Rechtsmedizin – Ärztliche Detektivarbeit

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Gemäß Approbationsordnung ist für das Fach Rechtsmedizin für die Zulassung zum zweiten Staatsexamen der Erwerb eines Scheines nötig – im Rahmen unseres Oldenburger Modellstudienganges setzt sich dieser Schein zum einen aus Prüfungsfragen und zum anderen aus einem Leichenschau-Praktikum zusammen. Von meinen Erfahrungen in diesem Praktikum möchte ich gerne berichten, da ich persönlich ziemlich unvorbereitet in das Praktikum gegangen bin und nur vage wusste, was genau mich bei einer rechtsmedizinischen Obduktion erwarten würde. Natürlich kannte ich Obduktionen aus Fernsehkrimis, aber inwieweit die Darstellungen in Filmen der Realität entsprechen, ist ja bekanntlich fraglich. So waren ich und meine Kommilitonen ziemlich gespannt, als wir von der Uni die Benachrichtigung bekamen, dass es die Möglichkeit gäbe, sich am übernächsten Tag eine Obduktion bzw. Sektion anzuschauen. Noch so eine Besonderheit des Leichenschau-Praktikums: Man bekommt den Termin sehr kurzfristig, da es sich selbstverständlich schlecht planen lässt, wann ein „passender“ und für uns Studenten interessanter Fall zur Obduktion ansteht.

Allgemein wird eine Obduktion in der Regel nur bei unklaren oder nichtnatürlichen Todesursachen oder bei unbekannten Leichen im Auftrag der Staatsanwaltschaft oder des Gerichts durchgeführt. So auch bei der Person, deren Obduktion wir zu sehen bekommen sollten: Es handelte sich um einen etwa dreißigjährigen Mann, der tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Bei der zunächst durchgeführten äußeren Leichenschau am entkleideten Toten fanden sich keinerlei Hinweise auf die Todesursache. Da der Mann anscheinend nicht regelmäßig in ärztlicher Behandlung war, gab es auch keinen Hausarzt, der Auskünfte über mögliche Vorerkrankungen oder chronische Krankheiten geben konnte. Allerdings waren an den Armen multiple Einstichstellen zu sehen, die die Vermutung nahelegten, dass der Mann drogenabhängig gewesen ist. Bei der Obduktion waren zwei Rechtsmediziner, eine Präparatorin, also eine medizinische Sektionsassistentin, zwei Polizisten sowie wir Studenten anwesend. Dass Polizisten einer Obduktion beiwohnen, ist durchaus nicht ungewöhnlich, da sie oft noch ergänzende Informationen zu den Todesumständen und der Auffindesituation geben können. In diesem Fall gaben die Polizisten an, die Wohnung des Toten habe einen sehr ungepflegten Eindruck gemacht: überall hätten teils leere Alkoholflaschen und Essensreste herumgelegen. Auch der Tote hätte verwahrlost und ungepflegt gewirkt. Zudem konnten in der Wohnung mehrere gebrauchte Spritzen und Drogen (Marihuana und Heroin) sichergestellt werden. Wie man uns erklärte, erfolgt eigentlich jede Obduktion nach etwa dem gleichen Schema, wodurch gewährleistet wird, dass nichts übersehen wird. So ist zum Beispiel die Öffnung aller drei Körperhöhlen (Schädel, Thorax- und Abdominalraum) vorgesehen, auch wenn die Todesursache bereits nach Öffnung einer Körperhöhle ermittelt werden kann.

Begonnen wurde die Obduktion mit der Eröffnung der Thorakal- und Abdominalhöhle. Hierzu wurde ein T-förmiger Schnitt oberhalb der Schlüsselbeine und vom Brust- bis zum Schambein gemacht. Die Art der Instrumente und der Schnitttechnik unterschied sich doch deutlich von der, die ich im Rahmen mehrerer Chirurgiepraktika kennengelernt hatte und war daher für mich zunächst etwas befremdlich. Aus dem OP war ich ein eher vorsichtiges Vorgehen gewöhnt, wohingegen mir die Sektion – fast ein wenig überspitzt gesagt – „brutal und rabiat“ vorkam. Das Ganze erinnerte mich doch mehr an die Arbeit eines Fleischers, als an die eines Chirurgen. Nach der Präparation durch Haut und Muskulatur wurden die Rippen mit einer Rippenschere durchtrennt und Sternum mitsamt Rippen entfernt. Auch die Organentnahme erfolgte sehr „unsanft“: Die großen Gefäße wurden einfach durchgeschnitten, um Herz und Lunge entnehmen zu können, auch die anderen Organe wurden ausnahmslos entfernt. Jedes Organ wurde gewogen und für die makroskopische Inspektion in Scheiben geschnitten, außerdem wurden Proben für die mikroskopische Untersuchung entnommen. Nachdem alle Organe entnommen worden waren, wurde der Schädel eröffnet. Das Vorgehen hierbei ist mehr als gewöhnungsbedürftig: Es wird ein Schnitt am Hinterkopf durch die Kopfschwarte gemacht und dann wird alles Gewebe einfach in Richtung Stirn vom Schädel „abgezogen“ und nach vorne über das Gesicht „gestülpt“. Dies ist ein Anblick, den ich wohl nicht so schnell wieder vergessen werde… Der Schädel wurde dann kreisförmig aufgesägt, sodass das Gehirn entnommen und ebenso wie die anderen Organe gewogen werden konnte. Auch hier wurden Proben entnommen. Was jetzt passierte, fand ich dann doch ein wenig respekt- und pietätlos: alle Organe, die in einer Metallschüssel gesammelt worden waren, wurden einfach achtlos mit einem lauten Platschen zurück in die Bauchhöhle gekippt, die dann auch direkt mit einigen groben Nähten verschlossen wurde. Hier hätte ich persönlich erwartet, dass zumindest die Organe einzeln einigermaßen an ihren ursprünglichen Platz zurückgelegt werden – einfach aus dem Grund, dass man sich die Zeit nehmen sollte, den Toten mit Würde zu behandeln, wo er doch schon auf eine recht unschöne Art ausgeweidet wurde. Ob der Tote Angehörige hatte, war nicht bekannt. Aber ich als Angehöriger wäre ziemlich erschrocken gewesen, wenn ich gewusst hätte, wie bei einer Sektion mit dem Toten umgegangen wurde. Zumindest wurde das Gesicht wieder „zurechtgerückt“ und der Tote anschließend gründlich gereinigt. Da die Todesursache weiterhin unklar blieb, mussten nun die Ergebnisse der histologischen und toxikologischen Untersuchungen abgewartet werden. Es lag jedoch der Verdacht nahe, dass der Mann wohl an den Folgen seines Drogenkonsums, beziehungsweise einer Überdosis, gestorben war.

Durch das Leichenschau-Praktikum habe ich auf jeden Fall einen guten Einblick in die Arbeit eines Rechtsmediziners bekommen. Eine Erfahrung, die ich nicht hätte missen wollen, auch wenn sie mich definitiv darin bestärkt hat, nicht Rechtsmediziner zu werden. Dass es überhaupt einen Facharzt für Rechtsmedizin gibt, ist mir zugegebenermaßen erst durch dieses Praktikum bewusst geworden. Ich denke mal, dass es vielen Medizinstudenten so geht, denn die Obduktion von Leichen ist ja auch wirklich nicht das Erste, was man mit dem Arztberuf assoziiert. Aber gerade deshalb ist es wichtig, im Rahmen des Studiums Berührungspunkte mit ebendiesen schnell in Vergessenheit geratenen Berufszweigen zu schaffen. Eine Kommilitonin von mir hat sich zum Beispiel erst durch das Praktikum intensiver mit der Fachrichtung Rechtsmedizin auseinandergesetzt und nach einem weiteren freiwilligen Praktikum zieht sie nun tatsächlich in Erwägung, Rechtsmedizinerin zu werden. Ich hingegen möchte mich dann doch nach dem Studium lieber mit lebenden Patienten beschäftigen.

Eure Diana

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