Sich Zeit nehmen oder warum Medizin unglaublich befriedigend sein kann

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Zu Anfang ein Appell: Nutzt die Zeit, die Ihr garantiert im PJ haben werdet, um euch mal intensiver mit den Patienten zu beschäftigen. Hiermit meine ich nicht das intensive Kurvenstudium und auch nicht eine besonders gründliche, in den Kliniken wirklich zu selten durchgeführte körperliche Untersuchung, sondern Zeit sich mit dem Patienten zu unterhalten.

Ein älterer Mensch, welcher mehr oder wenig alleinstehend ist, sich jedes Jahr mit mehr körperlichen Defiziten herumschlagen darf und dann auch noch akut im Krankenhaus gelandet ist, ist belastet und das nicht zu gering. Meist haben sie die Gewissheit, dass das System ihn durch viele erträgliche und weniger erträglichere Prozeduren pressen wird, bis er vielleicht ein paar Wochen bis Monate wieder mit weniger Schmerzen bzw. mit mehr Lebensqualität umherlaufen kann.

In den vergangenen Monaten habe ich (zugegeben zu selten) die Gelegenheit genutzt, und mir zwischen meinen Routinetätigkeiten Patienten, welche in ihrem Zimmer vor sich hin leben, aufgesucht und einfach mal munter einen Smalltalk begonnen. Dieser endete oftmals darin, dass sich der Betroffene überraschend weit öffnete und das ein oder andere „Langzeitproblem“ zu Tage kam, welches fast schon Grund für eine psychotherapeutische Therapie hätte sein können. Dabei flossen oft auch Tränen, sei es durch einen kürzlich verstorbenen Verwandten, eine Diagnose, welche dem Menschen auf einen Schlag jegliche Hoffnung nahm, oder der körperliche Verfall, welcher in der Selbstwahrnehmung unaufhörlich voranschreitet.

Und so emotional dieser Moment auch sein mag, ich ging immer mit einem guten Gefühl aus dem Zimmer, denn das Wort Danke, welches kurz nach meiner Verabschiedung an mich gerichtet war, ist ehrlich und zwar zu 100%. Auch das ist Medizin und das ist der Grund warum ich dieses Studium gewählt habe. Ich kann mir jederzeit bewusst machen, was der Sinn und Zweck dieser ganzen Veranstaltung ist, dieses manchmal schier unüberblickbare Chaos, welches man als Arzt jeden Tag aufs Neue bewältigen muss. Es ist der Mensch der da in diesem Bett liegt und ehrlich auf Hilfe angewiesen ist.

Versucht es selber einmal. Nehmt euch ein paar Minuten Zeit, sprecht die Menschen auf ihre Geschichten an, hört aktiv zu und versucht demjenigen in hoffnungslosen Momenten mit aufmunternden Worten ein kleines bisschen Hoffnung zu schenken. Ich verspreche euch, es wird sich für beide Seiten lohnen.

Euer Pascal
Pascal Sabellek