Willst du es wirklich?

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„Meine Eltern sind Ärzte“ oder „ich hab‘ ein Einser-Abi“ sind zwei der Hauptmotive der frisch von der Schule kommenden Abiturienten, die sich gleich nach dem Schulabschluss für ihren Studienplatz in Humanmedizin immatrikulieren. Möglichst schnell und ohne Umwege zur Chefarztstelle an einer großen, renommierten Uniklinik zu kommen, ist das einzige Ziel. Auf Studentenpartys wird zugunsten der Bibliothek verzichtet, denn zur Prüfung sind es eben nur noch mickrige vier Wochen. Soziale Aspekte spielen bei jenen Studierenden keine Rolle – gutes gesellschaftliches Ansehen, ein zum Porsche 911 führendes Gehalt und ein Dasein als „Halbgott in Weiß“ befriedigen ihre Bedürfnisse vollkommen.

Auf der anderen Seite stehen die Faulenzer. Mindestens 26 Jahre alt (meistens noch älter), waren in der Schule immer lieber feiern anstatt zu lernen und haben in der Zwischenzeit vielleicht eine Berufsausbildung gemacht – vielleicht aber auch nicht. Das erfolgreiche Abschließen des Medizinstudiums traut ihnen der erstgenannte Studententyp nicht zu, denn dafür fehlt ihnen schlicht der so bitter notwendige IQ jenseits der 130 Punkte. Wie soll man sonst hunderte von Muskeln, ihre zugehörigen Nerven und Funktionen für den Körper lernen?

Diese beiden grundverschiedenen Typen sehen sich natürlich in einem engen Habitat einander ausgesetzt. Wer Raubtier und wer Beute ist, ist immer situativ zu entscheiden. Während der 30-jährige Intensivkrankenpfleger beim Blick durch das Elektronenmikroskop bestenfalls ein verrauschtes, schwarz-weißes Fernsehbild aus seinen Kindertagen erkennt, unterscheidet der 1,0er-Abiturient die unterschiedlichen Arten von Blutzellen sogar ohne die obligatorische Brille aus Fensterglas.

Umgekehrt genießt der Intensivkrankenpfleger nach den Prüfungen seinen wohlverdienten Urlaub, während der Abiturient das erste Mal ein Krankenhaus betritt und im Beziehen eines Bettes im zarten Alter von 18 Jahren Premiere feiert. Zum Glück ist das 3-monatige Pflegepraktikum das einzige Mal in seinem Leben, dass er mit den Patienten körperlich in Kontakt treten muss, denn später hat man für diese Aufgaben natürlich sein Personal.

Es gibt wohl wenig andere Studiengänge, in denen so unterschiedliche Studenten mit grundverschiedenen Charakteren ein gemeinsames Ziel anstreben: einem Dasein als Arzt (von den wenigen Studenten, die sich ausschließlich der Forschung widmen wollen, mal abgesehen). Das Klischee beispielsweise, dass Medizinstudenten Tageslicht nur aus dem Fernsehen kennen, trifft zwar auf einen Teil der angehenden Ärzte zu – aber es gibt mindestens genauso viele, denen ihre Freizeit wichtiger als ein 1,0er-Abschluss ist. Wie überall ist auch hier wohl ein gesunder Mittelweg das Maß aller Dinge, denn trotz der hohen Anforderungen, die die Vollblutanatomen (wer studiert Medizin und wird Anatom?!) stellen, sollte auf einen gesunden Ausgleich auch in Prüfungszeiten geachtet werden.

Das erste Seminar, das ich in meinem Medizinstudium hatte, trug den Titel „Einführung in die klinische Medizin“ und war ein interessantes Gespräch mit einem älteren Unfallchirurgen, in dem es darum ging, über spätere Berufszweige, Chancen und Möglichkeiten des Medizinstudiums sowie über dessen Intensität zu sprechen. So war einer der ersten Sätze, die ich an der Uni von einem Professor hörte: „Verkaufen Sie Ihr Klavier, trennen Sie sich von Ihrem Partner – Sie studieren jetzt Medizin!“. Eingeschüchtert von den extrem anspruchsvollen ersten vier Wochen musste ich nach dem Abschluss der Scheine Chemie, Physik, Biomathematik und Terminologie wieder an dieses allererste Seminar denken. Hatte der Professor vielleicht doch Recht?

Die Antwort nach dem ersten Studienjahr: definitiv nein. Versteht mich nicht falsch – es gab mehrere Zeitpunkte, an denen ich am liebsten hingeschmissen hätte! Schlecht gelaufene Klausuren, ein gigantischer Berg an anatomischem Wissen, das innerhalb einer Woche irgendwo in dem (manchmal mit Stroh gefüllten) Raum zwischen den beiden Ohren untergebracht werden sollte, und hoffnungslose Aussichten für die 6 Wochen, die noch zwischen mir und den Semesterferien standen, bringen auch den härtesten Kerl früher oder später an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Ich bin der festen Überzeugung, dass das die wichtigste Prüfung im Medizinstudium ist. Im Wesentlichen geht es in jedem Modul, jeder Vorlesung und jeder Prüfungsphase nur um eine einzige Frage:

„Willst du es wirklich?“

Die Durchfallquoten in den Prüfungen sind im Medizinstudium bedeutend kleiner als bei anderen wissenschaftlichen Studiengängen. Mit Sicherheit liegt dies auch an den hohen Hürden, die genommen werden müssen, um ein Medizinstudium aufnehmen zu können. Der entscheidende Grund dafür ist jedoch ein anderer.
Dafür stellen wir uns die Frage: Was haben nun die oben beschriebenen, grundverschiedenen Studententypen gemeinsam?

Auch bei den vielen, hochintelligenten Abiturienten mit einem 1,0er Abschluss geht ohne einen gesunden Ehrgeiz nichts. Und wer wartet schon 7 Jahre auf einen Studienplatz, wenn er sich nicht hundertprozentig sicher ist, dass er es wirklich will? Jeder, der diese Grundeinstellung hat, hat sich seinen Platz in diesem Studiengang redlich verdient – ganz egal, ob er oder sie ein 1,0er Abitur oder zuvor eine Berufsausbildung gemacht hat.

Unterschiede finden sich wie Sand am Meer. Doch diese sind vollkommen irrelevant, denn das wichtigste ist eine einzige Gemeinsamkeit: Sie haben alle den Ehrgeiz, gute Ärzte zu werden.

Oder um die einzige Frage im Studium zu beantworten: „Ja, sie wollen es wirklich!“.

Euer Yannik

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