Philosophicum herbipolense: Philosophie im Medizinstudium

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Philosophie im Medizinstudium: Konzept des Philosophicum herbipolense

Wenn ich diese Tabelle auch noch auswendig lerne, dann erreiche ich bestimmt mehr Prozente in der nächsten Multiple-Choice-Klausur. Aber werde ich dadurch auch ein besserer Arzt?

Gesundheit ist laut WHO mehr als nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen. Reicht also das naturwissenschaftliche Wissen und technische Können, das uns im Medizinstudium beigebracht wird, wirklich aus, um Menschen „gesund zu machen“? Denn das ist doch der Anspruch, den die Gesellschaft an einen Arzt stellt. Durch immer neue Erkenntnisse aus der Forschung und der weiteren Spezialisierung der Fachrichtungen wird das Medizinstudium immer komplexer. Allerdings gehen auch viele wichtige Dinge unter, die ebenfalls notwendig für unser späteres ärztliches Handeln sind.

Im Würzburger Philosophicum erörtern wir humanitäre, ethische und philosophische Fragen und Schwierigkeiten im medizinischen Alltag. Es diskutieren Studenten der Medizin und Philosophie mit Ärzten, Philosophen, Psychologen und Gesellschaftswissenschaftlern aller Altersstufen. Dabei standen in den vergangenen Semestern folgende Themen im Mittelpunkt:

Was begründet ärztliches Tun?

Entscheidung & Verantwortung: Inwieweit darf ich oder muss ich meinen Patienten bevormunden? Wer trägt letztendlich die moralische Verantwortung für ärztliches Handeln? Der Patient, der sich zu einer Operation bewusst entschlossen hat? Oder der Arzt, der weiß, welche Konsequenzen diese Operation haben kann? Oder beide? Welche Konsequenz hat das, wenn Fehler passieren?

Aufklärungspflicht: Wie weit reicht die Aufklärungspflicht? Muss ich infauste Prognosen bis ins Detail dem Patienten offenbaren?

Gesundheit/Krankheit: Wo sind die Grenzen zwischen gesund und krank? Darf ich in die persönliche Freiheit eines psychisch kranken Menschen eingreifen, nur weil ich ihn für krank halte? Wer definiert, ab wann eine Krankheit behandlungsbedürftig ist? Wo beginnt und wo endet die Autonomie eines Einzelnen?

Nein sagen: Wann darf ich eine ärztliche Behandlung ablehnen? Wie gehe ich damit um, wenn nach Dienstschluss schon wieder eine ganze Reihe Angehöriger auf mich wartet? Darf ich Grenzen ziehen, wenn mich eine bestimmte Situation im Krankenhaus persönlich zu sehr belastet? Muss ich immer verfügbar sein?

Das Philosophicum war bis 1861 Teil des Medizinstudiums und wurde dann durch das Physikum ersetzt. Es ist also keine neue Entwicklung, dass Philosophie und Medizin Hand in Hand gehen. Leider wird dies im Medizinstudium oft zu wenig berücksichtigt. Meiner Meinung nach bietet das Philosophicum in Würzburg eine ausgezeichnete Möglichkeit, seinen Horizont für den klinischen Alltag mit diesen Themen zu erweitern, die nicht in einer Multiple-Choice-Klausur abgefragt werden können.

Das Philosophicum findet während des Semesters etwa alle zwei Wochen statt und kann auch als Wahlfach im klinischen Studienabschnitt angerechnet werden. Einmal im Semester findet noch ein Symposium zu einem bestimmten Themenkomplex statt. Dabei reisen oft namenhafte Dozenten aus verschiedenen Fachrichtungen an und beleuchten das Thema aus ihrer Sichtweise. Im Anschluss finden immer spannende Diskussionen statt.

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