Klinik der Romanze: Mein Kommilitone liegt im Sterben

Klinik.jpg

Nach ganzen drei Tagen, die man sich vom Physikum erholen konnte, sitzt man auch schon im großen Hörsaal der Uniklinik und lauscht gespannt dem Studiendekan, der Fachschaft und irgendwelchen anderen Menschen, die auch irgendwie wichtig zu sein scheinen, was sich später als arglistige Täuschung entpuppen soll. Nach der Vorlesung warten der Marburger Bund, der Hartmannbund und die Ärztefinanz auf neue Opfer und locken gar süß und nett mit Gummibärchen und Schokolade. Bier gibt´s nicht, also auch keine Unterschrift von mir. Nachdem ich´s dem Marburger Bund jetzt aber ganz schön gezeigt habe, folgt die Hausführung durch die Klinik. Zwei Studentinnen höheren Semesters laufen im Eilmarsch voraus und ungefähr dreißig Studenten traben hinterher, um anschließend vollkommen verwirrt in den Nachmittag entlassen zu werden. Egal, man wird schon alles irgendwie finden! Die kommende Woche gilt es den Katalog abzuarbeiten, der uns am ersten Tag offenbart wurde.

Zunächst wartete die Betriebsärztin auf mein Erscheinen. Nachdem mein Impfpaß kritisch beäugt wurde, erklärte man mir, dass neun Impfungen anstünden, entschied ich mich denn auch für Hepatitis A und Grippe, ansonsten „nur“ sieben Impfungen. Ich entschied mich für die volle Ladung und lag somit das erste Wochenende im neuen Semester gleich flach. Nach drei Tagen Dauerschlaf und allen Pillen, die ich aus der Physikumszeit noch fand, ging´s aufwärts und die Woche drauf gleich in die Wäschekammer. Wo war die nochmal? Im ersten, zweiten oder dritten Untergeschoss? Ich versuche mich an die Hausführung zu erinnern, doch auf mein Kurzzeitgedächtnis war noch nie Verlass, so dass ich nach dem ersten Versuch im Heizungsraum lande. Lieber noch vergewissern, ob die Heizungskessel nicht doch Waschmaschinen sind, aber es stimmt: wo Heizungsraum drauf steht, ist tatsächlich Heizungsraum drin. Doch durchorganisiert der Laden!

Mit dieser tröstlichen Erkenntnis begebe ich mich weiter auf die Suche. Ich komme mir etwas vor wie in den Hallen Morias. Wo ist er nur? Mein Schaatzssss! Nachdem ich zwar den Übungsraum für Anästhesie, eine Batterieladestation und den Vorratsraum der Küche gefunden habe, aber keine Wäschekammer, muss ich das tun, was Mann nur in der allerhöchsten Not zu tun pflegt: nach dem Weg fragen. Auf einem Gabelstapler kommt mir ein bärtiger älterer Herr mit Glatze und Bauch entgegen. Der wirkt äußerst kompetent, denke ich und winke dem Herrn zu, er möge doch halten, was er auch sogleich tut. „Wo geht´s denn hier zur Wäschekammer?“ frage ich ohne Umschweife, denn ich habe einen Termin dort und will den Zeitrahmen nicht durcheinander bringen. Gott sei Lob und Preis bin ich inzwischen mit der ostbayerischen Artikulationsweise bestens vertraut. „Do firre, hint umera s´Eck un nochher da dritte Gang rechts!“ nuschelt es mir entgegen, begleitet vom lieblichen Säuseln irgendwelcher Turbinen, Motoren und anderer Gabelstapler. Wenig später finde ich tatsächlich das Eck, um das ich herum muss und da steht es auch schon angeschrieben „Wäschekammer“. Dort angekommen muss ich erst unterschreiben, dass ich bereit bin meinen Spind zu teilen, (klingt christlich) die Arbeitswäsche nicht zu anderen Zwecken verwende (ich werde sie lediglich tragen,…versprochen!) und unter dem Kittel private Hemden zu tragen habe. Kaum ist der Zettel unterschrieben, geht´s an die Wäsche. Mit Größe 58 war ich bisher immer sehr glücklich, doch der fachfrauische Blick der Gebieterin über Kittel und Hosen gibt mir gleich die Größen 60, 62 und 64 mit in die Umkleidekabine. Wie sich zeigt bin ich während der Physikumvorbereitung nicht nur geistig über mich hinausgewachsen. Den wahrhaftigen Weitblick der Wäschefrau rühmend, verlasse ich diese Stätte der tausend Größen wieder.

Am nächsten Tag wird das frisch erworbene Stethoskop endlich ausprobiert. Leider nicht am Patienten! Wir müssen gegenseitig herhalten, bevor wir in sehr naher Zukunft auf kranke, leidende Menschen losgelassen werden. Zunächst wie immer Theorie, wobei erklärt wird, welche Befunde welche Diagnosen zulassen könnten. Dann ist es so weit: wir müssen uns abwechselnd auf die Liege begeben, um unseren Kommilitonen für lange Minuten ausgeliefert zu sein. Bei mir wird eine Gewebsinfiltration in den oberen Lungenflügeln festgestellt, eine stark vergrößerte Milz und keinerlei Lymphknoten in der Halsregion. Doch auch mein Kommilitone ist nicht besser dran: ein Akustikus-Neurinom, eine fast schon nicht mehr vorhandene Schrumpfleber und eine fehlende Pulmonalklappe werden von mir souverän diagnostiziert. Auch das restliche Semester ist todkrank wie ich erfahren habe. Während der Untersuchung haben wir alle herzlich über unsere Befunde gelacht. Doch nachts wenn es dunkel ist, und man wach und allein da liegt, fragt man sich, ob nicht doch was dran sein könnte, zumal man sich ohnehin irgendwie schwächer fühlt die letzte Zeit. Auch der Rücken tut manchmal so komisch weh,… ob das schon Metastasen sind? Oder Osteomyelitis? Das würde die vergrößerte Milz erklären, die ich heimlich immer wieder selbst zu tasten versuche. Doch dann fällt mir die Gebieterin der Wäschekammer wieder ein. Nein, Appetit hab ich noch, und massiver Gewichtsverlust scheint auch keines meiner Kardinal-Symptome zu sein. So schlafe ich zufrieden ein und stelle mir vor, wie ich mir schon bald die schönste Doktorarbeit einfach heraussuchen kann, wenn das restliche Semester dann verstorben ist. Auch wenn es natürlich schade ist um jeden Einzelnen, aber es hat halt alles auch sein Gutes!