Wenn die Leiche dich im Traum besucht- erstes Semester im Präperationssaal

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Es ist dunkel und ich liege wach in meinem Bett. Erneut bin ich von Träumen im Präperationssaal meiner Universität wach geworden. Da in der Ecke meines Zimmers ein lebensgroßes Skelett aus Kunststoff steht, sinkt meine Herzfrequenz nur langsam wieder in den Normalbereich. Warum nur träume ich in letzter Zeit so viel von Verstorbenen?

Die ersten zwei Wochen meines Medizinstudiums sind nun vorüber und der Präpsaal ist inzwischen fast zu meinem zweiten Wohnzimmer geworden. Immerhin verbringe ich hier mehrere Stunden in der Woche. Am Anfang war es noch ziemlich ungewohnt an Manni herumzudoktern (so habe ich unseren Körperspender genannt, da wir Medizinstudenten sowohl Angaben zur verstorbenen Person, als auch Todesursachen nicht erfahren dürfen).

Wir mussten uns erst einmal kennenlernen, oder besser gesagt ich ihn. Die einzelnen Muskeln mussten gelernt und zugeordnet werden und mit ihnen die ganzen blutversorgende Gefäße und Nerven. Dabei war der Lernaufwand, den ich aufzubringen hatte, um besser über Mannis Körper und so manche Krankheiten Bescheid zu wissen, nicht zu unterschätzen.

Nach dem Abitur habe ich geglaubt, nicht noch effizienter arbeiten zu können, doch die ersten Wochen im Präpsaal und das erste Testat haben mich eines Besseren belehrt. Ob meine Taktik, jeden Tag alles bereits zu einem Thema Gelernte zu wiederholen, wirklich sinnvoll war, sei mal dahin gestellt. Andere aus meinem Semester hatten da bestimmt eine bessere Taktik, an die Sache heranzugehen. Aber mit der Zeit machte es richtig Spaß, das neue Wissen dann an Manni zu testen und einige Strukturen aus den Lehrbüchern wiederzuerkennen. Unser Professor, den ich sehr zu schätzen gelernt habe, sagte hierzu immer (ohne Werbung für eine bestimmte Automarke machen zu wollen): „Sei ein Porsche. Du kannst viel mehr Prozent aus dir rausholen, als du denkst.“ Im Nachhinein werden ihm alle Studenten, die bei ihm am Tisch gelehrt wurden beipflichten. Mit ein bisschen Ehrgeiz und Durchhaltevermögen ist es gar nicht so schwer die Anatomie zu lernen. Das dieses Ziel jedoch nicht über Nacht erreicht werden kann, wurde vielen schon ganz zu Beginn verdeutlicht.

Zurück zur Ausgangsfrage: Warum also werde ich nachts von Träumen, in denen ich Manni besuche wach? Handelt es sich dabei wirklich um Albträume? Denn kurioser Weise träume ich nur dann von Manni, wenn ich NICHT im Präpsaal gewesen bin. Jetzt könnte man meinen, ich würde ihn im Unterbewusstsein vermissen, doch das ist meiner Meinung nach Schwachsinn. Bei Manni handelt es sich immerhin um einen Toten, obwohl ich mich zugegebener Maßen jedes Mal freue ihn wiederzusehen. Der wahrscheinlichere Grund ist vermutlich der, dass ich so meine Erlebnisse in der kühlen Apsis besser verarbeiten kann.

Vor dem Beginn des ersten Semesters hatte ich wahnsinnig viele Zweifel, ob ich überhaupt mit Toten arbeiten möchte und als wir das erste Mal mit den Körperspendern konfrontiert wurden, wäre ich am liebsten wieder gegangen. Doch nachdem der anfängliche Schock überwunden worden war, machte es zunehmend Spaß. Viel geholfen hat bestimmt auch der Kontakt mit meinen Kommilitonen. Wir haben uns gegenseitig unterstützt und sind gut als Gruppe zusammengewachsen.

Nun bin ich im zweiten Semester angekommen und kann rückblickend sagen, dass ich die Zeit bei Manni sehr genossen habe. Aus meiner Sicht hat sich eine freundschaftliche Beziehung entwickelt, die ich mit ihm pflege, auch wenn sie recht einseitig sein mag. Ebenso habe ich gelernt mit dem komplexe Fach „Anatomie“ umzugehen. Es war zwar nicht immer ganz einfach mit der Stofffülle und dem teilweise sehr zeitintensiven Lernaufwand zurechtzukommen, doch dank vieler praktischer Übungen und dem regen Austausch untereinander ist es letztendlich viel besser geworden, als ich anfangs gedacht hätte.

Diese Zeit werde ich gewiss vermissen, wenn ich in ein paar Tagen das letzte Testat haben werde und die Körperspender danach bestattet werden. Doch es kommen bestimmt gute neue Fächer zu meinem Stundenplan hinzu und außerdem besteht glücklicherweise an der Ludwig-Maximilians-Universität in München die Möglichkeit in höheren Semestern als Präperationsassistent tätig zu werden. Wie ich finde eine sehr schöne Sache, auch im Hinblick auf das Physikum nächstes Jahr.

Eure Gina-Maria

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