Gibt es eigentlich die klassischen Medizinstudierenden?

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Es gibt ja so ganz klassische Stereotypen für die verschiedenen Studiengänge. Und manchmal passt das echt wie die Faust aufs Auge. Ein beliebtes Spiel in meinem Freundeskreis ist während der Busfahrt zu raten, was die anderen Fahrgäste studieren. Beispiel: der teure Pulli um den Hals – das muss doch ein Jurist oder BWLer sein. Letzte Woche haben wir dann mal überlegt, ob es diese Bilder auch für uns Medizinstudierende gibt und falls ja, ob diese Stereotypen zutreffen.

Dabei sind wir auf eine ganze Liste an Beschreibungen gekommen, die wir von anderen Studenten hören. Der typische Medizinstudent ist also ein deutscher, junger Mann und vor allem: Arztsohn. Eingebildet und reich. Wenn nicht Arztsohn, dann doch zumindest Akademikerkind. Und die Naturwissenschaftler sind davon überzeugt, dass wir dumm sind. Alle anderen Menschen halten uns für besonders schlau und fleißig. Aber wer sind wir denn nun wirklich?

Fangen wir mal an, mit den Vorurteilen aufzuräumen. Als erstes, das Vorurteil mit dem jungen Mann. Das können wir klar widerlegen, da wir Mädels mittlerweile weit über 50 Prozent der Medizinstudierenden ausmachen. In vielen Seminaren haben wir einen Männeranteil von unter 30 Prozent. Wir sind also ein ziemlich weiblicher Studiengang. Dann die Arztkinder. Ja, die gibt es wirklich. Aber nur wenige davon entsprechen dem Bild eines reichen Sohns, der später Papas Praxis übernimmt. Aber ja, auch die gibt es wirklich und die sind nicht nur für andere Studenten anstrengend, sondern auch für uns andere Mediziner. Das mit dem Akademikerhaushalt stimmt jedoch fast immer. Das ist eigentlich ziemlich schade, da auch „Arbeiterkinder“ gute Ärzte abgeben können. Das ist tatsächlich ein Problem, das auch in der Politik immer wieder diskutiert wird. Warum schaffen es so wenige Arbeiterkinder an die Unis und noch weniger in die Medizin? Auch unser Anteil an Kommilitonen mit Migrationshintergrund ist ziemlich niedrig. Auch das ist schade. Menschen vertrauen sich am liebsten Menschen an, die ihnen ähnlich sind und sie deshalb verstehen. Wie soll eine alte Dame aus einer Arbeiterfamilie also einen Arzt finden, der ihre Sprache spricht? Und damit meine ich keine Fremdsprache, sondern eher die gemeinsame Basis. Die Leute sehen also nur den schlauen Akademiker, aber keinen Ansprechpartner für persönliche Probleme. Damit sind wir auch schon bei dem nächsten Gerücht. Sind wir wirklich schlauer als andere? Oder dümmer, wenn man die Naturwissenschaftler fragt? Ein Medizinstudium ist nicht darauf ausgelegt, dass nur Hochbegabte eine Chance haben. Wir haben zwar den Abischnitt als Zugangsberechtigung, aber der sagt auch nicht viel über die Intelligenz aus. Ein erfolgreiches Medizinstudium hängt vor allem vom Fleiß ab. Wir müssen halt echt viel auswendig lernen, aber dafür muss man kein Genie sein. Dumm sind wir aber auch nicht. Klar, in der Chemie oder der Physik kratzen wir nur an der Oberfläche, aber dafür haben wir noch viele andere Fächer, während ein Chemiker sich auf ein Fach konzentriert. Liebe Dozenten in den Naturwissenschaften, habt ein bisschen Gnade mit unseren Vorklinikern. Die sollen mal gute Ärzte werden und keine Chemiker, dafür haben wir ja euch. Die hochnäsigen Medizinstudenten lernen übrigens über die Jahre Demut. Während einige Erstis sich noch ziemlich toll finden, denken wir höheren Semester eher, dass wir unmöglich so bald schon Arzt sein können, wir können doch noch gar nix. Und gerade in den ersten Jahren in der Klinik sind wir ohne die Unterstützung erfahrener Pflegekräfte einfach nur aufgeschmissen.

Gibt es also die Mediziner? Irgendwie sind wir leider schon eine ziemlich homogene Gruppe, aber Ausnahmen gibt es natürlich auch und die Merkmale sind vielleicht nicht ganz die, die andere uns zuschreiben. Aber das ist wahrscheinlich in allen Studienfächern so. Vielleicht werden wir ja etwas bunter, wenn jetzt die Zugangsbestimmungen geändert werden. Weg vom Einser-Schüler, hin zu sozialkompetenten Menschen.

Eure Pia

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