Argentinien – ein PJ-Tertial im lateinamerikanischen Süden

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Abwechslungsreich und aufregend gestaltete sich mein zweites PJ-Tertial, das ich in Buenos Aires im Hospital Naval absolvieren durfte. Meine Zeit in Argentinien fand ich einfach unbeschreiblich bereichernd.

Das Arbeitsklima auf der chirurgischen Station war größtenteils sehr freundlich und angenehm. Wer hier jedoch Hygiene suchte, wartete vergeblich. Desinfektionsmittel wurden zu 98 Prozent nicht genutzt, Drainagen ohne Handschuhe gezogen, Wundverbände mit ungereinigten Händen gewechselt, offene Wunden teilweise mit bloßen Händen palpiert. Da drehte sich mir schon mal der Magen um. Ich war sehr froh, mein Desinfektionsmittel, sowie meine Handschuhe von zuhause mitgenommen zu haben und fiel mit deren Einsatz sehr auf. Aufgrund der chaotischen Lebens- und Arbeitsweise der Argentinier war es immer wieder eine Herausforderung, Materialien zu finden, sowie beispielsweise Formulare zu vervollständigen. Dabei gingen wöchentlich viele Stunden verloren.

Die Assistenzarztzeit in Buenos Aires wird auch „Sistema de Palomas“ genannt, wörtlich übersetzt „Taubensystem“. Der Begriff erklärt sich gleich von allein. Die Assistenzärzte im ersten Jahr übernehmen die komplette Stationsarbeit, inklusive Blutabnahmen, Patientenaufnahmen, sowie -entlassungen etc. Sie arbeiten pro Monat circa acht Dienste. Tage, an denen sie um 06:00 Uhr ihren Dienst beginnen und bis zum nächsten Tag um 20:00 Uhr bleiben müssen. Unter 36 Stunden geht da gar nichts. Die Assistenzärzte im dritten, vierten Jahr drehen derweil Däumchen, trinken Mate, unterhalten sich angeregt oder telefonieren. Von gegenseitiger Unterstützung fehlt jede Spur. Es geht soweit, dass sie die Anfänger durch ihre lauten Gespräche im einzigen Arztzimmer der Station an ihrer Arbeit hindern. Traurig, aber wahr. In diesem System, so sagen die Argentinier selbst, „kackt“ jede Taube der unteren auf den Kopf. Ziel ist es, mit den Jahren schließlich eine Taube, die weiter oben sitzt, zu werden. Des Weiteren gilt die Einstellung: „Aus Fehlern lernen!“ Leider werden die jungen und unerfahrenen Assistenzärzte mit vielen Notfällen nachts komplett allein gelassen. Die nähere Ausführung der Folgen spare ich mir an dieser Stelle lieber.

Die Assistenzarztzeit dauert in Argentinien durchschnittlich 4 Jahre. Mit 850 € brutto verdienen die Assistenzärzte in den ersten Jahren miserabel. Regelmäßige Fortbildungen und von den Assistenzärzten vorbereitete Vorträge versuchen diese, auf den praktischen Alltag vorzubereiten. Es gibt eine eigene Ambulanz für die Assistenten im ersten Jahr, die dort lernen sollen, Patienten den anderen Ambulanzen zuzuteilen, Fäden zu ziehen und Wunden nachzukontrollieren. Des Weiteren wird jeder Assistenzarzt im ersten Jahr an den drei OP-Tagen einem OP-Saal zugeteilt. Dort übernimmt er die Tätigkeiten eines OP-Pflegers. Gelegentlich dürfen sie bereits kleinere OPs selbst übernehmen und die Wundnaht setzen.

Generell herrscht im Hospital Naval, das vom Militär geführt wird, ein strenger Ton und sehr viel Druck „von oben“. In meinen Augen war die Hierarchie im Krankenhaus sehr spürbar. Darunter litt leider auch die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegekräften, die fast non-existent war. Eine interessante Erfahrung war meine Teilnahme am jährlichen Chirurgie-Kongress der Hauptstadt. Die Teilnehmer verbrachten mehr Zeit außerhalb des Kongressgebäudes, als innerhalb. Es ging mehr um das soziale Networking, als um Weiterbildung.

Zurück zur Station. Toll fand ich dort, dass die Assistenzärzte einen aus ihren eigenen Reihen zum „Klassensprecher“ wählten, der für die Belange der Gruppe verantwortlich war. Dieser kümmerte sich sehr verlässlich um Probleme und Sorgen der einzelnen und überbrachte gelegentlich den Groll der Fachärzte, wenn mal etwas schief gegangen war.

Buenos Aires entdeckte ich natürlich auch von der nichtmedizinischen Seite ausführlich. Das kulturelle Angebot kann mit dem in Berlin definitiv mithalten. Für jeden bietet diese Stadt etwas. So war meine Freizeit voll mit Theater-, Kino- und Tanzabenden, vielen Konzerten, deren Eintritt oft gratis war, sowie regelmäßigen Sportkursen im Park bei mir um die Ecke. Die kulinarische Vielfalt scheint meiner Ansicht nach nicht so breit, dennoch aß ich hier das beste Steak meines Lebens. Für Fleischliebhaber ist das Land ein Muss – für alle Vegetarier ein Graus. Täglich essen die Argentinier einen Batzen Fleisch, oft begleitet mit Pommes. Von Gemüse fehlt jede Spur.

Die Argentinier sind ein sehr offenes, freundliches und hilfsbereites Volk. Buenos Aires spiegelt für mich nicht Argentinien wieder, so wie Berlin nicht Deutschland. Die Einwohner der Großstadtmetropole sind oft in Hektik, gestresst und etwas aggressiver, als die Leute in den Provinzen. Der Stadtverkehr ist chaotisch, die Stadt laut und dreckig, sowie überlaufen von Kleinkriminellen. Ich bin an den Wochenenden und durch meine genommenen Fehltage viel im Land umhergereist und habe somit einen Eindruck von diesem atemberaubenden, vielfältigen und wahnsinnig großen Land bekommen. So war ich im Süden, landschaftlich der Schweiz mit Bergen und Seen sehr ähnlich, im Nordosten bei den Wasserfällen von Iguazú und im Norden. Die Landschaft des Nordens war für mich einzigartig und erinnerte mich an Fotos aus dem Englischbuch vom Red Canyon in den USA. Jede Region in diesem Land bot ihre ganz eigene Verzauberung.

Ein besonderes Highlight war die einwöchige Hospitation mehrerer Kinderkliniken in San Luis, einer Provinz, die ca. 900 km von Buenos Aires entfernt war. Dort wurde ich mir erst der großen medizinischen Unterschiede zwischen Stadt und Land bewusst. So ist die medizinische Infrastruktur teilweise sehr prekär und durch mangelnde Impfraten, immer wieder heimgesucht von pädiatrischen Infektionskrankheiten, sowie florierender Syphilis durch mangelnden Gebrauch von Verhütungsmitteln.

Spanisch sprechen zu können, ist in diesem Land Voraussetzung, um sich gut verständigen zu können und öffnet damit zahlreichen Freundschaften und Einladungen die Tür. Ich kann jedem empfehlen, dieses interessante Land zu besuchen. Nehmt euch die Zeit, die unterschiedlichen Facetten des Landes kennenzulernen. Es lohnt sich!

Eure Johanna

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