Ein bisschen gruselig: Mein erstes Mal Präpkurs Tag 2

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Donnerstagnachmittag. Heute geht’s richtig los mit Präppen. Eigentlich würde ich lieber lernen, hab noch ganz schön viel vor mir. Aber was soll’s. Ich bin gespannt auf Tag zwei. Ich betrete den Saal, heute etwas pünktlicher. Es ist auch noch ziemlich leer hier – und kühl! Reflexartig schlinge ich meinen Kittel enger um mich. Ich entdecke meine Spindnachbarin, wir lachen uns an. Ruckzuck, alle da, es geht los. Leichenschau findet statt, das heißt, alle Körper werden aufgedeckt, ah, das Gesicht bleibt verhüllt. Gut… Wir stehen um den entblößten Körper herum, ich habe ein gemischtes Gefühl aus Ekel, Faszination und Respekt. Wie sich seine Haut wohl anfühlt? Sieht etwas gräulich aus, was den Leichencharakter meiner Imagination unterstreicht. Ich stupse, wie meine Kommilitonen, vorsichtig den leblosen Körper an. Ui, der ist aber hart. Das liegt an der Art der Fixierung, wie unser Präp-Papa erklärt. Ich versuche, seine Hand zu schließen, das ist kaum möglich. Der Kerl neben mir beugt sich interessiert über das männliche Genital unseres Körperspenders. Das mach ich garantiert nicht. Ich folge lieber unseren Präp-Assis zu unserem Nachbartisch. Hier liegt eine alte Dame, ihre Brüste schlaff zur Seite gefallen. Ihre Haut hat eine gelbliche Note. So geht es weiter, bis wir alle Leichen im Saal kurz angeschaut haben. Viele verschiedene Körperbauten von kleinen abgemagerten bis zu kolossartigen. Wir kehren also wieder an unseren Tisch zurück. Nun wird das Gesicht aufgedeckt. Als erstes fällt mir die nach rechts plattgedrückte Nase auf. Wir haben Glück, der Gesichtsausdruck unseres Körperspenders ist nicht vor Schmerzen zu einer Grimasse verzerrt. Er lächelt friedlich, sieht aus, als würde er schlafen. Vielleicht war das ein herzensguter Opi? Oder täuscht der Eindruck? Das werde ich niemals erfahren, die Spender bleiben anonym. Unsere Präp-Mama setzt den ersten Hautschnitt. Fast bin ich erstaunt, dass kein Blut hervorspritzt, aber ist vielleicht auch ganz gut so. Plötzlich stehen wir alle jeweils an einem Hautabschnitt und beginnen, die oberste Schicht des Menschen wie bei einer Frucht langsam abzuschälen, sodass die darunterliegende Fettschicht ersichtlich wird. Ich muss das nach dem Kurs wohl nochmal rekapitulieren, was hier grad abgeht: Ich häute einen Menschen… Was zunächst nach einem Horrorfilm klingt, ist tatsächlich der ganz normale Wahnsinn, dem sich jeder Medizinstudent mindestens einmal in seiner Ausbildung unterziehen muss. Aber für mich war, ist und bleibt der Präparierkurs unabdingbar für die Studie der Anatomie. Nirgends anders kann man die genauen Verhältnisse von Muskeln, Blutgefäßen, Nerven und Organen so gut studieren wie an dem realistischsten Präparat überhaupt, dem Menschen. Und wir müssen den Verstorbenen dankbar sein, dass sie dazu bereit waren, die vergängliche Hülle, die sie zurücklassen, der Wissenschaft zur Verfügung stellen.

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