwortlichen meiner Organisation, waren die wichtigsten Dinge schnell geklärt.

Ich habe mich im Januar 2017 für meine Famulatur im Sommer beworben, jedoch weiß ich von anderen Studenten, die sich noch kurzfristiger für Ghana entschieden haben und auch bei ihnen hat alles reibungslos funktioniert.

Für die Bewerbung wird nur ein kleines Bewerbungs- und Motivationsschreiben für das Krankenhaus bzw. die ghanaische medizinische Universität erwartet, die durch meine Organisation an die Verantwortlichen weitergereicht wurden.

Kosten

  • Organisation durch Elective Ghana (+ Flughafentransfer, SIM-Karte): 180$ (155€)
  • Unterkunft für vier Wochen: 220$ (190€)
  • Registration fee für das Krankenhaus: 150$ (130€)
  • Visum (110€) + Impfungen und Malariaprophylaxe
  • Meine Ausgaben vor Ort mit Essen, Reisen an allen vier Wochenenden und Shoppen: 400€
  • Flug: 580€
  • Gesamt ca. 1600€

Auch wenn einem die gesamten Ausgaben am Anfang viel erscheinen, war es jeder Euro wert. Vor allem da die Kosten vor Ort sehr gering sind (ganze Mahlzeiten gibt es für < 1€), kommt es einem gar nicht so viel vor.

Wer sich rechtzeitig für eine Auslandsfamulatur entschieden hat, kann sich auch über medizinernachwuchs.de für eines der Auslandsstipendien (gefördert durch die Agenturen Sobe & Partner) bewerben. Mit ein bisschen Glück erhält man wie ich einen Zuschuss von 250€ für seine Famulatur.

Visum

Für die Einreise nach Ghana ist ein Visum erforderlich. Da ich in Berlin wohne, konnte ich einfach in der Botschaft vorbeikommen und dort meinen Pass und das ausgedruckte Online-Formular abgeben. Nach ca. 3 Wochen war mein Visum abholbereit. Nicht-Berlinern kann ich nur empfehlen, sich rechtzeitig um das Visum zu kümmern, da die Botschaft etwas unorganisiert arbeitet und ich von Wartezeiten über 6-8 Wochen von anderen Studenten gehört habe.

Impfungen und Malariaprophylaxe

Für die Einreise ist eine Gelbfieberimpfung zwingend erforderlich. Ich habe mich zusätzlich dazu noch für Meningokokken und Typhus entschieden. (Hepatitis A + B hatte ich bereits)

Da Ghana ganzjährig ein Hochrisikogebiet für Malaria ist, empfiehlt es sich, eine Prophylaxe zu machen. Trotz meiner Prophylaxe mit Malarone habe ich mir durch ein paar lästige Mückenstiche Malaria eingefangen – aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass sich die Prophylaxe trotzdem gelohnt hat, da so der Krankheitsverlauf deutlich abgeschwächt und die Malaria nach 1-2 Tagen schon wieder vergessen war.

Unterkunft

Die Unterkunft in Nsawam ist fußläufig in 5min vom Krankenhaus zu erreichen. Man ist in einem Apartment, das einem der Ärzte gehört, untergebracht. Es gibt zwei Schlafzimmer mit jeweils zwei Einzelbetten, einer kleinen Küche, einer Dusche und einer Toilette.

Für ghanaische Standards ist die Wohnung sehr gut, auch wenn sich der Strom und das fließende Wasser gerne mal abschalten und man viel mit Wasserholen aus Tanks beschäftigt ist.

In der Umgebung des Krankenhauses gibt es viele kleine Stände mit Nahrungsmitteln und Essen. In der Cafeteria des Krankenhauses bekommt man auch den ganzen Tag lang ghanaisches Essen für 7 Cedi (ca. 1,40€)

Das Krankenhaus

Das Nsawam Government Hospital hat keinen klassischen Stationsaufbau nach Fachgebieten, wie bei uns in Deutschland. Stattdessen gibt es einen female ward (hier liegen alle kranken Frauen), male ward, childrens ward, maternity ward (Geburtsmedizin) und ein theatre (zwei OP-Säle).

Der Arbeitstag begann meistens gegen 9 Uhr und dauerte oft nur bis zum frühen Nachmittag, sodass man noch viel Zeit hatte, um Nsawam zu erkunden.

Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich bereits einiges an Vorwissen mitgebracht habe, sodass ich auch zwischen unserer westlichen und der afrikanischen medizinischen Versorgung unterscheiden konnte. Viele Dinge, die in Ghana durchaus Sinn machen (z.B. sehr schnell und früh Antibiotika zu verschreiben, da in meinem Krankenhaus nicht auf Infektionen getestet werden konnte), sollte man in Deutschland doch besser bleiben lassen.

Das Krankenhaus hatte ein Labor, das Blutzuckerwerte bestimmen, ein kleines Blutbild machen, auf Malaria testen und Urinstix machen konnte. Für alle anderen Untersuchungen mussten die Patienten in die Hauptstadt geschickt werden. Hier wurde mir sehr schnell deutlich, wie oft unsere Patienten in Deutschland überdiagnostiziert werden bzw. wie privilegiert wird sind, innerhalb von Stunden jegliche Laborparameter bestimmen zu können.

Trotzdem konnte ich noch sehr viel Neues v.a. im Bereich der Tropenmedizin dazulernen. Da dieser Bereich bei uns im Studium durchaus etwas zu kurz kommt, hatte ich kaum Vorkenntnisse und tat mich in den ersten Tagen auf Station nicht leicht, die Schwere einer Malariainfektion einzuschätzen oder die Anzeichen einer Tuberkulose auf verwackelten, unscharfen Röntgenbildern zu erkennen. Viele Patienten, die auf den Stationen aus verschiedensten Gründen behandelt wurden, litten zusätzlich an einer Malariainfektion, sodass Wechselwirkungen mit den sehr starken Antimalaria-Medikamenten stets bedacht werden mussten. Auch wenn die Impfpflicht in Ghana nicht annähernd mit unserer in Deutschland vergleichbar ist, müssen dennoch alle Kinder gegen Gelbfieber geimpft werden.

Ein weiteres spannendes Krankheitsbild, das ich bisher in keinem deutschen Krankenhaus zu sehen bekommen habe, war die Elephantiasis.

Obwohl Ghana eine der geringsten HIV-Infektionsraten in Afrika hat, bekam ich sehr häufig Patienten in verschiedenen Stadien der Erkrankung zu sehen. Noch immer wird nicht offen über die Infektion gesprochen und Träger gesellschaftlich ausgeschlossen, sodass im Krankenhaus auch der Begriff RVI (retroviral infection) anstelle von HIV/Aids verwendet wird.

Das Thema sexuelle Aufklärung stellt meiner Meinung nach in Ghana noch immer ein Problem dar. Viele Patientinnen haben sich nie in ihrem Leben mit Verhütung auseinandergesetzt, sodass sehr viele junge Mädchen, aber auch Frauen nach mehreren Geburten keine Ahnung von ihrem eigenen Körper oder den Gefahren von ungeschütztem Geschlechtsverkehr haben. Um eine „klassische Verhütung“ zu umgehen, wählten viele Frauen nach vier oder fünf Kindern eine Tubendurchtrennung während eines Kaiserschnittes als Alternative.

Wie auch in Deutschland das Teaching je nach Arzt mal besser oder weniger gut, im Großen und Ganzen waren jedoch alle fünf Ärzte bemüht, einem so viel wie möglich beizubringen. Wenn man etwas lernen oder selbst machen wollte, musste man einfach fragen und meistens durfte man nach einigen Erklärungen selbst ran.

Bereits in meiner ersten Woche durfte ich Spinalanästhesien legen. Die Anästhesisten in meinem Krankenhaus waren fortgebildete Pfleger, die demnach kein Medizinstudium abgeschlossen haben. Ich war froh, dass ich bereits in der Theorie wusste, wie man eine Spinalanästhesie legt, da es sich hierbei eher um „learning by doing“ handelte, obwohl die Anästhesisten immer dabeistanden, um ggf. mitzuhelfen oder etwas zu korrigieren.

In meiner letzten Woche kam es dann zu meinem persönlichen Highlight meiner Famulatur: Ich durfte einen ganzen Kaiserschnitt unter Anleitung alleine durchführen. Ich konnte bereits einige Male vorher assistieren. In Nsawam bedeutet das den Job der OP-Schwester und gleichzeitig eines Assistenten zu übernehmen – ich durfte also nebenbei noch lernen, wie man die sterilen Instrumente richtig sortiert, was mir anfangs wirklich schwer gefallen ist. Nach und nach durfte ich mal zunähen, das Baby entbinden, die Blutung der Gebärmutter stillen und den Schnitt setzen. An meinem vorletzten Tag war es dann soweit: Ich durfte auf der Seite des Hauptoperateurs die gesamte OP durchführen. Natürlich war ein Arzt die ganze Zeit dabei und hat mir assistiert. Da es im Krankenhaus keinen organisierten OP-Plan mit festgelegten Zeiten gab, störte es zum Glück auch niemanden, dass ich mehr als doppelt so lange für den Eingriff gebraucht habe wie die richtigen Ärzte.

Freizeit und Reisen

Unter der Woche war ich mit meinen Mitstudenten (einer Kanadierin und zwei Österreicherinnen) oft im Dorf am Markt, um frisches Obst (die weltbesten Mangos kosten dort < 1€ pro Stück, Papayas gibt es für 20ct) oder afrikanische Stoffe zu kaufen, die man sich später von Schneiderinnen für wenige Euro zu Kleidern, Hosen und allerlei Mitbringseln schneidern lassen konnte.

Nsawam ist eine kleine Stadt, die für ihr Krankenhaus, als Produktionsort der Blue Skies Smoothies und ihr großes Gefängnis bekannt ist. Bereits nach ein paar Tagen ist man als neuer „Oburoni“ (Twi für hellhäutige Personen) bei allen bekannt und mit ein wenig Glück erhält man so auch die Einheimischen-Preise beim Einkaufen.

Da die Ärzte uns so viel von ihrem Land wie möglich sehen lassen wollten, durften wir oft bereits freitags mit unseren Wochenendtrips starten.

Mit dem Trotro (kleine umgebaute Sprinter, in denen gerne mal bis zu 25 Leute sitzen – dafür kostet eine 4 Stunden Fahrt auch nur 2€) ging es dann in alle Ecken des Landes.

Ich bin meist mit einer Studentin aus einem anderen Krankenhaus gereist, sodass ich auch viele meiner Fahrten alleine antreten musste. Trotzdem habe ich mich zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt, vor allem weil die Menschen vor Ort alle sehr hilfsbereit sind.

Meine Reisen führten mich nach Accra zu einem Festival, Cape Coast an der Küste, den Kakum Nationalpark mit seinen berühmten Hängebrücken, nach Aburi in die botanischen Gärten, in die Volta-Region und nach Mole, Ghanas größten Nationalpark im Norden des Landes – mein absolutes Highlight: Die Safaris (Kosten für 2 Stunden ca. 12€) auf denen man Elefanten, Affen und Antilopen hautnah erleben durfte und das Übernachten im Park mit allen Dschungel-Geräuschen werde ich wohl nie wieder vergessen.

Fazit

Wer gerne etwas erleben und für nicht allzu viel Geld eine englischsprachige Famulatur in Afrika machen möchte, ist in Ghana genau richtig. Auch wenn alles etwas unorganisiert ist und dich gerne jeder zweite Ghanaer heiraten und mit dir nach Deutschland kommen möchte, besitzt das Land sehr viel Charme.

Wer Bedenken hat, alleine nach Afrika für eine Famulatur zu reisen, den kann ich entwarnen: Es war auch meine erste Erfahrung alleine für so eine lange Zeit in Afrika, aber durch die gute Betreuung durch die Organisation und die vielen anderen netten Studenten, wird man sich immer gut aufgehoben fühlen.

Jetzt, wo ich wieder zurück in Deutschland bin, denke ich gerne an meine Erfahrungen in Ghana zurück. Ich wünschte man würde etwas mehr afrikanische Gelassenheit in unseren Krankenhäusern finden und mit etwas mehr Freude in den Arbeitstag starten.

Yebehyia Ghana – Bis bald Ghana!

Eure Romana

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