Von den Anatomieerlebnissen an der Uni in Frankfurt

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In Frankfurt wird man im ersten Semester direkt ins kalte Wasser geschmissen: Es geht direkt an die Leichen! Die Anatomie gliedert sich in Frankfurt in drei Teile und es wird jeweils ein Part im ersten, zweiten und dritten Semester absolviert. Im ersten Semester wird der Bewegungsapparat abgehandelt: Man schaut sich an der Leiche vor allem die Muskeln, Gefäße und Nerven an. Im zweiten Semester geht’s an die inneren Organe. Der Brustkorb, der Bauch und Beckenraum werden eröffnet. Im dritten Semester werden das ZNS mitsamt Gehirn und Rückenmark besprochen und die Strukturen am Kopf angeschaut.

Ich kann mich noch ganz genau an den ersten Kurstag erinnern. Ich war als Ersti super aufgeregt und gespannt die Körperspender zu sehen. Beim Anblick der Leiche wurde mir nicht schlecht, ich hatte keine Angst, auch vor dem Kurs nicht. Die Haut des Spenders ist grau bis sandfarbig und fühlt sich fest an. Der Geruch des Formalins, welches zur Konservierung der Leiche benutzt wird, war zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig. Da es sich um einen Präparierkurs handelt, musste man auch vor allem im ersten Semester mithilfe von Skalpellen und Pinzetten selbst Hand anlegen. Einer Gruppe von etwa 10 Studenten wurde eine Leiche zugeordnet. Anschließend wurde einem Studenten eine Körperregion zugeteilt wie zum Beispiel der Oberschenkel. Der Student war vor allem in den ersten Wochen des Kurses für die Präparation dieser Region zuständig. Am Anfang mussten alle Hautschichten und das Fettgewebe entfernt werden, bis die Muskulatur und die oberflächlichen Gefäße sichtbar waren. Jede Leiche hat ihre eigene schwarze Box. Im Laufe der drei Kursteile werden die Strukturen, die man nach und nach von der Leiche abschneidet und entfernt, dort gesammelt, anschließend eingeäschert und begraben. An der Trauerfeier können neben den Angehörigen der Körperspender auch wir Studenten teilnehmen und so unseren Respekt und die Dankbarkeit zeigen.

Im ersten Semester waren wir alle von der Stoffmenge für die erste große Klausur zunächst überfordert. Da war man wirklich froh, wenn man engagierte Hiwis im Anatomiekurs hatte. Es gab Studentengruppen, bei denen die Hiwis hauptsächlich für die Präparation zuständig waren. Unsere Hiwis haben zwar auch mit uns gepräpt, haben aber auch viel theoretisch an der Leiche besprochen und uns auf die wichtigen und klausurrelevanten Inhalte hingewiesen. Es war eine super Hilfe, denn vor allem am Anfang ist man als Ersti überfordert, weiß nicht wie und was man lernen soll und ist sehr auf die Tipps von den Hiwis angewiesen. Nach dem Kurs, der 2 Stunden dauerte, gings dann in die Bib zum Strebern von den Ansätzen und Ursprüngen der Muskeln. Dieser Teufelskreis hat mich damals ganz verrückt gemacht, man konnte ungefähr jeden Tag wieder bei Null anfangen haha. Es war wie Vokabeln lernen, nur waren es 100000 neue anatomische
Vokabeln, die man immer wieder vergessen hat. Dazu kam auch noch, dass die Erstis sich zusätzlich ganz verrückt gemacht haben: „Oh Gott oh Gott, nur noch 2 Wochen bis zur Klausur, ich kreuze zwar schon über 90% aber werde bestimmt trotzdem nicht fertig und falle durch“. Typisch Erstis halt 🙂

Solche Luxusprobleme und so viel Zeit zum Lernen nur für eine Klausur hätte man heute gerne! Am Tag der Klausur konnte man den Bogen mit den Fragen behalten und musste lediglich das Deckblatt mit den Buchstaben, die manangekreuzt hat, abgeben. So wusste man direkt, ob man bestanden hat oder nicht! Doch damit war’s nicht vorbei. Die mündlich-praktische Prüfung stand noch an, bei der man Strukturen am Körperspender zeigen, Fragen vom Prof beantworten und Gewebe mikroskopieren musste. Ich war sooo aufgeregt, vor allem ist mir kurz bevor ich
aufgerufen wurde aufgefallen, dass ich wieder alle Ursprünge und Ansätze von den Muskeln vergessen hab. Als man dann drin im Raum und am Körperspender war, ging es schneller als man dachte. Zack und die Prüfung war vorbei und man hat dann endlich den Schein in die Hand gedrückt bekommen, der Anatomie I Kurs war somit geschafft und danach wurde hart gefeiert! Die Kurse im zweiten und dritten Semester sind ähnlich verlaufen.

Am Ende des dritten Semesters habe ich meinen Prof nach meiner mündlichen Prüfung angesprochen und gefragt, ob er denn Hiwis für seinen nächsten Kurs braucht. Im Sommersemester vor dem 1. Staatsexamen war ich das erste Mal selbst als Hiwi dabei. Ich dachte mir damals, dass es eine super Gelegenheit ist, Anatomie vor dem Staatsexamen zu wiederholen. Seitdem arbeite ich bis heute als Hiwi in der Anatomie, weil mir Lehre und die Zusammenarbeit mit den Studenten unglaublich viel Spaß machen. In der Kurszeit bespreche ich mit ihnen wichtige theoretische Inhalte und demonstriere die Strukturen an der Leiche. Da ich mich auf den Unterricht aktiv vorbereite, blieb der Stoff in den letzten Jahren nach einigen Kursen so gut hängen, dass heute vor dem Präpkurs kaum noch Vorbereitung nötig ist.

Für mich ist die Anatomie eines der wichtigsten Fächer im gesamten Studium und stellt die Basis aller klinischen Fächer dar. Somit habe ich als Hiwi die perfekte Wiederholung aller anatomischen Inhalte und kann den jüngeren Studenten viel beibringen, ihnen Lerntipps geben und sie beruhigen und ermutigen. Denn auch sie haben ähnliche Ängste und Sorgen, die ich damals als Ersti auch hatte. Es macht mir viel Spaß und ich bin beim nächsten Kurs im Herbst definitiv wieder dabei!

Eure Angie

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