Eine schwere Geburt

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„Wann könntest du denn hier sein? Ich glaube, wir müssen die Frau jetzt sofort sectionieren, die Anästhesie ist auch schon da.“ Um mich herum herrscht Chaos. Alle Kreissäle sind belegt, im Gang laufen bereits die nächsten Hochschwangeren auf und ab und auch die Ultraschallräume sind belegt. Ich lehne mich unbemerkt an den Schrank hinter mir, gähne heimlich und klebe Etiketten auf die Blutröhrchen, die ich gerade einer Patientin mit einem viel zu hohen Blutdruck abgenommen habe. Sie ist im achten Monat schwanger, dringend muss das HELLP-Labor jetzt überprüft werden. Sind hier verschiedene Parameter auffällig, besteht akute Gefahr für die Mutter und auch das werdende Kind. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur aufgeregt und gestresst – schließlich bekommt sie bald ihr erstes Kind und draußen sind seit Tagen beständige 35 Grad im Schatten. „In fünfzehn Minuten bist du erst fertig?“ Zwischen all den herumlaufenden Hebammen, den leicht verzweifelt aussehenden Ehemännern und den stöhnenden Patientinnen versucht die leitende Oberärztin der Geburtshilfe, ein Telefonat zu führen. Kritisch betrachtet sie den Monitor, auf dem die aktuell laufenden CTGs gezeigt werden. Bei dieser Untersuchung werden sowohl Wehen als auch die kindlichen Herztöne aufgezeichnet. Seit zwei Wochen mache ich jetzt meine Famulatur auf der Gynäkologie eines kleinen Krankenhauses in Köln. Ein Fachmann für die Auswertung von CTGs bin ich noch lange nicht, doch selbst ich sehe, dass die Herztöne des Kindes in Kreissaal 3 nicht schön aussehen – viel zu langsam, mit seltsamen, immer wiederkehrenden Absenkungen. „Hier ist nur die Famulantin, dann fang ich mit der schon mal an. Geht ja nicht anders.“ Verwirrt schaue ich die Oberärztin an. Redet sie von mir? Ich bin im Moment jedenfalls die einzige Famulantin auf dieser Station. „Du, wie heißt du noch mal?“ Sie wartet keine Antwort ab. „Leg das Blut weg und geh dich waschen. Wir machen eine Notsectio, und zwar hier oben.“ Ohne nachzudenken lege ich das Blut auf den Schreibtisch und laufe ihr nach. „Hast du schon mal einen Kaiserschnitt gesehen?“ ruft mir die Oberärztin zu, die in einer der Umkleiden steht und mir mit dem Fuß die Tür aufhält, während sie sich bereits umzieht. Ich nicke. „Alles klar, also werd bitte nicht ohnmächtig. Zieh dir OP-Klamotten an und dann gehst du da hinten in den Notoperationssaal. Wasch dich und komm dann rein.“ Es dauert nur eine Minute, dann stehe ich umgezogen und mit frischen Schweißperlen auf der Stirn am Waschbecken. Die Patientin liegt schon auf dem Operationstisch, eine Hebamme legt ihr einen Katheter und entleert die Harnblase, die Anästhesie betreut die Patientin und auch die Kinderärzte sind irgendwie schon da. Als ich den OP-Pfleger sehe, den ich am wenigsten leiden kann und der am meisten sowohl mit den Assistenzärzten, als auch mit uns Studierenden schimpft, bricht mir erneut der Schweiß aus. Meine Hände triefen vor Desinfektionsmittel, als ich den Saal betrete. „Du machst das mit der Famulantin?“, höre ich besagten Pfleger bereits ungläubig rufen. Ermutigend zwinkert die Oberärztin mir zu. Unter ihrem Mundschutz sehe ich ihr Lächeln. Es beruhigt mich – zumindest ein wenig. Ich bekomme einen sterilen Kittel und sterile Handschuhe und aufmerksam die sterilen Tische vermeidend bahne ich mir einen Weg auf die andere Seite der Patientin. „Keine Sorge, ich sage dir alles, was du machen musst“, flüstert die Oberärztin mir zu, während sie einen Schnitt durch den Unterbauch der Patientin macht. Zuerst sehe ich die Fettschicht, dann ein paar Muskelanteile. „Mach mir alles nach, immer mit Kraft, aber gefühlvoll.“ Mit beiden Händen greife ich in den Bauch der Patientin und ziehe den Schnitt auseinander. „Lass dich zurückfallen mit deinem Gewicht, aber sanft.“ Die Öffnung wird immer größer, Blut dringt mir entgegen, dann geht die Fruchtblase auf. Ein Schwall klarer Flüssigkeit entleert sich über meine Hände und durch die Handschuhe spüre ich die Körperwärme. Mit geübten Handgriffen greift die Oberärztin in den Unterbauch der Patientin, bis der Kopf des Kindes hervorschaut. „Greif seine Schultern und dann ziehst du ihn heraus“, sagt sie. Zögerlich strecke ich meine Hände unter den winzigen Körper des Babys, während sie Druck auf den Oberbauch der Patientin ausübt. Das Baby ist glitschig, wie ein kleiner Frosch liegt der kleine Junge auf meinem blauen sterilen Kittel. Der OP-Pfleger klemmt die Nabelschnur ab und durchschneidet sie. Ganz zerknautscht windet sich das frischgeborene Baby auf meinem Arm und fängt plötzlich aus voller Kehle an zu schreien. „Ist das mein Baby?“, höre ich die Patientin weinen, die hinter dem sterilen Tuch alles geschehen lassen muss, was wir hier tun. Ich gebe den Jungen der Kinderärztin, ziehe ganz leicht an der Nabelschnur und sehe zu, wie die Plazenta geboren wird. Als die Oberärztin gerade den Uterus wieder vernäht, kommt die Kinderärztin mit dem abgetrockneten und fest eingewickelten Baby zurück. „Herzlichen Glückwunsch, Frau M., begrüßen Sie Ihren Sohn. Er sieht aus wie ein Püppchen, wirklich ein ganz hübsches Baby.“ Ich linse über das Tuch, bis der OP-Pfleger mich harsch daran erinnert, dass ich den Faden abschneiden muss. Eilig wende ich mich wieder dem Operationsgebiet zu. „Außerdem hältst du die Schere total falsch“, motzt er, „so hält man eine chirurgische Schere nicht. Lernt ihr sowas im Studium überhaupt nicht mehr?“ Strahlend sehe ich ihn an. Es ist mir egal, ob er mich anmotzt. Ich habe gerade bei einer Sectio assistiert und ein Kind gehalten, das zum allerersten Mal auf meinem Arm geschrien und geatmet hat. Mich bringt gerade nichts mehr aus der Ruhe. Er scheint die Begeisterung in meinen Augen zu sehen. „Ich zeige dir gleich mal, wie man die chirurgischen Basisinstrumente alle halten muss“, sagt er, fast freundlich. „Gerne“, sage ich, immer noch grinsend. „Das wäre toll!“

Eure Wibke

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